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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 303 (sequence 7)
Language
German
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303 ittelalter, n sie sich lies, was fach üevdie uwr n Mittel, dann die t, welche galten." Kapiteln andelsr Mandler re Kräfte MN eine 'eben zu- )r. Das lerdienen, wie ein rs Arti^ Mißtrauen geschäften nur für die Well sei. T'ie als eine mgeboren istina besen. S'ie jüdischen Ickerbauer Handels-' ien. Ter lgen nicht esrichtnng ylonischen reibenden Zug ihrer Zeit de-) > sich faü :, welcher rieben bv-:- desselbc» aus bfin der Rulic In Eira Aus der cklich, dail ndel fern angeregt. Nach de,» wbilde der I christlichen , Grunde in den Ltädten zusammeugedrüugt lebten, von dein Rechte, Boden zu erinerben, ausgeschlossen waren und ihnen fast jeder andere Lebensweg verschlossen blieb. Allerdings haben sie, einmal den Handel anfassend, Hierbei die Eigenschaften der verständigen Einsicht, der Thatkraft, des selbständigen Ersinneus und der Ausdauer entfaltet, welche die Natur ihnen verliehen hat. Wenn es ein Verbrechen ist, zum Kaufmann geboren zu sein, so sind hierfür nicht die Juden verantwortlich, es haben vielmehr die alten und die neuen Griechen, Venetianer und Nenuefen und alle Italiener, die Arincnier der Gegenwart und endlich die Engländer hierfür einzustehen. Andererseits wird behauptet, die Juden seien reich. Wir befinden aus hier ebenfalls einer Fabel gegenüber. Nein, die Inden sind arm, schrecklich arm. Die Täuschung wird nur dadurch bewirkt, daß es in allen Ländern einige reiche Juden giebt, welche die Drappierung bilden und die Armuth der Anderen verhüllen. Wären sie nicht eben suiden, man würde sie gar nicht beachten. Wer, mit Ausnahme der Ltandesgenossen, kennt die Namen der englischen Lords, welche ebenso reich oder reicher als Rothschild sind? Wem sind die Namen iH'r amerikanischen Millionäre wie Vanderbilt, Astor u. a. m. geläufig? Irr Name Rothschild ist aber in aller Welt Munde, und vor Kurzem bat ein asiatischer Chan, als er einem europäischen Reisenden gegenüber von Juden überhaupt sprechen wollte, sofort und vorerst den Aamen Rothschild genannt. — „Es ertönte," sagt Loeb, „während res Mittelalters und während der letzten Jahrhunderte die allgeineine Anklage, daß die Juden alle Reichthümer an sich reißen. Wohin >!»d denn diese gekommen? Was ist aus diesen fabelhaften Schätzen geworden? Wer vermag in der Judenheit unserer Zeit das reiche Aesitzthum eines Juden zu neunen, das älter als ein Jahrhluidert iväre? Wer kann sagen, was von den Reichthümern des gegenwärtigen «Geschlechtes ein Zeitalter überdauern wird?" Herr L. erbringt aus »iclfachen Dokumenten im Elsaß und im südlichen Frankreich, die er iorgsam prüfte, den historischen Beweis, daß das Vermögen der Inden in diesen Gegenden, welches immer für bedeutend gehalten ivurde, nur ein sehr geringfügiges und kaum nennenswerthes war, und indem er sich der Gegenwart zuwendet, komint er zu dcni Schlüsse: „Wenn man die Juden im Ganzen als Masse betrachtet, »»iß man es aussprechen, sie sind arm, sie erscheinen unglücklich und dürftig, sie sterben fast vor Hunger." Man nimmt gewöhnlich an, es gäbe sieben Millionen Juden. Kaum eine und eine halbe Million von diesen, es sind die Juden in den meisten europäischen Ländern »iid in Amerika, befinden sich in einem besseren Zustande. In den andern Ländern aber und in den anderen Welttheilen ist die Armuth der Jiiden geradezu erschreckend. In der europäischen und asiatischen äürkei, in Rumänien, Serbien und Bulgarien, selbst in einem Theile Ungarns, in Marokko, Algier, Tunis und Tripolis ist ihre Lage außerordentlich jammervoll. In den westlichen und südlichen Provinzen Rußlands, in den: österreichischen Galizien ist sie womöglich noch beklageuswerther. Auch in den anderen Ländern, wo sich ein Theil der Juden nicht in dem Stande der Armuth befindet, sind sie nicht reich. Wahr ist nur, daß man in vielen Zeiten meinte, sie seien reich, daß man sie vielfach ausgebeutet hat und ihnen vorwarf, sie hätten die Völker geplündert. Das dritte Beispiel von der Sagenhaftigkeit, welche den Nachrichten über die Juden anhaftet, giebt der ihnen zur Last gelegte