Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-06 · Heft 21 (6.6.1890) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 21 (6.6.1890)
Date
1890-06-06
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227847--47110-3268612
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

54. Jahrgang. Ar. 21. Berlin, 6. Znni 1890. Der Gemeindrbote. HSerLcrge zur „Altgemeinen Zeitung öes Iuöenthurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 3. Mai. In der vergangenen Woche starb hier nach jahrelangem Leiden Frau Bertha Lessing geb. Stern, eine Dame, die durch stilles Wohlthun mit) hervorragende Bekundung Werktätiger Liebe in allen Kreisen bekannt war. Sie stand in stetem Berkehr mit der verewigten Kaiserin Augusta, von der sie mit dem Luisenorden ausgezeichnet wurde, und betheiligte sich eifrig an den menschenfreundlichen und wohlthätigen Unternehmungen, die von der hochsinnigen Fürstin ins Leben gerufen wurden. Es verdient dabei hervorgehoben zu werden, daß sie auch wacker eintrat für ihre jüdischen Glaubensgenossen und schon im Jahre 1882 einen im Aufträge der Kaiserin geschriebenen Brief der Gräfin H. erhielt, in welchem das Auftreten des antisemitischen Hofpredigers scharf verurteilt wurde. Berlin, 1. Juni. Der „Evangelisch-soziale Kongreß" hat in seiner zweiten Sitzung vom 29. v. M. auch die „Judenfrage" erörtert. Der wackere Berliner Hofprediger gab den Ton an, in dem er in seiner Rede über die Ursachen der Ausbreitung der Sozialdemokratie sagte: „Welches sind die Ursachen? Es liegt das an einem grogeu Bruchteil unserer Presse, die vergiftend, verwüstend weite Kreise umschlingt, welche die Grundlagen unseres evangelischen Glaubens angreist, während sie die Grundsätze des Talmud in keiner Weise angreift. Das liegt an schweren Versäumnissen unserer Kirche. In einer meiner Thesen nnden Sie auch etwas üoit dem verderblichen Einfluß des Judentums. Sie werden sagen: Der Mann kann es doch nicht lassen, die Judenfrage ]\\ berühren. Das kann ich auch nicht, denn ich finde das Judenthum überall. Setzt man an einem Pol die Arbeit, an dem anderen das Kapital, so finden sie am äußersten Pol des letzteren das Judenthum mit feilten Börsen- und Wucher-Geschäften. Es übt auf unser Volksleben den unheilvollsten Einfluß, den wir brechen müssen, wenn wir gesunden wollen." Dagegen erhob sich nun der Berliner Universitäts- Professor Dr. Harnack mit folgenden Ausführungen. Zunächst sagte er, er empfinde es als einen Schlag ins Gesicht, wenn man an dieser Stelle gegen die liberale evangelische Richtung polemisire. Dann fuhr er fort: „Auf einen noch peinlicheren Punkt muß ich Hinweisen. Das ist die Judensrage. Ich bin nicht Antisemit. Ich bemühe mich vielmehr, nach den Grundsätzen des Evangeliums Philosemit zu sein Es wird mir schwer. (Große Heiterkeit.) Das soll kein Witz von mir sein. Das ist mir heiliger Ernst. Wenn wir nun hier nur deshalb zusammengekommen sind, um wirthschaftliche Fragen zu besprechen, so giebt es, meine ich, keine Judenfrage für uns. Ich glaube die Kirchengeschichte auch ein wenig zu kennen, und finde da, daß die Schuld der Christen gegen die Juden nicht geringer ist, als die der Juden gegen die Christen. Das will ich jeden Augenblick beweisen. Deshalb mochte ich hier kein Wort anders darüber geredet haben, als ans dem Herzen heraus: Wie gewinnen wir sie wieder, nachdem wir sie getreten haben. Nun weiß ich wohl, daß Stöcker heute hier, wie seit Jahren, sehr vorsichtig geredet hat, aber die Menge liest nur Hauptworte „evangelischer Kongreß", „Judenthum". Deshalb ist es mir nicht angenehm, daß die Frage hier angeregt ist." Nach Harnack sprach Professor v. Nathusius: Er sei auch kein Antisemit, sondern er achte und ehre die frommen Juden, ganz besonders ihr musterhaftes Familienleben. Auch möchte er die Versammlung davor bewahren, daß sie bitrdC) den Beifall, den sie dem Herrn Hofprediger Stöcker gab, ausdrückte, daß sie die Juden drücken wolle. Hierauf sprach Superintendent Rheydt: Er gehöre der kirchlichliberalen Richtung an und muß die Bitte aussprechen, daß alle Äußerungen unterlassen werden, die geeignet sind. Andersdenkende zu verletzen- Cs folgte der bekannte Pastor v. Bodelschwingh: „Es ist ein recht trübes Bild, was in diesen Tagen vor uns von unserem Volksleben entrollt worden ist. Trübe breite Ströme der Noth fluthen in unserem Volk, rechts und links sind wohl noch hohe Dämme aufgerichtet, und fruchtbare Fluren breiten sich daneben aus. Aber schon werden die Dämme durchbrochen, nnb