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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 302 (sequence 6)
Language
German
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302 liche Betriebsamkeit der verschiedenen Böller auf, in deren Mitte sie leben und deren Mitbürger sie sich mit Stolz und Freude nennen. In neuerer Jeit ist den Israeliten, welche an der Bildung des Jahrhunderts theilnehmen und die Wahrheit lieben, eine gemeinsame Beschäftigung anfgedrängt worden: die Abwehr des Judenhasses. Die Fortschritte in der Naturwissenschaft, die Fürsorge der staatlichen Verwaltung haben den Krankheiten, welche weither ans dem Osten kommen, eine Schranke zu setzen vermocht und haben den Städten und Ländern Schutz geboten. Nicht so glücklich war bisher der edle Brudersinn, die Hcrzcnslauterkeit, das doch immer in weitere Kreise dringende Gefühl des reinen Menschenthums. Dem Gifthauche des Antisemitismus, der von Land zu Land zieht, und auf schwache, neidische oder mißgünstige Geister betäubend wirkt, blieben nur wenige Gegenden verschlossen, und die Bekenner der jüdischen Glaubenssätze müssen hier und dort das Wort führen und wie der Arzt denen gegenüber, die von einer geistigen Bethörung umfangen sind, das richtige Wort und den gemessenen Spruch suchen, um Eindruck auf die umnachtete Seele zu gewinnen und die richtige Erkenntnis; wieder aufdämmern p lassen. Ein solches Wort, welches den Widersinn beweist, von welchem die antisemitischen Anklagen erfüllt sind, liegt in ernst wissenschaftlicher Behandlung und in der zierlichen Darstellung eines öffentlichen Vortrages vor uns in der Schrift des Herrn Professors Isidore Loeb: „Ter Jude in der Geschichte und der Jude in der Legende".') Die Ausführungen des geschichtskundigen Gelehrten inenden sich an ein französisches Publikum und haben, so weit sie sich auf die Gegenwart beziehen, meist die Juden in Frankreich im Auge, doch berühren die Notizen ans der Geschichte der Vergangenheit rmd zum Thcil auch der Verhältnisse der Gegenwart das Leben der Juden im Allgemeinen und nehmen vielfach Beziehung auf die Juden in Deutschland. Sogar die Vorgänge im preußischen Abgeordnetenhause in der Sitzung vom 21. März d. I. berührt die zusammcnfasscnde Abhandlung. -) Herr Loeb geht von der richtigen Bemerkung ans, daß sich eine große Menge von sagenhaften Nachrichten über die Inden im Umlaufe befinden, welche nicht die mindeste Begründung haben, ja oft geradehin der Wahrheit widersprechen, an die Stelle derselben getreten sind und doch leichthin und ohne Schwierigkeit allgemein Glauben finden. Er zeigt, „daß in dem, was über die Juden bekannt ist, die Rolle der Sage und der Legende viel bedeutsamer sei, als man dies so gemeinhin glaubte. Viele Erzählungen und Ausführungen gelten als wirkliche Geschichte und als anerkannte Wahrheit, während sie in Wirklichkeit nichts anderes sind als Fabeln, welche im Volksaberglauben ihren Grund haben oder von den Feinden der Juden böswillig erfunden und verbreitet wurden." „Nie", sagt er, „würde ich an eine so gewaltige Fälschung der Geschichte geglaubt haben, allein ich bin nun zu der Ueberzeugung gekommen, daß es in allen Erzählungen und Berichten, welche man uns über die Juden mittheilt, nicht eine, sie möge aus früheren Jahrhunderten, aus dem Mittelalter oder aus der Neuzeit stammen, gebe, welche nicht verdächtig wäre, und die man nicht der sorgsamsten Priisung unterziehen miißte, bevor man sie anerkenne. Die Inden selbst haben wunderbarer Weise oft derartigen Erzählungen Glauben geschenkt. Tie jüdischen Chronikschreiber, ihre Historiker haben vielfach derartige Berichte ohne Mißtrauen ausgenommen. Sv liest man in den jüdischen Ehroniken und Geschichtsbüchern wunderbare Mit- ') Le .juif de l'histoire et le juif de la legende, par Isidore Loeb, Paris, L. Gerb 18!M) 54. -) Seite 38, Note 2. theilungen über den großen Reichthum der Juden im Mittelalter, über ihre große Zahl, über den bedeutenden Einfluß, dessen sie sich an den Höfen