Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 21 (6.6.1890)
- Date
- 1890-06-06
- Page
- Seite 291 (sequence 7)
- Language
- German
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291 selten darauf, das; kurz dar dem Passah und kurz vor dem Versöh- »ungsfeste der Genuß nicht ganz rituell znbereiteten Käses immer »nieder als schwere Bersündigung hingestellt wurde. Warum »vollen »vir es leugnen, daß »vir es znn» Theil dein Varbilde der christlichen Predigt »>nd in» Wesentliche»» deutscher Bildung i»nd Kriltur verdanke», daß die deutschen Juden sich emporrafften und die deutsche Predigt begehrten und schufen. Wir Inden werden uns doch nicht zu gut dünken, von unser»» deutschen Landesgenosscn etwas zu lernen, und »verden noch »veniger so hochniüthig sein, es »vegziileugnen, »venu »vir von ihnen ettvas gelernt haben. Daß die deutsche Predigt ursprünglich ettvas Fremdartiges »var, zeigt die Opposition, die sie gesunden hat, zeigt der Uinstand, daß die ersten deutschen Predigten »inter den Juden auch uns heute als ein srcindes (Gewächs erscheine»», daß die deutsche Predigt im Laufe der Zeit immer jüdischer geworden ist. Jost sagt einmal: „Mich hat nie ettvas inehr nngetvidert, als die für den Jacobsohn'schen Tempel in» Jahre 1816 verfaßten Vorträge, denen David Friedlaeirder, getvis; sehr ehrwürdigen Andenkens, den Preis zuerkanute; sie waren matt und langweilig, und eine ganze Reihe andrer ähnlicher Reden vetinochten trotz eingeflochtener Bluinen und Schnörkel die Anfnierksanikeit nicht zu gewinnen; und es ging mir zur Zeit des Andachtssaales in Frankfurt, in welchen» ich selbst seit 1835 mitlvirkte, offen gesagt, »veil der Midrasch fast in Verruf »var, nicht viel besser, obwohl für Rhetorik gut gesorgt war." Da haben »vir ein eintvandfreies Zeugnis;, daß die deutsche Predigt erst allinalig hinein»vuchs in das jüdische Leben, daß sie ursprünglich ans der Fremde zu uns gekommen »var und unser jüdisches Schriftthllii» fast seiirdselig von sich »vies. Einen letzten Rest dieses ursprünglich fremdartigen Charakters der jüdischen Predigt in De»»tschland finde»» »vir in der Forderung Maybaum's, daß die Predigt, nach Art der Protestanten, ein noth- »vcndiger Bestaird jedes Fest- und Sabbathgottesdienstes sein soll. Diese Forderung ist zweifellos berechtigt für eine Großgemeinde »oie die Berliner. Es entspricht wenig den» äußeren Eindruck des herrlichen Berliner Gotteshauses, der Würde dieser Gemeinde, besonders da allsabbathlich auch so viel Fremde a»»s der Provinz sich eiiifinden. wenn z. B. etwa eine unzulängliche Jinprovisation über die eminent schwierige Frage, »varnm die Tora mit einem Bet »ind »»icht mit einen» Aleph beginne, vorgetragen »vürde. In einem solchen Hause sollen allsabbathlich »vohldurchdachte, abgerundete Predigten gehalten »verden, niid die Prediger sollen von a»»dm» Berussgeschüften »nöglichst entlastet »verden, »un der großen Aufgabe, Musterhaftes zu bieten, sotveit es nngeht, genügen zu können. Aber in kleineren Gemeinden »vürde die Predigt an Anziehungskraft Verlieren, wenn sie zu oft küinc. Die Genies wachsen ja nicht wild, und manchen Prediger könnte die Forderung, allsabbathlich eine Predigt zu halten, zu dein Rufe veranlassen: »voher nehuien, »venu »»icht stehlen. Tie allzu ausgiebige Benutzung gedr»»ckten Materials könnte Regel »verden, »n»d das wäre um der Autorität des Flintes »Villen sehr zu beklagen. Die Gefahr, sich auszupredigen, über die ein Konsistorialrath Rebe ein ganzes Buch geschrieben hat, rückt dann für Jeden, der nicht wie aus eine»» unerschöpflichen Quell seine Reden heraufholen kam», in sehr »»»»heimliche Rühe. Die Durchschnittsprcdigt in der protestmrtischen Kirche erinuthigt auch nicht gerade, die Einrichtung, allsabbathlich zu predigen, überall bei uns einzuführen. Mancher Prediger, der jetzt an Festen urid an Sabbathen nach längeren Zwischenräuinen gedanklich und sprachlich Tüchtiges