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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 299

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 299 (sequence 3)
Language
German
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Wenn »her ber moberne Jüngling an ber Eingangsthür seines Elternhauses nie Aufschrift liest: „Verein gegen.Hausbettelei", wenn er ben Armen mtb Bebrüngten, mag burch organisirte Mildthätigkeit unb burch Vereine noch so viel für benselben geschehen, grunbsätzlich von ber Schwelle ,'eines Elternhauses ferngehalten unb ausgeschlossen sieht, so iniif; ihm jener Satz, wenn er ihm in ber Religionsschnle eingeschärft wirb, zum mindesten als ein für bie Gegenwart überwnnbener Stanbpnnkt, als eine für bas Leben unfruchtbare Theorie erscheinen, bie, wie alle Moralpredigten, bie nicht im Leben ihre Bewahrheitung finben, spurlos unb ohne nachhaltige Wirkung an ber Seele vorübergeht. Soll also etwas Ernstes unb Wirksames für bie Zeitigung religiösen Sinnes, für bie Schaffung von Liebe, Anhänglichkeit unb Begeisterung für bie Lehre bes Jubenthnms bei ber heranwachsenben Generation geschehen, so muß bas Hans unb bie Familie im Verein mit ber Schule barauf hinzuwirken suchen, so müssen in ber Familie trotz ber wohlbegrünbeten unb burch kein noch so heftiges Eifern anszuhalteuden Abbröckelung veralteter unb überlebter Ceremonien unb Gebräuche gewisse Kernpunkte jübischen Gesetzes unb silbischer Lebensführung erhalten bleiben, bie bem Jüngling lebendig vor bie Seele treten unb ihm bie Forberungen ber Religion zur Anschauung vringen. Allecbings ist es schwer, hierfür allgemein giltige Normen aufzustellen; — bies zu versuchm, muß Berufeneren überlassen tverben - unzweifelhast ist aber, baß bei völliger, in ben meisten Fällen aus Gleichgiltigkeit ober Bequemlichkeit geschehender Lossagung ber Familie unb bes Hauses von ber Befolgung unb Bethätigung religiöser Lebens- »ormen, eine religiöse Erziehung ber Jugenb, selbst wenn bie Religionstchule noch so Vortreffliches leistete, nicht zu erzielen ist. Eins der wirksamsten Mittel, in der Seele bes heranwachsenben Kindes religiösen Sinn zu wecke» unb zu entwickeln, ist unstreitig die Gewöhnung an religiöse Anbacht, an bas Gebet. Damit tonnte jebc Familie ben Anfang machen, um ihren Einfluß auf bie religiöse Erziehung zur Geltung zu bringe». Hier kann bas Haus erfolgreich wirken, hier ist es bie Aufgabe bes Vaters, ber Mutter, ermunternb unb begeisternb auf bie Kinbesseele einznwirken. Aber hier liegt auch eine große Gefahr, wenn hinsichtlich ber Auswahl bes Gebetsstoffes nicht nach wohl überbachten vernünftigen Gesichtspunkten verfahren wirb, wenn bem Kinbe ellenlange Gebete, wie sie in den meisten nuferer Gebetbücher vorgeschrieben unb in ben meisten Gemeinben für die Anbackt bestimmt sinb, vorgelegt werben; ober wenn bei einer Kürzung unb Auswahl bes Stoffes bie veralteten Grunbsätzc, nach beiten bas Wichtige von bem minder Wichtigen geschieben zu werben pflegt, maßgebend sinb. So haben beispielsweise mm bem für die Wochentage vorgeschricbenen Achtzehngebet (Üelwimnm Essrult), bas gemeinhin als der obligalvrifche Theil des Morgengebets gilt, nur einzelne Bestandtheile eine religiösen Sinn tveekenbe und förbernbe Kraft; viele Partien desselben haben, bei aller geschichtlichen Berechtigung, bie ihnen inuewohnt, für unsere Zeit keine Bedeutung mehr unb können vor Allem auf Verstäubniß und warme Aufnahme bei unserer Jugend nicht rechnen. Dagegen birgt unser Gebetbuch in ben gemeinhin als unwesentlich unb nicht zur eigentlichen Anbacht gehörigen Theilen einen werthvollen Schatz von religiös und sittlich erhebenden mtb begeisternben Stücken, bie bie Kinbesseele mit Freudigkeit in sich ausniiinnt, und burch deren wiederholte verstäubnißvolle Reeitation sie sich treffliche religiös-ethische Grundsätze zum Beivußtsein bringt und einprägt. Ich nenne hier nur neben den in bie Liturgie aufgenvmmenen Psalmen das auf den