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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 301

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 301 (sequence 5)
Language
German
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Wenige Jahre nach erfolgtem Ankauf stellte der damalige Vorsitzende der Leipziger Kultusgemeinde, ^tadtrath Kohner (der Begründer des Gemeindebundcs), bei dem Mndelssohn - Verein den Antrag, das Eigenthumsrecht an dem Dssauer Hause der in Leipzig bestehenden und mit Korporationsrechten iiusgestattcten „Mendelssohn-Stiftung" zu übertragen; indeß gelangte dieser Antrag nicht zur Annahme, da die Leiter des Mendelssohn- Acrcins immer noch die Hoffnung hegten, eine Fortsetzung der Sammlung werde ihnen die für den Stiftungszweck nöthigen Kapiialien schaffen. Das Jahr 1866 mit seinen kriegerischen Ereignissen icntörke auch diese letzte Hoffnung, und als nun gar eine Hypothek >o!iindigt wurde, welche den in der Sammlungskasse vorhandenen betrag um das Vierfache überstieg, da mußte der Vereinsvorsitzcnde, wollte er das Haus nicht unter den Hammer kommen lassen, mit innen eigenen Miteln in die Bresche springen. Dennoch dauerte es noch ztvölf Jahre, bis er sich entschloß, der Kohncr'schen Anregung on'lge zu geben. Endlich — Kohner hatte schon seit Jahren die Augen ze'chlossen, — richtete Frankel Ende 1878 an den Leipziger Vorstand cm Schreiben, in welchem er den Antrag stellte, daß der Vorstand eas Eigenthum des Mendelssohn-Hauses entweder selbst übernehmen eoer bei der Mendelssohn-Stiftung oder beim Deutsch-Israelitischen l'icmcindebunde hierzu die Anregung gebe. Die Leipziger Gemeinde wurde damals von Jakob Nachod gc-!ci;et, der zugleich Vorsitzender des Gemeindebundes war. Mit Begciilerung nahm Nachod den Plan, wie ihn der Mendelssohn-Verein ursprünglich gefaßt hatte, auf. Paßte er ja recht in die Veranstaltungen lmiein, welche der Gemeindebund damals zur würdigen Begehung r •> hundertundfünfzigjährigcn Geburtstages Moses Mendelssohns traf. Fi dem Aufruf zur Begründung von volksbildenden Vereinen, welche Mndelssohns Namen führen sollten, und der Herausgabe des Lessing- Mcndelssohn - Gedenkbuches kam nun als dritter und würdigster ckrogrammpunkt der Ankauf des Geburtshauses und die Begriindung tci Stiftung. Doch mit so geringen Mitteln das erste zu erreichen iMt — es genügte die Auszahlung einer Hypothek von WO Mk. zum Erwerb — so viele Schwierigkeiten bot die Ausführung des Weiten Planes. Da war es die Familie Mendelssohn in Berlin, Daen Pietät dem Gemeindebund das Ehrendenkmal für den großen 'Ionen errichten half. Nachod wußte das Haupt der Mendelssohnschen Aiimilie, den Geheimrath Franz Mendelssohn in Berlin, für seinen ckckm zu erwärmen. In einer Anzahl von Konferenzen und Schriftimcken wurde die Idee besprochen, wurden Projekte aufgestellt und wieder verwarfen. So hatte Nachod vorgeschlagen, daß das neue Asyl auf die Konfession der Aufzunehmenden keine Rücksicht nehmen, ""'dem nur darauf sehen sollte, Männer aufzunehmen, welche im Aiendelssohn-Lessingschen Geiste gewirkt hätten. Franz Mendelssohn verwarf dies und bestimmte, daß lediglich jüdische Gelehrte Aufnahme 'mden sollen. Zur Leitung und Verwaltung der Stiftung erklärte 'icksder Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Dessau bereit, 'e daß der Ausschuß des Gemeindebundes bereits am Mendelsohns- Fibeltage der deutschen Judenheit die Mittheilung machen konnte, daß die Existenz der Stiftung gesichert sei. Acht Wochen später, am 31. Oktober 1879, Unterzeichneten Marianne Mendelssohns' gcb. Seeligmann, Franz Mendelssohn und d'lnst Mendelssohn-Bartholdy die