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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-06-06 · Heft 21 (6.6.1890) · p. Seite 286

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 21 (6.6.1890)
Date
1890-06-06
Page
Seite 286 (sequence 2)
Language
German
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286 gtmgen, die von ihm ansgingen, waren noch mächtiger als seine eigenen Schöpfungen, die er der Mitwelt scheu vorenthalten hat. Der Tritte im Bunde dieser Edlen war ein Dichter, der aus den engen Verhältnissen seiner Heimath heraus sich zu einer Höhe der Weltanschauung emporgerungeu, auf der er neben den leuchtendsten Gestalten der Weltpoesie steht, Jsak Erter aus Przcmysl, ein Meister der poetischen Prosa in Scherz und Ernst, in der Satire wie in der Begeisterung gleich kühn und bedeutend. Und aus diesem galizischen Humanistenkreise, der sich in Lemberg in dem Hause eines edlen Mücens zusaminengefunden hatte, ging der Mann hervor, der neben Zunz der Schöpfer der neuern jüdischen Wissenschaft werden sollte, der Mann, dem die Feier des Tages gilt: Satomon Löb (Juda) Rapoport. Rapoport wurde am 1. Juni (19. Siwan) 1790 in Lemberg geboren und in der strengen Tradition der Zeit erzogen. In früher Jugend schon wurde er zum eifrigen Studium des Talmud angehalten und für den kaufmännischen Berns bestimmt. Nur heimlich und nicht ohne Gefahr konnte er sich ein deutsches Buch verschaffen. Die Dualen, welche die Autodidakten jener Periode auszustehen hatten, wenn sie sich weltliche Bildung aneignen wollten, harren noch der kundigen Darstellung. Es ist kaum glaublich, welche Vorurtheile dabei zu besiegen, welche Gefahren zu bestehen, welche Angriffe abzuwehren, welche Verfolgungen zu erdulden waren. Rapoport hat diesen ganzeil Dornenpfad mit Muth und Entschlossenheit zurückgelegt und feine Station desselben ist ihm erspart geblieben. Auch die ganze humanistische Entwickelung des neuern Jndenthmus hat er selbst, aus eigener Kraft, ohne Antrieb, ohne Lehrer, ja fast ohne Beispiel, zeirückgelegt: Von der mühselig erworbenen deutschen Bildung bis zu den ersten schöngeistigen Versuchen, bis zu den schüchternen Anfängen populär-tviffenschaftlicher Darstellung, bis zur vollen Entfaltung aus dem Gebiete der Litteratur, auf dem der arme Schüler plötzlich als ein glänzender Meister vor den erstaunten Blicken der Zeitgenossen sich entpuppt. Wir können die einzelnen Stadien dieser merkwürdigen Entwickelung hier nicht des Weiteren verfolgen. Sie begann mit belletristisch-dilettantischen Versuchen nach der Blöde jener Zeit, mit einer dramatischen Bearbeitung der Esthergeschichte nach Raeine, mit hebräischen Uebersetzungeu aus Klopstock, Ewald und Schiller. Dann folgte die zweite Periode, in der der werdende Gelehrte 31111t ersten Mal sich an wissenschaftliche Stoffe heranwagt, daun endlich die dritte, in welcher rasch aufeinanderfolgend seine Biographien von berühmten Gelehrten des Judcuthums erschienen (1820), die mit einem Male die ganze nachtalmudische Kultur- und Litteraturgcschichte erhellten und den schüchternen galizischen Autodidakten als einen Meister historisch-kritischer Forschung und wissenschaftlicher Behandlung der Litteraturgcschichte erscheinen liehen. Diese sechs Biographien von Saadja, Nathan b. Jechiel, Hajo, Eleasar b. Kalir, Chananel und Nissim b. Jakob mussten natürlich in allen gelehrten Kreisen großes Aufsehen erregen und bahnbrechend wirken. Worin lag aber nun eigentlich die Bedeutung dieser Schöpfungen? Zunächst wohl in der Thatsache, daß Rapoport, der ein wirklicher Talmndgclehrter war, in denselben den reichen Schatz talmndischer Gelehrsamkeit für die jüdische Litteraturgeschichte kritisch zu sichten und in seinen Resultaten klar darzulcgen wußte. Man kann von ihm sagen: Er hat den Talmud wieder zu Ehren gebracht, den man als die Quelle allen Unheils, das über die Juden gekomnien, anzusehen sich gewöhnt hatte. Tie historische Methode, die in allen Wissenschaften damals zur erfolgreichen Anwendung