Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 21 (6.6.1890)
- Date
- 1890-06-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Ar. 21. Allgemeine Berlin, 6. Juni 1890. eitung des Zudenlhums. Ern unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Begründet von Rabbiner Sr- Ludwig PHUippson in Bonn. CrpeLltion: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Leitartikel: Salomon Lob Rapoporl. Zuin hundertsten Geburtstage. Von Gustav Karpeles. — Erinnerungen an meinen Großvater. Von Arnold Bodek. — Wochenschau. — Die jüdische Homiletik. Von Rabbiner Dr. B. Rippner. — Uriel Aeosta in Geschichte und Dichtung. Von Raphael Löwenfeld (Schluß). — Feuilleton: Auf der Messe zu Petra. Von Rabbiner Tr. H. Vogel st ein. — Litterarifche Mittheilungen. Von Dr. P agel. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Mannheim, Schweinsurt, Bielefeld, Petersburg. — Von Nah und Fern. — Miscellen. — Briefkasten der Redaktion. Salomon Lob Napoport. Z u m h u n b c r t st c n W c b u v t § t n g c. Von Gustav Karpeles. Es ist ein schweres Amt, in Worten der Rückerinnernng das Andenken eines Geistesfürsten zu feiern, den die Gemeinschaft, welcher er aiigehört, höchstens als eine» ehrfurchtsvoll angestarmtcn Fremdling zn betrachten geneigt sein würde. Ter dieses Amtes waltet, kann nicht, wie sonst bei derartigen Festbetrachtungcn, die ganze Fülle des Stoffes im Bewußtsein der Leser vorausseßen und ein längst geformtes Bild in frische Erinnerung bringen. Er muß vielmehr dies Bild von Grund ans neu entwerfen; er muß zeigen, was der gefeierte Held seiner Zeit war, um daraus abzuleiten, was er für alle Zeiteil gelvvrdcn ist. Möchte man es deshalb als keine Redensart anffassen, wenn der Schreiber dieser Zeilen eingesteht, sich an die schwere Aufgabe nur im Vertrauen ouf die besondere Nachsicht seiner Leser gewagt zu haben. Ter Gegenstand der heutigen Feier führt die Betrachtung der Feiernden zunächst in den Anfang dieses Jahrhunderts und in ein fernes Land zlirück. Eine schwere Krisis war damals über das Jndenthmn hereingebrochen. Nicht wie die Natur langsam, stetig, in unmerklichen Uebergüngen sich entwickelt, sondern sprungweise und in stürmischer Hast suchte der aus den Banden mittelalterlicher Anschauungcn befreite Geist sich in den Extremen des Fortschritts zu bewegen. Weit über die schüchternen Reformen hinaus, die einzelne weise Baumeister gewagt hatten, war das junge Geschlecht von Stürmern und Drängern fortgeschritteil. Eine verhängnißvolle Kluft trennte dasselbe schon von den Traditionen der alten vorhergegangenen Geschlechter, eine Kluft, die kaum noch zu iiberbrücken möglich schien. Das Aufgehen in die allgemeine Kulturbewegnng erschien selbst ernsten Bertretern des Judenthums als die einzig mögliche Lösung, die Selbstvernichtung wurde ans den Straßen und in den Salons eifrig gepredigt. Ta erwachte in einigen jungen, selbstständigen und strebsamen Geistern die alte Flamme der Begeisterung wieder, jene Flamme, die einst den Makkabüerschaaren vorangeleuchtet, die die Märtyrer des Mittelalters umstrahlt hatte, und die in Israel wohl nie gänzlich erloschen ist. Der Gedanke der Selbstachtung führte sic in natürlichem Drang zur Selbstbefreiung durch Thal und Lehre. Und so entstand im Anfang dieses Jahrhunderts die Wissenschaft des Judcnthrims. Die hochfliegenden Ideen, welche jene jugendlichen Geister an diesen großen Kulturgedanken knüpften, gingen nicht in Erfüllung; die Wissenschaft des Jndenthums aber, die sie ans ihre Fahne geschrieben hatten, erlebte eine herrliche Renaissance — und zwar in drei Ländern zugleich, in denen sie einst wohl geblüht, nun aber längst erstorben schien. In Deutschland, in Italien und in Polen. In Deritschland war es Leopold Zunz, in Italien Samuel David Luzzntto, in Galizien Salomon Lob Rapoport, denen diese Wissenschaft ihre Erweckung ans ihrem langen und bangen Dornröschenschlaf des Mittelalters zn danke» hatte. Mit kühner Hand zeichnete Leopold Zunz schon im Jahre 1818 die Linien des Weges vor, den eine wissenschaftliche Behandlung des wüsten jüdischen Litteraturgebiets einznschlagen haben würde. Bier Jahre später führte er in seiner klassischen Biographie Raschi's das Muster einer wissenschaftlichen Darstellung vor. Und dann zog er sich vor der herannahenden Sturmfluth in seine stille, weltferne Arche zurück, um dort für die Tage der Zukunft das Werk seines Lebens zn schaffen. Die geistige Bewegung aber, die er cingeleitet, ging an den Juden des Südens wie des Ostens nicht spurlos vorüber. Dort wie hier hatte die Sturmfluth noch nicht so große Verheerungen angerichtet, wie in Deutschland. In beiden Ländern lebte noch das alte Talmudstudinm fort und hatte auf den großen Rabbinatssitzen noch immer hervorragende und gelehrte Vertreter. Daneben war freilich, gerade durch den Druck, den namentlich in Galizien diese strenggläubige Talmudistenpartei einerseits, der fanatische Chassidismus auf der andern Seite ausübte, in jungen Geistern eine Opposition erweckt, die natürlich zunächst nur schüchtern aufzutreten wagte, die aber doch später zu durchgreifender Bedeutung gelangte. Ein edler Mäcen, Josef Perl, hatte in Tarnopol den Anfang gemacht. Er gründete Schulen, beförderte die allgemeine Bildung, das Handwerk und den Ackerbau unter den Juden, trat gegen den Chassidismus und die Uebergriffe der Orthodoxen auf. Ein anderer Zeitgenosse, Nachman Krochmal, übte weniger praktischen als wissenschaftlichen Einfluß aus. Er war ein einsamer Denker, einer von jenen still verblutenden Märtyrern des ringenden Gedankens, deren das Jndenthnm eine so ansehnliche Zahl aufzuweisen hat. Die tieferen Anre-