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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-30 · Heft 20 (30.5.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 20 (30.5.1890)
Date
1890-05-30
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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I. erlauben wir uns die Anfrage, warum Sie Ihren Leitaufsatz und damit ihren Austritt aus der deutschnationalen Partei Schönererscher Richtung nicht schon längst, sondern auffallender Weise gerade zur Zeit oder unmittelbar nach den Melker Beschlüssen erscheinen ließen, beziehungsweise der Oeffentlichteit gegenüber tundgaben." Weiter findet sich im Briefkasten der „U. D. W." folgende Bemerkung; „Wir haben die Notiz im „Deutschen Volksblatt" vom 4. Mai 1890 gelesen, die tündgiebt, daß Herr Abgeordneter Vergani es sich zur Aufgabe gestellt hat, seine Leidensgeschichte von der Gründung des „Deutschen Volksblatt" an bis zum Prozesse Pattai streng sachlich lind wahrheitsgetreu niederzuschreiben, um dieselbe als Flugschrift der Oeffenttichkeit zu übergeben. Wir behalten uns selbstverständlich vor,;ur „Ergänzung" dieser Veröffentlichung seinerzeit einige Urkunden, Schuldscheine, Protokolle und Briefe der Oeffentlichk-.it zu übergeben." Feine Familie! ii. Pest, 12. Mai. Die hiesige Ehewra-Ka d i scha hielt heute unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Kart Reuß ihre diesjährige Generalversammlung. Dem zur Verlesung gelangten Jahresbericht entnehmen wir folgende Daten; Zu den Baukosten des israelitischen Spitals hat der Verein 50,000 fl., zu den unbedeckten Erfordernissen desselben im Jahre 1889 13,68? fl. 41 kr. beigetragen, d. i. nahezu SOS des Gesammterfordernisses. Die Verpflegung der im Siechenhause Untergebrachten beanspruchte 10,891 fl. 63 kr.; als Unterstützung für Arme und Kranke wurden 35.995 fl. 57 kr. verausgabt. Für unentgeltliche Begräbnisse wurden 13,647 fl. 50 kr. verwendet. Von den bedeutenderen Stiftungen, welche im Laufe des letzten Jahres zn Gunsten des Vereins gemacht wurden, ist besonders die des Hermann Kann zn erwähnen. * Lemberg, 22. Mai. Gestern Abend ist hier unter dem Vorsitze des Landmarschalls Grafen Tarnowski die von diesem eiuberufeue Enquüte in Sachen der Assimilirung der gälizischen Inden und der Aufklärung der jüdischen Landbevölkerung neuerdings zusammengetreten. Nach einer längeren lebhaften Debatte wurde ein Vorschlag, betreffend die Organisation der Volks-, Gewerbe- und Handelsschulen, genehmigt und die Errichtung von Nabbinatsschnlen, sowie besonderer Anstalten zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer als unumgänglich nvthwendig bezeichnet. Auf Antrag des Landesausschnß - Beisitzers Romanowicz nahm die Enguöte-Kommission einstimmig eine Resolution an, in welcher nachdrücklichst betont wird, daß die geplante Aktion ausschließlich im polnisch-nationalen Geiste sich zu entwickeln und daß dabei einzig und allein die polnische Sprache zur Anwendung zn gelangen habe. England. * London, 20. Mai. Unter dem Vorsitze des Abgeordneten Sir Julian Goldsmid fand am 12. d. M. ein Banket der Anglo Jewish Association statt. Zweck dieser Vereinigung ist, die Lage bedrückter jüdischer Gemeinden im Anslande durch Förderung des Unterrichts und Vorstellungen bei den betreffenden Regierungen zu heben. Mehr als 11,000 Kinder empfangen jetzt in Schulen, die von der Association unterstützt werden, Unterricht in der Türkei, Nordafrika und in anderen Ländern. Der frühere Unterrichtsminister Mnndella hielt eine Rede, in welcher er allsführte, daß die jüdischen Schulen den besten freiwilligen Schulen Englands in nichts nachstünden. Es fei bedauernswert^ daß -es in Europa nur zwei Parlamente gebe, nämlich diejenigen von England und Italien, welche frei von alitisemitischem Vorurtheile seien. Es scheine ihm unerklärlich, daß sich in Deutschland, dem bestunterrichteten Volte, noch Leute finden, welche in dem elendesten Ueberbleibsel des Rassenhasses schwelgen. Bradlaugh, welcher znm ersten Mal nach seiner Krankheit öffentlich auftrat, erklärte, er sei llicht so sicher, wie sein Kollege Mnndella, daß das englische Parlament von dem gebrandmarkten Vornrtheile frei sei. Er habe iüilgst als Mitglied einer Kommission die Erfahrung gemacht, daß es auch hier ein Vorurtheil gebe, wenn nicht gegen die Reichen und Mächtigen, so doch gegen die Armen: allerdings tonnten diese Bestrebungen keinen Erfolg im englischen Parlament haben. Das beste Mittel gegen ein solches Treiben seien Schulen. Der Vorsitzende loies auf die Bedrückungen hin, welche die Juden noch immer in Rußland und Rumänien zu erdulden hätten. 