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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-06 · Heft 21 (6.6.1890) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 21 (6.6.1890)
Date
1890-06-06
Page
Seite 294 (sequence 10)
Language
German
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294 ruhen tonnte, imd entblößt von den Mitteln zui» Lebensunterhalt; denn auch, ivas er an Vermögen besaß, hatte» ihm die Gemeinde- Mitglieder abgenonnncn. Was sollte der Unglückliche beginnen? Die Mutter war wohl lang gestorben, die Brüder haßten ihn und hatten sich ganz von ihm losgesagt. Wer hätte den Math, den ersten Stein ans den in seiner Ueberzcugnng Wantenden zu werfen? Aeosta wurde durch Kerkerhaft, durch Fasten, durch alle Qualen, die dem Rabbinat zu Gebote standen, gepeinigt, dann führte man ihn vor die versammelte Gemeinde, zwang ihn, ein Bekenntnis; schimpflicher Natur mit lauter Stimme vorzulesen, dann band man ihn an eine Säule des Gotteshauses, gab ihm die traditionellen :!9 Ruthenstreiche auf den entblößten Oberkörper und ließ ihn an der Schwelle des Gotteshauses niederliegen, damit die Gemeindeinitglieder über ihn hinwegschritten — ähnlich wie es Gutzkow im Drama schildert. Alles ließ der unglückliche Mann über sich ergehen, aber in dem letzten Augenblick erfaßte ihn eine wahnsinnige Wuth; er stürzte nach Haus, schrieb in der Erregung jenes „Spiegelbild eines Menschenlebens" nieder, von den, wir oben sprachen, schoß vom Fenster seiner Wohnung ans den vorübergehenden Verwandten, der die Ursache seines Unglücks gcivordcn war, und gab sich darauf selbst den Tod. Ter kurze geschichtliche Ueberblick zeigt, daß Gutzkow die Hanptmomentc der Ueberliefernng festgehalten hat. In einem, allerdings in einem wesentlichen Punkte weicht er von ihr ab. Er kennt nur einen Bann und kennt nur einen jugendlichen Aeosta, einen Mann, der zugleich das Ideal eines Mädchens und der Vorkämpfer einer großen Idee sein konnte. Beide Veränderungen sind von den Bedingungen des dramatischen Schaffens geboten; die Wiederholung desselben Ereignisses auf der Bühne hätte ihre Wirkung abgeschwächt und die Vorführung des .'»0jährigen Mannes hätte das ganze anmuthige Liebesverhältnis; zur Judith unmöglich gemacht. Zweihundertfünfzig Jahre liegen zwischen den Ereignissen und der Dichtung, die unser Gemüth so mächtig ergriffen hat — ei» Beweis, daß der Fortschritt der Zeit in der Tugend der Duldsamkeit ein verhältnißmäßig geringer war. Gutzkow konnte seiner Generation als abschreckendes Beispiel den Fanatismus einer Amsterdamer Judengemeinde Vorhalten, und er that es nicht ohne Grund und glücklicherweise auch nicht ohne Wirkung. Ter unglückliche Mann aber, der zwei Jahrhunderte zu den Vergessenen geworfen, verdankt seine Auferstehung neben der Verwandtschaft der Zeiten und geistigen Strömungen in erster Linie der Kunst des Dichters und des seelenverwandten Denkers, und seine Fortdauer in unserem Gedächtnis; der Verkörperung durch die Bühne. Feuilleton. Hilf -er Messe zu Petra*). Vortraq, gehalten von Rabbiner Dr. Vogelstein in Stettin. „Wohl von größeren! Vebeu mag es rauschen, Wo vier Welten ihre schätze tauschen, An der Themse, ans dent Markt der Welt, Tausend Schiffe landen an und gehen; Ta ist jede»"' köstliche zu sehen, Und es herrscht der Erde das Geld." Mntali.s muliiiKlis paßt dieses Dichterwort auch auf den großen Welthandelsplatz des inorgenländischcn Alterthums, ans welchen ich Sic mir zu folgen einlade; denn wenn auch nicht die Brandung des Meeres an unser Ohr dringt, wenn auch nicht ein Mastenwald von tausend Schiffen znm Himmel starrt, so ist doch viel Köstliches und *) Die statistischen Daten sind ans Herzfeld, „Handelsgeschichte der Juden des Alterthums" entnommen. Werthvolles hier zu sehen, das die Schiffe der Wüste, die Kameele. hierher gebracht haben; und die