gelangte, die nicht vorschnell auf den Kern der Tinge losgeht, sondern den Werdeprozeß der Erscheinungen aufmerksam bis zu seiner Quelle verfolgt, wurde von Rapoport mit erstaunlichem Scharfsinn und mit einen, kritischen Falkenblick zum ersten Mal auf die jüdische Geschichte und Kulturgeschichte übertragen. Und in dieser glücklichen Vereinigung talmudischen und allgemeinen Wissens, scharfsinniger Kombination und eindringender Kritik liegt die Bedeutung, die Rapoport auf seine Zeitgenossen ausübte. Mit umfassender Gelehrsamkeit und einen, merkwürdigen geschichtlichen Scharfblick hatte er den eigenartigen Ent wickelungsgang des nachtalmudischen Judenthums in diesen sechs Biographien, von denen jede einzelne ein Kunstwerk ist, anfgedecki. In Saadja zeigte er uns den Denker, der, an der Grenzscheide zweie, Weltanschauungen stehend, eine Vereinigung von Glauben und Wissen durch sein philosophisches System herbeizuführen suchte; bei Kali, führte er uns die bis dahin unbekannte Geschichte der gottesdienst lichen Poesie nach ihrem Ursprung und ihrer Entwickelung vor; in dem Gaon Haja stellte er einen der letzten Vertreter des Gaonats in seiner vielverzweigten Thätigkeit und in seiner vollen Bedeutung dar: mit Chananel b. Chuschicl und Nissim b. Jakob geleitete er uns nach Nordafrika und in die geistige Strömung der von ihren Werken erfüllten Zeitperiode; bei Nathan b. Jechiel entwarf er ein Bild von der Entwickelungsgeschichte der hebräischen Sprache, das bis zu den Talmuden und Targumim hinaufreichte. Eine neue Welt, ein reges Geistesleben that sich plötzlich vor den Blicken der Jünger aus, die diese Werke des Meisters mit Begeisterung erfüllten. Und eine große, auf die Erkenntnis; des jüdischen Geisteslebens ausgehende Litteratur knüpfte sich an diese Schöpfungen, die auch heute lange noch nicht abgeschlossen ist. Rapoport wurde dann 18.97 als Kreisrabbiner nach Tarnopoi und drei Jahre später als Oberrabbiuer nach Prag berufen, wo er am 16. Oktober 1867 gestorben ist. Er hat das Werk, das er in Lemberg begonnen, auch in seinem spätem Wirkungskreise festgesetzt. Aber leider ist nur der erste Band jenes großen Buches erschienen, das sein Lebenswerk werden sollte. Es führte den Titel: Erech Millin und sollte eine vollständige talmudische Realencyklopädie nach historischen, linguistischen, geographischen und archäologischen Beziehungen werden. Auch hier bewunderte man seine immense Gelehrsamkeit, seinen feinkritischen Sin» und seinen tiefen Einblick in die Quellenlitteratur. Außerdem hat er Zeit seines Lebens in zahllosen Briefen, Gutachten, Aufsätzen und Vorreden alle Gebiete des jüdischen Geisteslebens in den Kreis seiner Betrachtung und Erörterung gezogen. Rapoports Stellung zu den großen Fragen der Zeit war eine vermittelnde und versöhnende. Er war ein Anhänger der historischen Entwickelung, die er ja wie kein Anderer kannte; er war auch ein Freund des besonnenen Fortschritts, weil er in diesem das Gesetz des Lebens erkannt hatte. Er selbst war von strenger Frömmigkeit, aber auch von mildem Sinn erfüllt, ein wahrer Jünger Ahrons, ein Nachkomme jener alten Priester, der es als sein heiliges Amt ansah, die Erkenntnis; der Wahrheit zu fördern und die Lehre des Judcuthums zu verbreiten. Seine Bedeutung für die Wissenschaft des Judenthums wird nimmer vergessen werden. Wenn abermals ein Jahrhundert vorübergezogen und ein junges Geschlecht zum zweiten Male das Centenarium des Geburtstages von Salomon Löb Rapoport feiern wird, dann — so hoffen und ersehnen wir — wird eine neue Sonne die glücklichere und gedeihlichere Entfaltung der jüdischen Wiffenschaft beleuchten. Dann erst wird mau erkennen, welche Bedeutung Rapoport für den Auf- und Ausbau dieser Wiffenschaft gehabt hat; dann erst wird die Geschichte unbefangen und gerecht sein Schaffen beurtheilen können. So lange aber diese Wiffenschaft lebt, so lange wird sein klärendes Wirken, seine geistige That, seine große und reine Persönlich-

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