manche Ouadratmeile ist von der Fluth überschwemmt, und die Gefahr wächst noch immer. Nun stehen allerlei Leute dabei und haben die Hände in den Taschen und sind vorsichtig. Ich meine Niemanden in dieser Versammlung. Null fiitb die Dämme am Durchbrechen, und da will einer zustopfen und läuft im Schweiße seines Angesichts und will das Land retten und will die Fluth znrückhalteu. Und da kommen die Leute und schmeißen ihm die Knüppel zwischen die Beine, daß er nicht vorwärts kann. Und auf dem Damme, da ist es am schlimmsten. Da stehen die Leute, die haben nicht nur die Hände in den Taschen, sondern die graben an dem Tamm norf) tiefer, damit die Löcher noch größer werden. Die sozialdemokratischen Stimmen, die sind mir noch nicht das Entsetzlichste. Es giebt auch viele andere selbst konservative Leute, die wühlen mit an dem Tamm, die helfen nicht retten, weil sie nichts anderes in ihrem Herzen haben, als Selbstsucht. Und wenn unserem Hofprediger Stöcker die Allgen offen sind und er sieht, diese Leute thun Schaden, so ist das doch keine Judenfeindschaft. Wir sind keine Judenfeinde. Wir helfen den Juden, wo wir können. Fragen Sie mal den Rabbiner in Bielefeld. Das hindert uns aber nicht, sie anzugreifen, wo sie Böses thun. Weint sie unser Volk verwüsten, so müssen wir doch das sagen dürfen. Es ist ein Jrrthum, wenn Professor Harnack meint, wir rechten mit den Juden Schuld um Schuld. Um die Schuld handelt es sich nicht, sondern, wer unser Volk, unsere Jugend verdirbt, den greifen wir an. Die Zeit ist ungeheuer ernst. Die bösen Fluthen sind immer mehr gewachsen. Rach menschlichem Ermessen sind wir verloren. Aber Gott der Herr kann es noch zum Besten wenden." Zur Vertheidigung seines angegriffenen Freundes erhob sich nun auch der bekannte Redakteur der „Kreuzzeitung", Dr. Kropaischeck: „Ich muß dem Professor Harnack doch in einigen Punkten widersprechen und kann dem Professor Nathusius nur zustimmen, and) in der Frage des Antisemitismus. Was Alles in der Welt hat denn Stöcker eigentlich gesagt? Doch nur, daß dem verderblichen Einfluß des Judenthums entgegengewirkt wird. Und da findet Professor Harnack gleich einen Antisemitismus darin. Nehmen Sie mir das nicht übel; aber hier ist gestern und hetlte in maßvoller Weise manches gegen die soziale Praxis rmd gegen die Ethik des Katholizismus gesprochen worden. Das hören wir Alle schweigend und ruhig an. Wenn aber nur einmal das Wort Jude genannt wird, bann .. . (Stürmischer Beifall). Ich bin feilt besonders wilder Antisemit. Die Judenfrage ist für mich zuerst eine Christenfrage. Wenil Sie es aber ruhig anhören, wenn über den Katholizismus Kritik geübt wird, und erheben gleich Protest, wenn das Judenthum in maßvollster Weise kritisirt wird, so verstehe ich das nicht." Professor Kaftan trat der Auffassung des Dr. Kropatschek entgegen nnb führte ans, daß aus einer falschen Ethik auch eine falsche Praxis hervorgeht. Eilt Grund zu einem Widerspruch war nicht vorhanden. Jll der Judenfrage stehe er nicht so wie Harnack, aber and) nicht so wie Dr. Kropaischeck, dessen Ausführungen allerdings sehr blendend waren. Bei den Katholiken handelt es sich um ein System, bei beit Juden um Personen. (Nein!) Es sei daher nicht richtig, diese beiden Punkte mit einander in Parallele zu stellen. Hierauf erklärte Professor Harnack, daß Dr. Kropaischeck ihn mißverstanden habe. Der Katholizismus sei eine Konfession, das Judenthum ein Volk, deshalb erscheine ein Angriff gegen dieses wie eilt persönlicher, während man dort mehr das System meine. Er schloß mit den Worten: „Ich werde stets dagegen protestiren, wenn von einer Nation gegen die Juden als Volk in der Weise, wie es geschehen, Angriffe unternommen werden." Der vortreffliche mtd liebevolle Berliner Hofprediger erhielt nun das Schlußwort zu folgenden persönlichen Bemerkungen: „Meine Herren! Ich habe and) mit vollem Rechte hervorgehoben, welches die Ursachen der atheistisch-demokratischen Pest sind, an der unser Volk leidet, nnb das sind, mag man sagen, was man will, auf einer Seite der übertriebene Kapitalismus, anf der anderen Seite die Judenpresse. Wenn ich das verschwiegen hätte, hätte ich mich einer Unwahrheit schuldig gemacht. Ich stehe dem Judenthum gegenüber viel freundlicher, als Professor Harnack, dem es schwer wird, Philosemit zu sein. Ich habe nicht die geringste Antipathie gegen die Juden. Mir wird es ganz leicht, die Juden lieb zu haben; aber wenn diese halbe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.