Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 20 (30.5.1890)
- Date
- 1890-05-30
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 bessern, fo steht's heute noch schlechter um sie. Der unsinnige und zwecklose Streit wegen der in jüngster Zeit aufgenommenen Rabbiner Taubes und Meyersohn beschäftigt in solchem Maaße alle Kreise, daß Niemand Zeit und Lust hat, sich der Armen anzunehmen, und es steht zu befürchten, daß auch die mit Hilfe der Pariser Alliance im vorigen Jahre wieder eröffnete Knabenschule, die unter der tüchtigen Leitung Hille! Kohane's herrliche Früchte zeitigen könnte, das Opfer des Bruderzwistes sein werde. Im Interesse der Gemeinde in Botuschani wie in dem aller Juden in Rumänien — der häßliche Rabbinerstreit gab bereits Anlaß zu einer Interpellation in der Kammer — wäre es lebhaft zu wünschen, daß der Friede wieder hergestellt werde. — lieber unsere Gemeiudeverhältnisse läßt sich nicht viel Erfreuliches berichten. Wir leiden an allzu ausgedehnter Autonomie. In Rumänien giebt es keinen Gemeindezwaug, die Juden genießen wohl laut Verfassung gleich allen anderen Glaubensbekenntnissen im Lande Religionsfreiheit, doch giebt es keine staatlich anerkannte jüdische Gemeinde mit Korporations-Rechten. Die Gemeinde kann keine Steuern auswerfen, keine Grundstücke erwerben, teure Schenkungen annehmen oder Erbschaften antreten. Dieser Zustand dauert schon seit 1866 an. Einsichtsvolle Glaubensbrüder haben seitdem schon öfter die Negierung ersucht, größeres Interesse den jüdischen Gemeinden zuzuwenden, sie wenigstens moralisch zu unterstützen. Es hat den Anschein, als wenn diese Vorstellungen, die in der jüngsten Zeit nachdrücklich wiederholt wurden, Aussicht auf Erhörung hätten. Wenn mtfere Bemühungen einen greifbaren Erfolg erzielt haben werden, so will ich aus diesen Gegenstand wieder zurückkommen. — Unlängst las ich in mehreren jüdischen Zeitschriften, darunter, wie mir vorkommt, auch in der „Allgem. Zeitung des Judenthums", daß den Juden in Rumänien durch ein neuerliches Gesetz der Zutritt gu dem Richteramt verschlossen wurde. In Wahrheit hat es in Rumänien bis heute noch keinen jüdischen Richter gegeben, obschon das Gesetz den uaturalisirten Juden von keinem Amt ausschlietzt. Wir haben einige Advokaten, die ungehindert ihren Beruf ausüben können. Die Richter sind in Rumänien mit Ausnahme der Mitglieder des Kassations-Hofes, die auf Lebensdauer ernannt werden, absetzbar, weshalb kein halbwegs beschäftigter Advokat Sehnsucht nach einem Richterposten hat. Wohl aber giebt es drei jüdische Professoren: der eine, Dr. Emanuel David, lehrt an der hiesigen mathematisch - naturwissenschaftlichen Fakultät, ein zweiter, Dr. Farchy, wirkt an dem Lyceum in Plajeschti, und ein dritter, Dr. L. Saineanu, ist als Supplent an einem hiesigen Gymnasium angestellt. Die ersten zwei sind naturalisirt, während der zuletzt Erwähnte schon seit mehreren Jahren vergeblich auf seine Naturalisation. die nur durch die gesetzgebenden Körper, Senat und Kammer, ertheilt werden kann, wartet. Von Nah und Fern. '"Der Jahresbericht des Deutsch-Israelitischen Gemeidebnndes (Mittheilungeu 28) ist erschienen. Derselbe weist ein erfreuliches Wachsthum des Bundes und seiner Stiftungen nach. Das Vermögen ist auf 130,497 M. gestiegen, wovon den Stiftungen 116,946 Ni. gehören. Die Zahl der Bundesgemeinden betrug am l. April d. I. 438, welche zwischen 2 und 600 M. an Jahresbeiträgen leisteten. Persönliche Mitglieder zahlt der Bund 362, eine immerhin noch geringe Zahl; doch ist die Wahrnehmung erfreulich, daß es fast ausschließlich Männer von hoher sozialer Stellung sind, welche ihrem Interesse für die Angelegenheiten der deutschen Judenheit auf diese Weise Ausdruck 1 geben. — Der seit 20 Jahren bestehende „H um an itäts verein Gemul tauw" beging kürzlich in Drüsels Festsälen das Fest der Einweihung seines neuen Banners. Nach einleitendern Gesänge des Gemeindechors und einer Begrüßung der Versammlung durch den Vorsitzenden Herrn Michaelis hielt das Ehrenmitglied des Vereins Herr Rabbiner Dr. Blumenthal aus Ratibor die Festrede. — In Sachen Stöcker- Witte fand vor einigen Tagen der für Beleidigungsklagen vorgeschriebene Sühnetermin vor dem Schiedsmann statt. Die beiden I streitenden Pastoren waren erschienen. Herr Stöcker lehnte es aber ab, vor dem Schiedsmann zu verhandeln, weil derselbe jüdischer Konfession sei und setzte dasselbe auch bei seinem Herrn Amtsbruder voraus. Pastor Witte aber erkürte, daß er dem biblischen Wort gehorchend unterthan