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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-13 · Heft 22 (13.6.1890) · p. Seite 298

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 22 (13.6.1890)
Date
1890-06-13
Page
Seite 298 (sequence 2)
Language
German
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298 Nicht nur mit ganzem Herzen, sondern auch mit dem Ganzen seiner Seele nnd dem ganzen Bermögcn soll der Israelit Gott liebein Daß er dies thut, kann er nur dadurch beweisen, daß er die Gebote Gottes erfüllt, daß er sie seinen Kindern einschürft, daß er durch symbolische Handlungen zu erkennen giebt, daß die Gottesliebe sein Leitstern sei auf allen Lebenswegen. Auch ini Verhältnis; des Menschen zum Menschen ist die Liebe das Hauptgebot der jüdischen Religion und Ethik. Nicht nur das viel nmstrittene „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist das klrcigcnthum der Bücher des alten Bundes (Levit. 19, 18 und a. a. C.), nicht nur die Liebe und das Wohlwollen gegen den Fremdling wird das alte Testament nicht müde, den Israeliten einznschürfen (Levit. 19, 33, 34 und a. a. 0.); auch das hochherzige Gebot der Feindesliebe ist dem Jndenthnm nicht fremd, auch dieses Gebot ist nur der veränderten Form, nicht dem Kern nnd Wesen nach, eine Schöpfung der ans dem Indenthum hervorgegangenen Tochtcrreligion. Aber gerade die Verschiedenheit der Form, in der dieses Gebot in beiden Religionen anftritt, ist charakteristisch für die Grnndanschannng beider. Das Indenthum gebietet nicht jene schwärmerische, den Fluch mit Segen lohnende Feindes liebe — zu dieser theoretisch zwar idealen, psychologisch aber kaum denkbaren Sclbstvergesscnheit läßt es den Menschen sich nicht erheben — dagegen gebietet cs, Wohlwollen nnd Pflicht auch gegen den Feind durch die That zu bewähren. „Triffst du," heißt es (Exodus 23, 4, 5) „der Ochsen oder Esel deines Feindes irrend an, so führe ihm solche wieder zu. Siehst du den Esel deines Feindes erliegend unter seiner Last, so hüte dich, ihn solcher allein zu überlassen, hilf ihm vielmehr abpacken." Ebenso wie hier das hilfreiche Eingreifen bei der Noth des Feindes geboten wird, so wird in den Sprüchen Salomonis die Schadenfreude nnd das Frohlocken über seinen Fall und sein Unglück verboten. „Wenn dein Feind fällt," heißt es dort, „freue dich nicht, nnd wenn er strauchelt, lasse dein Herz nicht frohlocken; denn Gott, der es sieht, möchte es mißfällig anfnchmen und seinen Zorn von ihm ab gegen dich richten." (Spr. Salom. 24, 17, 18. Wiederholt in den Sprüchen der Väter 4, 24). Das Indenthum ist die Religion der That. Nach seiner Lehre beseligt nicht der Glaube allein, sondern die durch Gesetzeswerke bekundete Liebe nnd Verehrung des göttlichen Wesens. Soll nun die Jugend in die Grundsätze der israelitischen Religion erfolgreich eingeführt werden, so dürfen ihr die religiösen Lehren nicht ausschließlich als (Gegenstand theoretischer Unterweisung und Erkenntnis; cntgcgentreten, sondern müssen unaufhaltsam von gewissen Religions- Übungen begleitet werden, durch welche in der jugendlichen Seele die > Empfindung Wurzel faßt, daß Religion nicht im bloßen Glauben und Wissen, sondern in der Bethütignng sich offenbare, daß sie nicht einem blos theoretischen Bedürfnis; entspringe, nicht blvs Sache des Geistes sei, sondern mit den innersten praktisch-sittlichen Interessen desEharakters znsanimenhänge. Ans dieser im Wesentlichen praktischen Natur der israelitischen Religionslehre erwachsen zum Theil die Schwierigkeiten, die in unserer Zeit einer erfolgreichen religiösen Erziehung der israelitischen Jugend sich entgegenstellen. Man schreibt gemeinhin den Mangel an religiösen; Sinn und religiöser Gesinnung bei unserer jüngeren (Generation auf Rechnung unserer bis jetzt häufig noch mangelhaften Religionsschulen, nnd es liegt in dieser Behauptung unstreitig ein bedeutsamer Kern von Wahrheit. Ter israelitische Religionsunterricht bedarf in unserer Zeit einer Regeneration an Haupt und Gliedern. Diese Regeneration muß zunächst von der Heranbildung eines in die Lehren nnd in die Wissenschaft des Jndenthllins tiefer eingeweihten nnd von einer