Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-06 · Heft 21 (6.6.1890) · p. Seite 292

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 21 (6.6.1890)
Date
1890-06-06
Page
Seite 292 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227847--47105-3268607
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

292 Ausnehmend interessant sind die Betrachtungen über die Kasualprcdigt; hier spricht nicht nur der Gelehrte, nicht nur der sprachgewandte und gedankcnticfc Prediger, der lange und sorgfältig über seine Kunst nachgcdacht hat, sondern hier nimmt auch der welterfahrene Mann das Wort, der für die Größe wie für die Grenze dieses heiligen Berufes den rechten Maßstab hat. Neberhaupt ist Maybaum's Buch nicht nur für Prediger und solche, die cs werden wollen, geschrieben, sondern der Reichthum an praktischer Psychologie, die edle Darstellung, die Begeisterung des Autors für seinen Gegenstand machen das Buch zu einer guten Lektüre für Jeden, der an der Entwickelung des Judenthums Antheil nimmt. Ter Verfasser ist weithin als ein trefflicher Prediger bekannt; nun, wenn das Gleichnis; gestattet ist, der Blick in die Küche verdirbt den Geschmack an den Speisen nicht; hier wird gelehrt, wie mit edlen Mitteln ein edles Ziel erreicht wird; cs werden keine Kunststückchen vorgetragen, wie man die Masten blendet, wie man sie überredet, wo man sic überzengen sollte; sondern mit Ehrlichkeit, Wahrheit, Offenheit werden die Probleme erörtert, das Buch ist gleich sehr geeignet, gute Zuhörer wie gute Prediger heranzubilden; vor Allem wird betont, daß man ein vir bonus sein müsse, um diceudi peritus zu werden, daß Keiner auf der Kanzel ein Talent sein könne, wenn er im Leben kein Charakter ist. Die Leser dieses Blattes kennen den Aufsatz „Der Rabbiner", welcher das Schlnßkapitel des Buches bildet. Dieser Probe entspricht das ganze Buch; der Autor kennt keine Pastoralklngheit, sondern nur Pastoralweisheit; der und jener wird manche Aeußerung unvorsichtig nennen, so z. B. die Anmerkung auf S. 97, die nach zwei Seiten Front macht. Wir setzen den Text hierher, lim an einem Beispiel zu zeigen, daß das Buch oft über den engen Kreis der Homiletik hinausgrcift: „Es ist sehr zu beklagen, daß die Verbindung der Konfirmation mit dem Schabuotseste hier, in Berlin, dlirch die weiten Entfernungen von der Synagoge nicht durchführbar ist, da man selbst hier noch immer trotz der Synodalbcschliisse zu Leipzig festhält an dem Verbote des Fahrens am Sabbath und Festtag, selbst bei gottesdienstlichen Anlassen. Aus diesem Grmrde wurde die Konfirmation auf den »ächstfolgendeu freien Tag, gewöhnlich Pfingstsonntag, verlegt. Tie ständige Abhaltung einer jüdischen Feier ail einem christlichen Festtage ist aber so durchaus uilschicklich, daß die Konfirmativnsfeier lieber am Tage nach dein Wochcnfestc, gleichviel welcher Tag der Woche cs sei! abgehalten werden mag." Wir schätzen jedenfalls den Muth und den Wahrheitssinn, mit dem der Autor unbekümmert um den Widerspruch von rechts lind links seiner Ueberzeugung Ausdriick giebt. Auch die religiöse Weltanschauung des Verfassers wird in dem Buche wenigstens angedeutet; es ist die Lehre von der ständigen religiösen Entwickelung, in ivelcher ein Jahrhundert der jüdischen Vergangenheit soviel gilt als das andere, und vor Allem der Lebende, der sich allerdings seines Zusammenhangs mit der Vergangenheit bewiißt bleiben muß, Recht hat. Indes; die religiösen Ideen, nach denen der berühmte Redner sein öffentliches Wirten bestimmt, sind zu flüchtig skizzirt, als das; sie hier Gegenstand der Beurtheilung werden können. An das Buch schließt sich ein Anhang von nahezu zweihundert Seiteii, der nur für Fachgenossen bestimmt ist; in diesem Anhänge sind einige Tausend Texte und Themen für Sabbathe, Feste und Kasualien verzeichnet; dieser Anhang ersetzt eine ganze Prcdigtbibliothek, ja noch mehr, er ist der Extrakt der jüdischen