Geiz, während sie doch in Wirklichkeit mit besonderer Freigebigkeit sich an allen Werken der Wohlthat betheiligen. Die Fabel wirft den Juden Engherzigkeit vor. Aber Alles, was wir aus alter Zeit über sie wissen, nicht minder die Geschichte der neueren Zeit und der letzten Jahre liefert sichere Beweise gegen diese beleidigende Zumuthung. Diese behauptet, die Juden seien Materialisten. In Wahrheit aber opfern sie sich seit Jahrhunderten für ihre Glaubenssätze auf. Diese meint, die Juden halten sich entfernt von'der christlichen Gesellschaft, während es in der That die christliche Gesellschaft ist, welche den Juden die Annäherung schwer macht. Diese macht glauben, die Juden betrachten sich den anderen Stäinmen und Glaubensbekenntnissen gegenüber als Fremdlinge, während schon die alten Propheten zum ersten Male in der Welt in ihren hoffnungsreichen Aussprüchen die Aera der allgemeinen Menschenverbrüderung herbeigesehnt und verkündet haben, während das erste Blatt unserer Bibel die Einheit des menschlichen Geschlechtes zum Ausdruck bringt. Einer der Vorwürfe, welche man uns am öftersten macht, ist, wir wären Schwindler, Wucherer, harte und grausame Geldverlciher. Run denn! Die größte Schwindelei, deren Andenken die Geschichte bewahrt, ist diejenige Law's. Dieser aber war kein Jude, in dem Kreise, der ihn umgab, befanden sich keine Inden, in dem Lande, in welchem er lebte, gab es damals fast keine Juden. Allerdings führt Loeb fort, indem er Beweise für seine Behauptung anführt, hat man von anderer Seite her aus den Juden Geldverleiher gemacht. 1) Man hat sie im buchstäblichen Sinne dazu genöthigt. Die Kirche hatte den Christen verboten, Geld auf Zinsen auszuleihen, da sie dies als große Sünde betrachtete. Ohne Darlehensgeschäfte konnte sich aber Handel und Wandel nicht gut bewegen. Die Juden mußten sich opfern und an Stelle der Christen die Sünde begehen. Die ganze Legende von dem Juden, welcher Wucher, nach dem heutigen Sinne des Wortes, treibt, rührt von dem Mißverständnisse eines Ausdruckes her. Unter usura verstand man im Mittelalter jedes auf Zinsen gemachte Darlehen. Die modernen Berichte von wuchertreibenden Juden sehen in den Nachrichten über usura, welche sich in den Chroniken des Mittelalters finden, etwas ganz Anderes. Sie legen und deuten in dies Wort hinein den verbrecherischen Wucher. Es giebt vielleicht kein altes Buch, in welchem der Wucher schärfer verurtheilt und als schimpflich gebrandmarkt wird, als in der Bibel. Will man Völker kennen lernen, welche sich freiwillig und ohne äußeren Zwang dem Wucher zuwendeten, so kann man auf die alten Römer, auf die italienischen Republiken des Mittelalters blicken. Von den Zeugnissen, welche L. aus dem Mittelalter dafür anführt, daß die Juden jener Tage nicht im Rufe der Wucherer standen, sei nur eines angeführt; der au den Wänden der Kathedrale in Basel von Alb. Dürer gemalte Todtentanz. Unter den Personen, welche dort auftreten, sieht man auch einen Juden, ihm zur Seite aber einen Wucherer. Dieser aber ist kein Jude. In unseren Tagen gedeiht in Ländern, in welchen sich wenige oder gar keine Juden befinden, der Wucher. So mußte man in Belgien, wo es fast keine Juden giebt, das 1849 abgeschaffte Wuchergesetz im Jahre 1857 wieder Herstellen. In Schweden, wo keine 8000 Juden leben, war man genöthigt, strenge Vorschriften gegen den Wucher ergehen zu lassen. Dieser blüht in Spanien, dem Lande, in welchem gar keine Juden leben, gerade aus das UePpigste.A Es giebt also andere Wucherer als die Juden. Herr L. behandelt auch Shakespeare» Shylock und dessen Quellen ausführlich und kommt zu dem Schluffe, daß die ursprünglich rechtsinhaltliche Erzählung von der Verpfändung eines Theiles des menschlichen Leibes ihre Wurzel in dem Gesetze der zwölf Tafeln habe, welches das römische und nicht das jüdische Recht darstellt. Dort ist es mit klaren Worten ausgesprochen, daß „wenn man mehr oder weniger von dem lebendigen Leibe des zahlungsunfähigen Schuldners ausschneide, hierin kein absichtliches Vergehen zu erkennen sei." l) Ernest Renan, Figaro du 21 Janvier 1880. -) S. Protokolle der Sitzung des Reichstages in Wien v. 7. Februar 1890. S. 13327. - 4L

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