Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 22 (13.6.1890)
- Date
- 1890-06-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Ar. 22. Allgemeine Berlin, 13. Inni 1890. eitung des Judenthums. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Begründet von Nabinner 13*. Ludwig Philippson in Kann. Expedition: Berlin, Lerusaiemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. I N l) fX11* Leitartikel: Zur religiösen Jugend - Erziehung. Von Tr. I. Horowitz. — Wochenschau. Von Gustav Karpeles. - Wissenschaft und Litteratur: Das Mendelssohn-Haus in Dessau. Von Arnold Budwig. — Der Jude der Geschichte und der Jude der Legende. Von Dr. Jol'l Müller. — Feuilleton: Ter Zauberspiegel. Von I. Buch he im. — Aus der Messe zu Petra. Von Rabbiner Dr. Vogel st ein (Fortsetzung). Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Königsberg, Breslau, Aus der Provinz Posen, Pleschen, Konigsdorff-Jastrzemb, Bielefeld, Aus Rheiubessen, Aus Baden. Prag. — Bon Nah nnd Fern. — Miscellen. Zur religiösen Jugenderziehung. Von Dr. I. Horowitz, Gymnasial-Oberlehrer in Thor». Das Bedürfnis; nach einer religiösen Erziehung der israelitischen Jugend macht sich in der neuesten Zeit in verstärktem Maaße geltend, und dies mit vollem Recht. Die Epoche des religiösen Jndifferentismus ist, wie überall, so auch im Jndenthmn, im Weichen begriffen; die Vorstellung, das; religiöses Fühlen;md Empfinden kein wesentlicher Faktor sei in der Gemüthsbildnng des Menschen, das; sein Einfluß auf die Zeitigung einer die Seele befriedigenden Welt- und Lebeusanschauung, seine Einwirkung ans die Charakterbildung durch anderweitige Kultureinflüsse entwerthet sei oder ersetzt werden könne, tritt in weiteren Kreisen vor der tiefer begründeten Ueberzeugnng zurück, das; das Fehlen des religiösen Momentes in der Erziehung eine unharmonische Entwickelung nach sich ziehe, die nicht nur Mangel an Verständniß für die werthvollsten und erhabensten Probleine, die der Menschengeist zu allen Zeiten sich gestellt, in ihrem Gefolge habe. In der israelitischen Religionsgemeinschaft muß überdies die Nothwendigkeit einer erneuten scharfen Betonung der religiösen Jugenderziehung noch von einem anderen Gesichtspunkte aus immer stärker empfunden werden. Die in den letzten 10—15 Jahren mit einer an die längst überwunden geglaubten fanatischen Zeiten des Mittelalters erinnernden Feindseligkeit geübten Angriffe gegen die Lehren des Judenthums und die auf diese gegründete religiöse Gemeinschaft mußten jedem ernst Denkenden die Ueberzeugnng anfdrängen, daß diese theils in der Unkenntnis;, theils im Uebelwollen und in der Mißgunst wurzelnden Anfeindungen nur mit der Waffe des Geistes, mir an der Hand der religiösen Urkunden des Judenthums und seiner Geschichte erfolgreich znrückgeschlagen werden können. Jenes alte Wort: „Du sollst wissen, womit Du den Ungläubigen widerlegen kannst" (Sprüche der Vater 2, 19) gilt in weit höherem Maaße noch unseren unwissenden Gegnern oder übelwollenden Feinden gegenüber. Man muß wissen, was man ihnen zu erwiedern habe, man muß die geistigen Waffen zu handhaben verstehen, mit denen man sie siegreich bekämpfen kann. Und diese Waffe muß auch dem heramvachsenden Geschlechte in die Hand gegeben werden. Die Jugend muß eingeführt werden in die an ethischen und erhabenen religiösen Lehren reichen Schätze der biblischen Litteratur, sie nuis; erkennen, daß in den Religions- Urkunden des Judenthums die Quelle zu suchen sei, aus der die großen sittlichen Ideen, die jetzt das Gemeingut der gesammten civilisirten Menschheit bilden, hergeflossen sind. Nur wenn sie diese Ertenntniß erlangt haben, werden die Heranwachsende nnd die kommenden Generationen sich zur Wehr setzen können gegen die, welche Israels Lehre schmähen nnd herabwürdigen nnd ihr nicht den Platz einräumen wollen, der ihr in der Geschichte der Bildung und Gesittung der Menschheit gebührt. Wissen macht stark. Wer es besitzt, kann die falschen Borivürfe der Gegner widerlegen, kann ihre Angriffe abwehren. Will aber auch Jeder, der kann? Liegt in dem Wissen allein schon ein genügender Antrieb zum opferfreudigen Eintreten für das Gewußte und Erkannte? Der Mittetplinkt des ganzen Seelenlebens ist das Gefühl. Nur wo Liebe und Begeisterung ihre Hand mit im Spiele haben, nur >vo ein Antrieb des Herzens die Seelenkräfte in Bewegung setzt, sieht man muthige Streiter sowohl als beharrliche Dulder. Das Wissen allein zeitigt noch keinen Enthusiasmus, das religiöse Wissen allein noch keine religiöse Gesinnung. Alles, was zu einer wirksamen Kraft sich entwickeln soll, muß geübt werden. Der sittliche Charakter entsteht nicht durch das bloße Wissen und Kennen der sittlichen Normen, sondern durch eine fortgesetzte, diesen Normen gemäße Bethätigung und Uebung. Ebenso entwickelt sich religiöse Gesinnung und Ueberzeugnng nicht durch die bloße Erkenntniß der religiösen Lehren »nd Satzungen, sondern durch eine mit diesen Lehren und ans dem Grunde derselben sich anfbanende religiöse Uebung m;d Bethätigung. Und dieser Gedanke gerade ist der Kernpunkt und das unterscheidende Hauptmerkmal der israelitischen Religion. Das Grundprinzip des Judenthums ist ein praktisch-ethisches, seine Forderung nicht dogmatischer Glaube, sondern religiös-sittliche That. Auch im Judenthmn ist die Liebe zu Gott und Menschen der Grundpfeiler aller Religiosität; allein diese Liebe soll keine schwürnlerische, excentrische sein, sie muß vielmehr durch bestimmte Handlungen dargethan und bethätigt werden. Auf den Hauptgrundsatz der Religioi; — das „Höre, Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig" — läßt der Pentateuch unmittelbar das Gebot der Gottesliebe folgen (Deuteronom. 6, 4 ff.). Dieser Begriff wird aber nicht unbestimmt gelassen, vielmehr wird in schärfster Weise betont, daß die Gottesliebe sich im ganzen Leben und Treiben der Menschen auszuprägen habe.