Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 21 (6.6.1890)
- Date
- 1890-06-06
- Page
- Seite 296 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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296 Seiten herüberhing, nnb als das Thier die engen Gassen einer orientalischen Stadt passirte, reichte die Ladung seitwärts bis in einen Krämerladen hinein, gerieth von dem Lichte, das daselbst angebracht war, in Brand unb brachte das ganze Städtchen in Gefahr. In Petra nun wird ein grotesker Anblick von dem anderen verdrängt, dem: ans fünf Karawanenstraßen kommen große Züge voll bepackter Kameele heran, und außerdem erblicken wir, die Bergstraße hinabsteigend, viele Esel und Manlthiere, die für kürzere Strecken in Gebirgsgegenden zum Waarentransport ganz besonders geeignet sind. Welch' ein lärmendes Gewühl, welch' ein Gemisch von Sprachen dringt an unser Ohr! Sämmtliche freien Platze der Stadt und ganz besonders der weite für den großen Bazar eingerichtete Platz, der nach Diodor in beträchtlicher Entfernung von der Stadt lag, sind besetzt oder richtiger belegt mit langausgestreckten Arabern, Babyloniern, Aegyptern, Phöniziern, Juden, Syriern, Aethiopen, von den Angehörigen der kleineren, interessanten Botinnen, als da sind Philistaer, Ammoniter u. s. w., gänzlich zu schweigen. Einige Tage hindurch huldigen Alle dem süßen Nichtsthun, schlürfen den kühlenden Sorbet nnd sprechen auch fleißig dem mit Wasser gemischten aber immer noch feurigen, süßen Traubensafte zu. Wir dürfen ihnen die Ruhe unb Erholung übrigens von Herzen gönnen, denn sie haben eine mühevolle Reise hinter sich. Seit Wochen, — die ans den entfernten Landern Kommenden schon seit Mondeil — unterwegs, haben sie manche Entbehrungen und Gefahren überstanden. In glühender Sonnenhitze müssen sie ja die holperige Straße ziehen; ein heftiger Sturmwind, der sich plötzlich erhebt und sie an der Weiterreise hindert, nöthigt sie, auf freiem Felde zu kampiren, ihre mitgebrachten Zelte können sie nicht einmal aufschlagen, da das Unwetter gar zu gewaltig tobt. Endlich hat sich der Sturm gelegt, mit frischem Muthe geht es vorwärts, doch in Folge des unfreiwilligen Aufenthaltes, den sie haben nef)ntcn müssen, können sie heute nicht mehr bis zu dem noch mehrere Meilen entfernten Khan oder der Karawanserei gelangen, denn die Sonne ist im Niedersinken begriffen, unb in finsterer Nacht ist die mitunter nur durch abgesteckte Stabe bezeichuete Richtung gar leicht zu verfehlen. Darum schlagen sie in einem gegen die Kühle der Nachtluft einigermaßen geschützten Thale ihre Lagerstätte auf, die sie aber der vielen wilden Thiere wegen zuvor mit einer Umzäunung umgeben. Letztere besteht zuweilen blos aus aufrecht stehendem, schräg gekreuztem Rohrwerk, zuweilen auch tnerben Pfähle in müßigen Zwischenräumen in die Erde getrieben, unb durch mehrere parallel laufende Stricke verbunden, einzelne Lücken schloß man sogar mit dem Geräthe der Lastthiere. Wachen, die sich von Zeit zu Zeit ablösen, müssen vorsichtig nach allen Seiten ausblicken und mit scharfem Auge umherspähen, denn räuberische Anfälle gehören, wie wir bereits gesehen, durchaus nicht zu den Seltenheiten. Die großen Schätze, die eine Karawane mit sich führt, reizen die Gier der benachbarten Stämme, welche in ähnlicher Weise organisirt sind wie die Seeräuber, und denen ebenso schwer beizukommen ist wie diesen, da sie ihre Schlupfwinkel und Bergfestungen haben, in denen sie sieh mit ihrem Raube sicher fühlen und eine förmliche Belagerung aushalten können. In späterer Zeit ließen die Römer auf den viel besuchten Karawanenstraßen von Zeit zu Zeit militärische Streifzüge ausführen, um das räuberische Gesindel in Schrecken zu setzen; selbstverständlich waren die Mitglieder der Karawane stets bewaffnet, um sich und ihre Habe zu vertheidigen. Uebrigens sind die Karawansereien, welche den Reisenden Nachtaufenthalt und Schutz vor den Unbilden der Witterung gewähren, und welche je eine