Predigtlitteratnr in diesem Jahrhundert. Wenn auch einige vortreffliche Predigten fehlen, weil sie der homiletischen Grundfvrderung des Dr. Maybamn nicht entsprechen und textlos sind, so bietet die Sammlung doch, wie cs in der Einleitung heißt, ein ziemlich vollständiges Bild der jüdischen Predigtlitteratur des neunzehnten Jahrhunderts. Tie ältere Litteratnr hat Herr Leo Bardowitz ausgezogen; bei den jüngeren Arbeite» auf diesem Gebiete hat, wie es scheint, Hr. Tr. Maybaum selbst diese mühselige Arbeit übernommen, zu der Geduld, Eifer, kritischer Sinn und Talent, den Kern der Rede kurz zusammenzufassen, gehören. Gelehrsamkeit, Erfahrung, praktischer Sinn haben sich also vereinigt, um ein in jeder Beziehung werthvolles Buch zu schaffen. U Ariel Acosta in Geschichte und Dichtung.! Von Ravhael Löwenfeld. (Schluß.) Nun warf er sich mit allem Eifer auf das Studium der ältesten j Religionsurkunden. Er griff zu dem alten Testament, das er in! lateinischer Sprache las. Ein merkwürdiger Trugschluß, der schon oft! die Geister irregeführt, leitete auch ihn auf einen Lebensweg, der ihm! nichts als Qual unb Enttäuschung bringen sollte. Tie Glaubenslehren des alten Testaments, so folgerte er, werden von dem neue» Testament lind der Kirche ebenso anerkannt wie vom Judenthum, während das neue Testament von den Juden verworfen lvird. Wo! die allgeineinc Zustimmung lvar, mußte auch die Wahrheit sein. So faßte Acosta den Entschluß, den Katholizismus von sich zu werfen und 311 der Religion seiner Ahnen znrückzukehren. Er theilte seiner Faniilie, seiner Mutter lind seinen Brüdern — denn der Vater war zu jener Zeit bereits gestorbeil — seinen Plan mit und überredete sie leicht zur Ausführung. Es lvar beschwerlich und gefährlich zugleich, der scharfäugigen Inquisition zu entgeheil; und doch gelang es der Familie Acosta, ein Schiff 311 gewinnen und nach Amsterdam zu entkommen (um 1617—1618). Hier, wo vollkommene Duldung der Juden herrschte, ja wo inan sie als nützliche, der Stadt und dem Staate Reichthünier bringende Mitglieder der Gesellschaft betrachtete, trat die Familie Acosta osseiikundig wieder zum Judeiithuin über, lind Gabriel änderte seinen Taufnamen in Uriel um. AuS dem Stlidiinil des alten Testaments hatte er sich in seiner! Phantasie ein rein mosaisches Judenthum aufgebaut. Er wußte j nichts von den Zuthaten späterer Zeiten und sah sich entsetzlich j enttäuscht, als er die Widersprüche wahrnahm, weiche zivischen dem Leben der Amsterdamer Jiidengemeinde und den Lehren Mosis statt- | hatten. Heißblütig wie er lvar, sprach er sofort seine Ueberzeugung i aus, und wie sein ganzer Haß in der katholischen Kirche den Beichtvätern gegolten, so richtete er ihn nun gegen die Rabbiner, „die Pharisäer", wie er sie nannte, da er die Sprache der Kirche zu sprechen gewohnt war. So sah er sich, kaum im Lande angekommen, im offenen Kampf gegen die mächtige, zelotische Vertretung der Gemeinde verwickelt. Die Rabbiner bedrohten ihn mit dem Banne, d. h. mit der Ausstoßung aus der religiösen Gemeinschaft und den Gemeindeverhältnissen. Aber der Wiederstaild reizte ihn nur noch mehr. Er hatte geglaubt, j die alte» Fesseln gebrocheii zu haben, und sah erst jetzt ein, daß er! sich nur »eile aufgelegt. Getragen von dem Bewußtsein seiner j Ehrlichkeit, seiner Pflicht, einer mit Mühe gewonnenen Ueberzeugung j Ausdruck zu geben, fuhr er fort, in Schrift und Leben, was er für! wahr hielt zu bethätigen, und wurde in den Bann gelegt. Seine eigenen Brüder mieden ihn, Acosta stand vereinsamt da in der großen gebildeten portugiesischen Judcngemcindc Amsterdams und hatte keinen Freund unter der christlichen Einwohnerschaft Amsterdams. In dieser furchtbaren Vereinsamung wollte er ein Buch gegen das bestehende Judenthum veröffentlichen und besonders den scharfen Gegensatz beleuchten, in welchem dieses zur Bibel stand. Die Bibel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.