Bewohner dreier Welttheile, fast die ganze damals bekannte Welt, tauschte auf der großen Meffe, die a» der Grenzscheide Asiens und Afrikas alljährlich mehrmals stattfand, ihre Maaren aus. Einen besseren Einblick in die Großartigkeit des Handels im Orient können wir nirgends gewinnen, als wenn wir uns in die auf- und niederwogendcn Völkerschaaren mischen, die von Nah und Fern herbeigeströmt sind, zu kaufen und zu verkaufen, Rohprodukte gegen kunstvolle Erzeugnisse des Gewerbefleißcs anszutauschcu, den Ueberfluß der Länder und Meere in die Abzugskanäle zu leiten, den verfeinerten und verweichlichten Großstädtern die Möglichkeit zu schwelgerischem Lebensgenuß zu gewähren und die abseits von der Kultur lebenden halbwilden Nationen mit dem zu versehen, woran ihr roher Sinn Gefallen findet. Schwerlich hat irgend ein großer europäischer Stapelplatz in unserem Jahrhundert jemals eine solche Mannigfaltigkeit von Waaren und ein solch buntes Gemisch von Völkerschaften gesehen, wie sie om den Meßhandelsplätzen des Orients zu erblicken waren. Denn durch die Verbesserung der Verkehrswege zu Wasser und zu Lande, durch die Handelsverbindungen, welche die verschiedenen Kulturvölker unter einander und mit den entferntesten prodnzirenden und konsumirendcn Nationen unterhalten, werden alle diejenigen Waaren, die in größeren Mengen verbraucht werden, und die darum einen lohnenden Absatz verheißen, direkt bezogen, man hat nicht nöthig, sie in den großen Emporien und Zwischenhandelsplützen aufzukaufen, und nur für eine verhältnißmäßig geringe Anzahl von Artikeln ist an Stelle des direkten Bezuges noch die Vermittelung in den Haupthäfcn und Sammelplätzen geblieben, woselbst auch der Marktpreis bestimmt wird. Im Alterthume lagen die Verhältnisse völlig anders; die Schwer fülligkeit des Transportes, der Mangel jeder regelmäßigen Verbindung, die Unsicherheit des Verkehrs, die durch die häufig wiederkehrenden Kriege noch erhöht wurde, die geringe Bekanntschaft mit der Sprache und den Eigenthümlichkciten der fern von der großen Heerstraße wohnenden Nationen, der in Folge der Verschiedenartigkeit der Ernten so oft wechselnde Preis einzelner Waaren, die ungeheure Mannigfaltigkeit der Münzsorten, welche die Regulirung der Geschäfte wesent lich erschweren mußte, vor Allein aber das Fehlen jeglichen Rechtsschutzes für die Fremden im Auslande, sodann die Willkür in der Erhebung von Gefällen, Wegeabgaben, Ein- und Ausfuhrzöllen und so viele andere, jede kaufniännische Berechnung störenden Elemente machten es den Handeltreibenden geradezu unmöglich, aus fernen und unwirthlichen Zonen die Landesprodukte direkt zu beziehen und die überschüssigen Erzeugnisse der Heimath in die für sie geeigneten, Gewinne versprechenden Absatzgebiete zu befördern. Andrerseits konnten aber auch die Großhändler ihren BedaA im eigenen Lande nicht decken, denn der Faktoreien und Handels Niederlagen, welche namentlich die Phönizier und Karthager in mehreren großen Städten. und Hafenplätzen des Morgen- und Abendlandes angelegt hatten, waren viel zu wenige, uni alle An spräche zu befriedigen und diese konnten höchstens als ein Nothbehclt zur Deckung augenblicklicher Bedürfnisse gelten; auch waren in ihnen wohl nur die gangbarsten Artikel, die nicht allzu häufigen Preisschwankungen unterlagen, aufgespeichert, und selbstverständlich mußten die hieraus bezogenen Waaren entsprechend theurer bezahlt werden. Darum blieb denen, die als die eigentlichen Großhändler den Weltverkehr und Waarenaustausch vermittelten, nichts anderes übrig, als entweder in eigener Person oder durch ihre Agenten die Orte aufzusuchen, an denen zu gewissen Zeiten des Jahres die Waarentransporte aus den verschiedensten Ländern zusammentrafen, und einer der vornehmsten und bedeutendsten derselben war namentlich

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