ersten Seiten jedes israelitischen Gebetbuches befinbliche: „Mein Gott! Die Seele, die Du inir gabst, ist rein" ti. f. w., welches, mit Weglassung der wenigen Worte, die auf Tob unb Auferstehung Bezug haben, die kindliche Seele ansprechen, zu religiöser Dankbarkeit an regen muß. Ich nenne ferner bas ebenfalls in bem ersten Abschnitt des Gebetbuches zu sinbenbe: „Stets sei der Mensch gottessürchtig, selbst insgeheim, er bekenne stets bie Wahrheit unb trage die Wahrheit in feinem Herzen" u. f. w., welches ein Musterstück aufrichtigster Wahrheitsliebe, gottergebener Demuth und Bescheidenheit ist. Daran reiht sich in würdiger Weise bas: „Höre Israel! Ter Ewige, unser Gott ber Ewige ist einzig" als bas Bekenntniß des Israeliten an, mit dem in so treffender Weise bas Gebot ber Gottesliebe kennzeichuenden Abschnitte ber heiligen Schrift, dem weoliawtoh. Zu diesem kurzen Morgengebet werbe der Knabe und Jüngling jeden Tag, bevor er zur Schule geht, von seinem Vater oder der Mutter angehalten. An diese wenigen Sätze können sich au Tagen größerer Muße, dem Alter unb der Reife bes Kindes entsprechend, Erläuterungen knüpfen über die Bedeutung der Herzensreinheit, der Wahrhaftigkeit, der Bescheidenheit und der Demuth, die als die Hauptforberuugen der Religion hinzustellen sinb. Mit dieser schon im frühen Alter beginneuben Gewöhnung an eine für die Kinbesseele verständliche religiöse Erhebung solltebaSHaus Grunbstein legen für den weiteren Aufbau des Religionsunterrichts, ber, von kundigen, geschickten und begeisterungsfähigeu Lehrern ertheilt unb unaufhaltsam burch bas lebendige Beispiel bes Elternhauses unterstützt, nicht ohne Erfolg bleiben würbe. Wir sinb Alle darin einig, bas; uns jetzt gerade, tvie kaum jemals zuvor, die Heranbildung einer Generation noth thnt, die den israelitischen Namen mit iviirbevollein Stolz, zugleich aber mit der burch die Ethik des Jubenthnms gebotenen Bescheidenheit unb sittlichen Demuth zu tragen mtb an ihrem Theil dereinst für die Wahrheiten ber angestammten Religion cinzutreten verspricht. Thun wir Jeder bas Seine! zur Erreichung dieses Zieles unb versäumen wir nicht, schon in frühem j Lebensalter religiösen Sinn bei unseren Kindern zu erwecken. Das j kindliche Herz ist für bas Gute empfänglich, unb was die Kinbesseele j in sich anfgenommen, tvirb zur tvirksamen Kraft, wie schon der! Psalmist gesungen: „Aus dem Munde der Kinder hast Tu eine j Macht gegründet, um den Feind und den Rachgierigen verstummen zu lassen." * Wochenschau. Von Gustav Karpeles. Berlin, 9. Juni. Es ist jetzt die Zeit der Lehrerkonferenzen. In der vergangenen,! wie in dieser Woche haben wir von solchen Versammlungen in Rheiui taub, Westfalen, Schlesien unb anderen Provinzen zu berichten. Dabei drängt sich uns folgende Bemerkung auf: Ter Geist, der diese Konferenzen israelitischer Lehrer durchweht, ist ein durchaus gesunder; unb freisinniger! Untere Lehrer wissen genau, was sie wollen. Auch! ihr Verhältnis; zu den Rabbinern ist ein weit besseres, als bies früher; ber Fall war. Lehrer unb Rabbiner gehen bei diesen Konferenzen; in ehrlichem Frieden Hand in Hand. Die Lehrer sinb von religiösem! Geiste erfüllt unb suchen diesen Geist in ihren Schulen zu befestigen, j Aber sie verschließen sich auch nicht ben Forberungen ber Zeit. Sie , sinb pädagogisch gut geschult, dabei aber bescheiden und frei von allen j exzentrischen Bestrebungen nach rechts wie nach links. Die Resolution,! die sie in Breslau gefaßt haben, tvirb sicher überall einen frendigen! Widerhall finben. Die Thesen, die in Bielefeld ausgestellt wurden, verrathen in jedem Falle ein ernstes Erfassen der Fragen, bie gegenwärtig auf der Tagesordnung stehen. Man kann es wohl sagen: die Majorität ber jüdischen Lehrer ist für die paritätische Schule! Das ist ein wahrhaft erfreuliches Resultat, welches wir mit aufrichtiger Genugthuung registriren. Auch selbst bie Verhanblungen der Biele-

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