Kameelstation, d. h. etwa 6—8 Meilen, von einander entfernt sind, nicht viel besser als solche improvisirten Lagerstätten, denn ihre innere und äußere Ausstattung ist sehr primitiv; die meisten bieten blos ein Unterkommen für die Nacht für Mensch und Nieh, uttb die Reisenden müssen ihre Zehrung mit sich führen." Auf sehr besuchten Straßen wohnt in dem überdachten Raume auch wohl ein Wirth, welcher den Reisenden Lebensmittel verkauft und ihnen die mitgebrachten Speisen kocht. (Schluß folgt.! d Litterarische Mittheilmigeii. In der „Wochenschau" der Nr. 19 der „A. Z. d. I." wird bei Gelegenheit der Besprechung des bevorstehenden 70. Geburtsfestes von Samuel Kristeller Seitens des Verfassers auf die große Nolle aufmerksam gemacht, die die jüdischen Aerzte in unserer Geschichte spielen. Selbstverständlich darf man dazu auch die Geschichte der jüdischen Litteratur rechnen. Was nun diese Letztere betrifft, so fiel mir bei der Lektüre des genannteil Aufsatzes die Thatsache ein, daß auch viele hervorragende christliche Aerzte aller Zeiten sich nicht nur als in der jüdischen Litteratur ausgezeichnet bewandert erwiesen, sondern auch un Zweifelhafte Verdienste um diese erworben haben. Mit Rücksicht gerade auf das war mir u. A. ein Zitat des berühmten Hallenser Professors der Medizin ans dem vorigen Jahrhundert, nämlich Friedrich Hoffmanu's, hochinteressant. Im 5. Bande der Folioausgabe seiner Werke (Genf 1753) in der „Dissertatio niedica de necessario sanis inedico“ (1. c. p. 274 ff.) giebt Hoffmanu in der Vorrede seiner Belvunderung Gottes Ausdruck in Hinsicht auf die Weisheit und unermeßliche Schöpferkraft, mit der er den Menschen gebildet ec. In einer Anmerkung führt er die Schriften einiger Theologen als Beläge für seine Angaben au und fährt dann zum Beweis für die Unmöglichkeit einer erschöpfenden Behandlung dieser Materie wörtlich fort: „ul verc ceeinisse videatur Poela Ebraeus in hyinno illo pentecoslali, Clialdaeo-Syriaco idiomate composito liac utens hyperbole Knwrs pso nP pnj Kmsmn bz up Tps Ps Pu xirnroy ’ss Pdi w )ba vs wiisn ■ratm ’Söd «m« nn Cujus sensum metrice ita exprimere placuit: Est aeterna Deo superuinque potentia regi Cui describendae par nihil esse polest. Sit licet expansum coeli meinlmma patent is, Sint calami silvae, det nemus omne stilos: Silit atramentuni cocuntia tlnmina, et ipso Oceanus, cuncti terrigenaeque iioteut: liitciilique operis maneant nodesque diosquo: Vix tarnen atlingent, quam sit Jova potens.“ Auf die Uebersetzung dieser Zeilen kann ich bei dem klaren Latein, in dem sie geschrieben sind, wohl verzichten. — Daran, daß der Vater der inzwischen allerdings längst widerlegten Hypothese von der elohistischen und jahvistischen Urkunde in der Genesis der christliche Arzt Jeail Astruc war (dV. Graetz, Gesch. d. Juden II. 1, p. 453 ff.), brauche ich an dieser Stelle nur zu erinnern. Uebrigens fehlt diese Schrift in Fürst's „Bibliotheca judaica“. — Der Göttinger Arzt und Professor Georg Gottlob Richter (1694—1773) war ein großer Freund und Kenner der hebräischen bezw. der orientalischen Sprachen. Unter seinen Auspizien hat Benjamin Wolfs Gintzburger die Jnaugural - Dissertation ,.dc medicina ex Talmudicis illustrata“ (Güttingen 1743) verfaßt. Leicht ließe sich diese Zusammenstellung noch vergrößern und die Behandlung des Gegenstandes zu einem längeren Essay erweitern, wenn mir die Zeit dazu zu Gebote stände. Da das leider momentan nicht der Fall ist, so begnüge ich mich mit diesen Andeutungen und bemerke nur noch, daß, wenn auch diese Thatsache vielleicht nicht in weiteren Kreisen so allgemein bekannt ist, sie uns darum doch nicht besonders wundern darf. Die frühere mehr polyhistorische Richtung und Ausbildung der Gelehrten zusammen mit der größeren Pflege der Religion, mit der denn auch die Verehrung der hebräischen Sprache und Litteratur znsammenhäugt, erklärt diese Thatsache vollkommen. Dr. Pagel, Arzt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.