Stiftungsurkunde der „Moses Mendelssohn-Stiftung" und,überwiesenFdem Vorstande der Kultusgemeinde Dessau den Kapitalsbetrag von 30,000 Mk. mit dem Ausdruck des Wunsches, daß die jüdische Gemeinde in Dessau die Verwaltung in einem Geiste führen werde, „welcher der humanen Gesinnung Moses Mendelssohns und seinem edlen Wirken entspricht, damit das Andenken an ihn, der durch seine Schriften so reichen Segen verbreitet hat, auch in dieser Stiftung gesegnet bleibe." Die wesentlichen Bestimmungen der Stiftungsurkunde sind folgende: In dem zu restaurirenden Mendelssohnhause sollen 2 bis 4 jüdische Gelehrte, welche das sechzigste Lebensjahr überschritten haben, freie Wohnung und, soweit es die Mittel gestatten, Unterhalt finden, lieber die Aufnahme entscheidet der Tessauer Vorstand nach Genehmigung des Gemeindebundes. Der Vorstand in Dessau hatte ursprünglich gehofft, daß das gesammte Stiftungskapital oder doch wenigstens der größte Theil desselben zinstragend angelegt und zum Unterhalt der Pensionäre würde verwendet werden können. Diese Hoffnung erwies sich leider als trügerisch. Ein fachmännisches Gutachten stellte die Vornahnie eines Umbaues des Vorderhauses als nothwendig hin. Dieser wurde dann 1880 von dem Architekten Paul Rathke vorgenvmmen, und nun entstand jener anspruchslose und doch ansprechende Bau, den wir jetzt in der Askanischcn (früheren Hospital-) Straße sehen. Das Haus enthält drei Wohnungen, aus Stube, Kammer und Küche bestehend, in welchen zur Zeit zwei würdige emeritirte Beamte ihr Leben fristen. Neu ausgebaut, jedoch sonst streng erhalten ist das Hintergebäude, welches im Erdgeschoß das kleine ärmliche Geburtszimmer Mendelssohns enthält. Hier hängt noch jenes alte Bild, welches als „Pertinenz des Hauses" von den einstigen Besitzern übernommen wurde. Dies Zimmer bleibt unbewohnt; nur an dem Jahrzeitstage Mendelssohns versammelt sich in dem durch Alter und Erinnerung geweihten Raume eine andächtige Gemeinde, um dem großen Todten ein frommes Kaddischgebet nachzusagen und das Bild des Edlen zu bekränzen. Leider haben die Kosten des Umbaues und der Reparatur den größten Theil des von der Familie Mendelssohn dem Stiftungszwecke gewidmeten Kapitals verzehrt; nur ein kleiner Fonds ist zum Unterhalt der Gelehrten, welche die Insassen des Hauses bilden, übrig geblieben. Auch spätere Gedenktage, bei denen die deutsche Nation Gelegenheit hatte, ihren Mendelssohn zu feiern, haben nicht dazu geführt, das Loos seiner Hausgenossen um ein Wesentliches zu verbessern; doch ist immerhin für das Nothwendigstc gesorgt. Vielleicht wird der humane Sinn späterer Jahre zum Nöthigen das Wünschenswerthe, zur Stillung des Lebensbedarfs die Annehmlichkeit fügen. Doch wie dem auch sei, wir dürfen uns schon jetzt der Thatsache freuen, daß das Geburtshaus des „dritten Moses" zu einer Stätte frommen, wohlthütigcn Wirkens geworden ist, daß neben dem Denkmal aus Marmor, welches die Verehrung ihm in diesen Tagen errichtet, noch ein anderes, erbaut von der Liebe, besteht und in jedem Augenblick ein lebendiges Zeugniß ablegt von der Wahrheit des Dichterwortes: Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt Sein Wort und feine That dem Enkel wieder. U Der Jude der Geschichte und der Jude der Legende. Von Dr. Joöt Müller. Die Juden, welche in den verschiedenen Ländern der gebildeten Welt leben, bewahren neben ihrer Abstammung nur in ihrem Glauben eine bemerkenswerthe Gemeinsamkeit. Sonst weisen ihre Bestrebungen und ihre Lebensformen, soweit sie zu freier Entfaltung zu kommen vermögen, ein volles Aufgehen in die Denkweise und in die bürger-

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