leistet, würde fade, seicht u»»d geschivätzig werden; die Predigt würde bei den Zuhörer»» an Reiz einbiißei»; derartige Uebelstände »utissen sich in den protestantischen Kirchen | gezeigt haben, da ein so geistreicher Mann, »vie der Bcenrer Pastor! Schwalb zur Hebung der Predigt den Vorschlag geuracht, die Zahl der Predigten cinzuschräiiken; Schwalb gesteht ein, er »visse nicht, »vo man allsonntäglich die Fülle der guten Gedanken hernchmen solle, um eine Gemeinde, die nicht gar zu bescheidene Ansprüche erhebe, z»» befriedige». Wir können sonach die Sehnsucht Maybaiun's, „daß in nicht allzu ferner Zeit kein Hauptgottesdienst ai» Sabbath- »n»d Festtagen oh»»e Predigt mehr denkbar sein wird", kann» theilen. Hier ist vielleicht der Satz airzuwmden: Weniger ist inehr. Mit dieser Ansicht unseres Autors, der, »vie er in seinen» Amte strenge Ansprüche befriedigt, a»»ch strenge Ansprüche stellt, hangt es zusaminen, daß er den Gruirdsatz lehrt, die Predigt müsse stets einen Text haben; die Predigt soll eben, »vie er meint, aus der allsabbathlichen Thoravorlesung hervorwachsen. Wird aber dadrirch der Gedanke nicht allzu sehr in spairische Stiefel eingeschnürt? Wird dadurch »»icht der Ilnwahrheit Vorschub geleistet, inehr hineinzulegen als auszülegen? Unsere Vorfahren erzählten sich die köstlichsten Scherze, »vas Alles so ein Maggid, ein Prediger alten Stils, in den Bibelvers hineinstellen konnte, und heute ist die Anlehnung an den Text oft eine rein äußerliche, oder der Vers »vird zum Prokrustesbett für den Gedanken. Dainit soll nun aber nicht überhaupt die Textpredigt vertvorfen werden; »»ein, ganz in» Gegentheil, sie bleibt auch uns das Ideal; ein gut gewählter inhaltsvoller Text, aus dem die Gedanken sich scheinbar ganz von selbst ergeben, das ist das höchste Ziel; aber es scheint uns eine ungebührliche. Erschwerung, dieses Ziel jede»»» Prediger für jeden Sabbath zu setzen. Besser guter Wein als eine gute Marke, besser eine textlose Predigt, die ihrem gairzen Gehalt und Ton nach biblisch ist, als eine, die den biblischen Text nur als eine Etiguette trägt; und zu solchen Nothbehelfen verleitet der Zwang, den Maybaum einführen will. Zudem varietas (lelectat; neben de»» Tertreden »verden Reden allgemein religiöser oder religiös-historischer Färbung ihre Wirkung nicht verfehlen. Ein taktvoller Redner »vird and) schon ohne Text es so einzurichten »vissen, daß man die Kanzel nicht mit der politischen Tribüne verwechselt. Selbst auf die Gefahr hin, »»»ißverstanden zu »verden, sagen »vir auch von der Predigt: jede Gattung ist gut, nur die langweilige nicht, u»»d vertrauen, daß der Leser schon die nöthigcn Einschränkringen machen »vird. Trotz alleden» »nöchten »vir cs nicht unbedingt tadeln, daß Mayba»»»» in einem Lehrbuch der Hoiniletik das Feld begrenzt und ein so strenges Schema aufstellt; die straffe Form »vird als Regel und Vorbild gegeben, ohnedies wird die Praxis des Amtes oft genug Anlaß bieten, die Schranken der Theorie zu durchbrechen. In einem, Lehrbuch ist cs am Ende fei» Fehler, vor der Ungeburrdenheit z»> »varncn, »ven>» sie auch hi>» und tvicder in der Ausübung des Amtes ihre Berechtigung hat. Eine Fülle von Anregungen, die auch dem gewandten und mit Bibel und Midrasch vertrauten Prediger nühlich sein werden, bietet »ms der Verfasser in dein Kapitel von der Festpredigt. Maybaun» bleibt nicht beiin Formalen stehen, sondern giebt in Andeutungen ii» imee eine ganze Reihe von Rede»». Bei den drei Festen scheint »urs eine dreifache Ausdeutung »»»öglich, »vährend der Verfasser mir eine ziveifache erwähnt. Der geschichtliche, der gedankliche und der Charakter des Naturfestes; Auszug a»»s Aegypten, Gesetzgebung am Sinai, Leben der Israeliten in der Wüste sind die geschichtlichen Momente, Freiheit, Wahrheit, Dankbarkeit für irdische Freude sind die gedanklichen Moinente, zu ihnen gesellen sich Frühlingsfest, Beginn und Schluß der Ernte.