0*6 wurden 1400 Lstr. gezeichnet. Frankreich. Poris, 16. Mai. Im Tempel der Kue <U; la Vieh»irr haben am Sonnabend den 10. Mai zwei Gäste die amtlichen Funktionen beim Gottesdienste in Gegenwart des Oberrabbiners Zadoc Kahn, der BaroneAlphvns und Gustav von Rothschild, sowie anderer Notabilitäten ansgenbt. Der Oberrabbiner von Belgien, Herr Dreh fuß, hielt eine „Gastpredigt", und der erste Kantor von Straßburg, Herr Hey mann, war znm Probevortrag in Folge seiner Bewerbung um die Stelle des seligen Ketten berufen worden. Beide haben einen günstigen Eindruck gemacht, besonders Herr Heymann, der auch schon am Freitag Abend vorgebetet hat. Daß unter der „Gastpredigt" des Herrn Dreysnß sich gleichfalls eme Probepredigt behufs Erlangung des erledigten Pariser Rabbinntssitzes verbirgt, ist münniglich bekannt. Dennoch hebt cs der Un. isr. mit Recht anerkennend hervor, daß entgegen der früheren Gepflogenheit nunmehr seitens des Pariser Konsistoriums der an vielen Orten Deutschlands (so auch in Berlin) geübte Brauch bei der Anmeldung der Predigt befolgt worden ist. Dieselbe lautete: „Herr Treysuß, der Oberrabbiner von Brüssel, welcher sich zur Zeit in Paris aufhält, ist vom Konsistorium eingeladen worden, eine Predigt zu halten .. In der That wahrt diese Form die Wurde des Kandidaten dem Publikum und der bisherigen Amtsgemeiude gegenüber vollständig für den Fall, daß die Predigt zu einer Berufung nicht führt. Nur Hütte man diese Rücksicht, welche man gegenüber dem Rabbiner für angezeigt hält, auch dem Kantor gegenüber wahren sollen. Rumänien. Bukarest, im Mai. Es herrscht Gottlob Ruhe in Rumänien. Seit zwei Jahren, seit dem Sturze der nationalliberalen Partei I. L. Bratiano's, hört man nichts von Judenverfolgungen. Der jetzt am Ruder befindlichen Partei muß man jedenfalls das Verdienst nachriihmen, daß sie die Juden nicht, wie es zwölf Jahre lang geschehen ist, für vogelfrei erklärt. Man schenkt uns keine besondere Aufmerksamkeit, man erweist uns keine Gunstbezeugungen; aber man läßt uns ruhig unseres Weges gehen, man stempelt uns nicht zn Vagabunden. Auch das ist schon ein großer Fortschritt. In der Abgeordneten-Kammer und im Senat versäumt man wohl keine Gelegenheit, den Inden etwas am Zeuge zu flicken, man legt alle von Inden ausgehenden Gesuche um die Naturalisation bei Seite und verschiebt sie ans ealcmlas graeras, aber das Alles bringt uns nicht außer Fassung, wir haben uns daran schon gewöhnt. Erst kürzlieh gab es eine kleine Indenhetze in der Kammer. Da sie zur Kennzeichnung der herrschenden Stimmung beitragen kann, so soll der Hergang kurz geschildert werden. Eine Dorfgemeinde im Distrikt Muschtal, Nucar, bittet, in eine städtische Gemeinde verwandelt zu werden, da sie in den letzten Jahren großen Aufschwung genommen hat, eine reiche Einwohnerschaft besitzt und große Handelsverbindungen mit der Umgebung unterhält. Ein gewesener Justizminister, Voinov aus Fvkschani, sucht die Kammer von den großen Nachtheilen, die dem ganzen Lande und im Besonderen der fraglichen Gemeinde ans der Bewilligung ihrer Bitte erwachsen würden, zu überzeugen; das wichtigste Argument seiner Auseinandersetzungen ist: das Gesetz verbietet den Inden den Aufenthalt in den Dorfgemeinden, nicht aber in den städtischen Gemeindewesen, lassen wir darum Rncar ruhig weiter eine Dorfgemeinde bleiben, damit es den Inden, die bei ihrer bekannten Rührigkeit und Findigkeit Handel und Industrie an sich reißen, die Ansiedelung verbieten könne. Obwohl ein Herr Blarumberg, gleich Voinvw ein ausgesprochener Judenfeind, treffend entgegenhielt, daß man nach dem Sinn dieser Beweisführung alte rumänischen Städte, Bukarest und Jassy mit inbegriffen, in Dorfgemeinden verwandeln müßte, schloß sich die Kammer dennoch der Ansicht des Fotschaner Advokaten an und ging zur Tagesordnung über. Rncar bleibt mithin nach wie vor eine Dorfgemeinde. — Mit Ausnahme der Gemeinde in Boluschani herrscht auch im Innern der rumänischen Jndenheit Ruhe und Frieden. In Botnschani ist die Gemeinde seit Jahresfrist in zwei Parteien gespalten, die sich gegenseitig ans das Heftigste befehden. Botnschani, in der oberen Moldau nahe der österreichischen Grenze gelegeil, gehört zu den größten jüdischen Gemeinden Rumäniens, denn sie zählt über 25,000 Seelen. Neben einer geringen Anzahl von wohlhabenden und reichen Mitgliedern, die sich mit einigen rühmlichen Ausnahmen eher durch ihre Selbstsucht als durch Gemeinsiun hervorthun, giebt es dort zahlreiche Glaubensgenossen, die in der bittersten Noth schmachten. Geschah auch sonst nicht viel, um das Loos dieser Unglücklichen zu ver-

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