umfassenderen allgemeinen und philosophischen Bildung getragenen Rcligionslehrerstandes ausgehen. Viele unserer gegenwärtigen Religionslehrer sind nicht im Stande, auf den reiferen und intelligenteren Theil unser« Jugend anregend und befruchtend einznwirken. Wo es sich, wie beim israelitischen Religionsunterricht, nicht um das Erlernen eines zu dogmatischer Form erstarrten Katechismus, sondern um die Einführung in die den Bildungsbedürfnissen einer hochgesteigerten Kultur sich unpassenden, ihren: Wesen nach aber jeder idealen Lebens- und Weltanschauung zu Grunde liegenden religiösen und ethischen Wahrheiten handelt, da inuß der Religionslehrer auf der Höhe der Bildung stehen und den Kern und das Wesen der Religion, welche, bei allem Wechsel der Formen und Erscheinungen, unwandelbar beharren, tiefer erfaßt und durch Selbstdenten zu einer seine ganze Persönlichkeit durchdringenden Ueberzeugung verarbeitet haben. — Ist somit die Heranbildung eines geistig höher stehenden, wirksameren Religionslehccrstandes das erste Erfordernis; für die Hebung der religiösen Erziehung der Heranwachsenden Generation, so wäre es gleichwohl ein Jrrthum, zu glauben, daß dadurch allein das erwünschte Ziel erreicht werden könne. Religion ist eben nicht das Produkt theoretischer Unterweisung allein; vielmeln muß zu diesem Faktor der der religiösen Uebung hinzukommen. Hierin aber liegt für unsere Zeit die Hauptschwierigkeit, die der Zeitigung religiösen Interesses nnd religiöser Gesinnung bei der Jugend hindernd im Wege steht. Wir Aelteren, soweit wir uns, bei aller modernen Bildung nnd Entwickelung, die wir genossen, ein warmes Her; für die Interessen unserer Religion, für ihre Lehren, für ihre geschichtliche Vergangenheit und den Glauben an die fortdauernde Mission des Jndenthnms bewahrt haben, verdanken dies neben dein uns;n Theil gewordenen jüdischen Wissen, mit in erster Reihe auch der nns im Elternhause zu Theil gewordenen Kenntnis; jüdischen Lebens, dessen Erinnerungen ein starkes Baud der Liebe und Pietät bilden, welches zwischen Vergangenheit nnd Gegenwart vermittelt. Diese mächtigen Eindrücke fehlen aber der jetzt Heranwachsenden Generation. Nicht nur die meisten symbolischen Handlungen, die zur Anregung religiösen Sinnes förderlich find, sind im Hanse ihrer Eltern und Erzieher in Wegfall gekommen, sondern mit diesen auch sehr oft die Uebung der ethischen Grundtugcnden des israelitischen Lebens. Man mag über die Bedeutung und Berechtigung der Eereuiouiai gesetze denken, wie man will, die meisten derselbe!: haben unstreitig einen erziehlichen Werth besessen, insofern sie eine Bekämpfung und Einschränkung der sinnlichen Begierden, die Gewöhnung au Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung, die nach bau übereinstimmenden Urtheil der Denker aller Zeiten die fundamentaleii > aller ethischen Tugenden sind, bezweckt und meist auch erreicht haben. Gerade diese Tugenden aber'gehören zu denen, die nicht durch Bcl ehrnng allein erworben werden könne»; sie wollen durch die Macht des Beispiels angewöhnt, sic wollen erlebt sein. Aber nicht nur die durch symbolische Handlungen und Ritualgesetze erstrebten ethischen Gewöb nuugen nnd Hebungen fehlen meist dem modernen Hause und de: modernen Familie, sondern auch die Bethätigung der Armenpflege und die Werke der Barmherzigkeit haben, trotz des großen Umfanges, in welchem sie gegenwärtig in israelitischen Kreisen geübt werden, eine Form angenommen, die nicht dazu angethan ist, in den Herzen der Jugend Begeisterung für diese fundamentalen Gebote der jüdischen Ethik zu zeitigen. Wenn der israelitische Jüngling in früherer Zeit jenen Kernsatz aus den Sprüchen der Väter: „Dein Haus sei stets offen zur Aufnahme für Jedermaun nnd die Armen nnd Bedrängte» seien Deine Hansgenosscn" (Sp. d. V. 1, 5) von klein auf im Hause seiner Eltern hat bethütigen sehen, so mußte ihm dieser Satz, wenn er später seiner Erkenntnis; überinittelt wurde, als eine tiefe religiös sittliche Wahrheit erscheinen, die sein Herz den Lehren der Religion und ihren sittlichen Geboten in Liebe und Verehrnng zuwandte. Wenn

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