und bei den Königen erfreuten. Allein Alles, war im Mittelalter die Juden betraf, erschien dem Volke in vielfach vergrößerter Gestalt. Unsere armen Chronikschreiber haben die umlaufenden Gerüchte einfach ausgenommen, sie hatten auch kein Mittel, dieselben zu kontroliren, und die Geschichtschreiber haben dann die Mittheilungen der Chroniken abgeschrieben. Die Jrrthümer, welche sie wiederholt und verbreitet haben, werden hartnäckig festgehalten. Herr Loeb beweist durch drei Beispiele, welche in einzelnen Kapiteln ausgeführt werden, die Richtigkeit seiner Behauptungen. Man glaubt an die Begabung der Juden für die Handelsgeschäfte. Man hält dafür, daß die Juden geborene Großhändler und Banquiers seien, daß die Natur ihnen hierzu besondere Krästc geliehen, daß eine besondere Bestimmung der Vorsehung ihnen eine hervorragend wunderbare Anlage für das geschäftliche Leben zugewiesen hätte. Man liest dies, man hält es für wahr. Tue Kompliment berührt nicht unangenehm, man glaubt es zu verdienen, man nimmt cs an, man hält daran fest, cs wird sicher wie ei» Glaubenssatz. „Aber gerade," bemerkt L., „wenn man uns Artigkeiten sagt, ist cs an der Zeit, aufmerksam zu werden und Mißtrauen zu fassen. Gebt acht! Wer Eure Begabung zu Handelsgeschäften rühmt, will oft damit sagen, daß Ihr für nichts als eben nur für die Handelsgeschäfte Talent und Fähigkeit besitzt, daß Euch die Well der höheren Gedanken und der edlen Ideen verschlossen sei. Tie Belobung, die inan Euch zu Theil werden ließ, erweist sich als ein, versteckte Beschimpfung." Wenn den Juden ein besonderes Talent zum Handel angeboren wäre, so Hütten schon ihre Vorfahren, zur Zeit als sie Palästina be wohnten, ebenso gut wie die Phönizier, Kaufleute sein müssen. Sie waren cs aber nicht. Während der ganzen Dauer des jüdische» Königthums bis zum babylonischen Exil tvaren sie nur Ackerbauer und nichts als Ackerbauer. Die Versuche zweier Könige, Handelsverbindungen mit Ophir herzustellen, wurden bald aufgegeben. Ter Geist des jüdischen Volkes hatte sich diesen Unternehmungen nicht zugewendet. Würden die Juden sich in Folge ihrer Geistesrichtiing dem Handel zugeneigt haben, so hätte während der babylonische» Gefangenschaft, wo sie doch init einem wesentlich handeltreibende» Volke, mit den Chaldäern, in Berührung kamen, der innere Zug ihrer Seele sich bemerklich machen müssen. Aber wir sehen zur Zeit des zweiten Tempels die aus dem Exil zurückkehrenden Juden sich fall ausschließlich mit dem Ackerbau beschäftigen. Ein Prophet, welcher um diese Zeit schrieb, sieht das größte Glück in dem Frieden des Landmannes, der seinen Weinstock pflegt und die Frucht desselben verzehrt'). Ein zweiter Prophet, welcher nach der Rückkehr aus de»> Exile in Palästina lebte, sieht das Ideal des Glückes in der Rübe im Schatten des Wcinstocks und des Feigenbaums'). In Esia und Nehemia treten nur Handwerker und Ackerbauer auf. Aus der letzten Zeit des zweiten Tenipels berichtet Josephus ausdrücklich, daß die Juden einen Agrikulturstaat bildeten und dem Handel fern standenr). Erst durch die Griechen und von ihrem Beispiel angeregt, wendeten sich die Juden in Alexandrien dem Handel zu. Nach dem Zuge Alexanders widmeten sie sich, abermals nach dein Vorbilde der Griechen, in den kleinasiatischen Kolonien derselben dem geschäftliche» Leben. Im Mittelalter waren sie aus dem einfachen Grunde Handelsleute, weil sie als Fremde betrachtet wurden, in den -) Jesaja 65. 21. 2) Zacharia 3. 10. 3) Contra Appion. 1, 12. Städter werben, »erschlich bierbei selbstänl ihnen t geboren laben illcmiesc die Ene Aii ims hie ichrccklic nlleit Le »nd di .Tiden, Stande ebenso »er am Ser N> hat ein aber v llamen des Mi Änklag« »nd de geword Vesitzth wäre? ltzeschle, vielfach iorgsair Juden wurde, und ii Schluss ums; „ dürftig es zähl von di »nd i, andern der In Türkei, Ungar! außero vinzen noch 1 Theil nicht seien r sie hät T richten wahret allen l Enghe nicht i liefert behaus

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