sei der Obrigkeit, denn es sei keine Obrigkeit ohne von Gott. Herr Stöcker entfernte sich darauf, wtb es wurde demnächst ein Protokoll ausgenommen. — Unter Vorsitz der Herren Charles Hallgarten, S. Loeweuick, L. Rapp und noch mehrerer israelitischer Bürger wurde in Frankfurt a. Dl. ein israelitischer Kinderhort gebildet uub zu diesem " Zweä der Garten des „Kaufmännischen Vereins" am Allerheiligen Thor gemiethet. — Der zehnte Bericht über die Unterstütznngs lasse des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen weist ein Verzeichniß voll 19 ordentlichen Mitgliedern der Kasse ans. Die Einnahmen betrugen 2853,75 M., die Ausgabe-, 1850,20 M., darunter 650 M. Pensionen und 1049,95 M. Effekten, anlage. Das Vermögen des Vereins beträgt rund 25,000 Mk. Wie die „O. W." wissen will, sind die Hindernisse, welche der Aktivirung der Stiftung des Herrn Baron Hirsch für Galizien im Wege standen, nahezu beseitigt und ist begründete Aussicht vorhanden, daß binnen wenigen Wochen das Kuratorimn seine Wirksamkeit beginnen wird. Ter verdienstvolle Rabbiner und Religionslehrer im VIII. Bezirke in Wien, Josephstadt, Herr L. Wolluer, beging am 26. Mai seinen 70. Geburtstag, wobei er nebstdem auf ein volles halbh un dertjährige^ pä d a g o gisch e s Wirken als Lehrer der jüdischen Jugend zurückblicke-, konnte. - Die Serenade von Jul. Ma n n he im er, welche in der Prager Akademie zum Besten des Pensionsfonds des Chors und Orchesters dedeutschen Landestheaters zur Aufführung gelangte, wurde durch da-> Berliner philharmonische Orchester zum ersteu Mal der großen Oeffeul lichkeit übergebeil und hat große Erfolge errungen. - In der General Versammlung der Budapester autonomen orthodoxen israelitischen Gemeinde wurde Herr Koppel Reich, Oberrabbiner in Verbv. mit großer Majorität zum Oberrabbiner gewählt. - Dem Oberrabbiner von Neusalz, Herrn Dr. Jgn. Süß, wurde in Anerkennung seiner ersprießlichen Wirkens auf dem Gebiete der Seelsorge und des Unter richtswesens das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. — Am dem zweiten Kongreß der Volks banken in Mentona wurde di, Präsidialwürde neben zwei französischelr Senatoren unserem berühmten italienischen Glaubensgenossen Luzzati übertragen. Italien war außerdem noch durch einen anderen Israeliten, Herrn Ra va, den Präsidenten der Genossenschaftsbank von Bologna, vertreten. — Frau Furtadv Heine in Paris, bekannt durch die Wohlthätigkeit, welche sie alljährlüi an Arme aller Konfessionen übt, die Schöpferin zahlreicher humanitärei Institute, hat einen Beweis der Niedertracht und Brutalität gewisse, Leute erfahren müssen. Nächtlicher Weile ist man in ihr Besitzthun, Nocquencourt eiugedrungen und hat dort die Scheiben zerschlagen, dn Möbel zerbrochen und die Pflanzen ansgerisseu. — Der Kaufmann Herr Bernhard L e vy in Paris ist vom König von Portugal wegen seiner Verdienste um die portugiesische Kolonie Bahia dekorirt worden. - In London verschied am 10. März Frau H. Guedala im 71. Jahre an einer Herzkrankheit. Sie war die einzige Tochter des Soloman Sebon. und Miß Sarah Montefiore, der ältesten Schwester von Sir Mose- Montefiore. — Bei herrlichem Wetter mtb unter Beifallsrufen der Meng, stattete dieKönigin von England jüngst dem Baron Rot hschil d in seinem Schlosse Waddesdon in Bnckinghamshire einen Besuch ab. Lord Rothschild erwartete Ihre Majestät auf der Station Aylesburn und begrüßte sie ehrfurchtsvollst. Aus dem Wege nach Waddesdoe bil beten Schul-Kinder Spalier und vor den Thoren des Schlosses über reichten zwei Mädchen Ihrer Majestät ein prachtvolles Bouquet. Nach dem die Königin an dem Lunch im großen Speisesaale theilgenommen hatte, besichtigte sie die Kunstschütze des Schlosses und machte einer Spaziergang in den herrlichen Park. Darauf pflanzte sie zur Erinnerung an ihren Besuch ein Bäumchen, lvie dies schon der Prinz von Wales der belgische König und der Schah früher gethan haben. — In Ja ma i c a wird zu Beginn des Jahres 1891 eine Ausstellung stattfiuden. Der Gouverneur hat mehrere unserer Glaubensgenossen zu Mitgliedern der verschiedenen Kommissionen ernannt. Unter andern interessanten Gegen ständen wird auch eine Sammlung zum jüdischen Gottesdienst: dienender und auf den Ritus bezughabender Requisiten ausgestellt werden. - Wie die „M. Allg. Z." erfährt, ist der bekannte Straßburger Bibliotbekarund Ori ental ist Professor Eilt in g nach glücklicher Beendigung der voll ihm unternommenen wissenschaftlichen Ausgrabungen in Mesopotanrien auf der Heimreise begriffen. Das Blatt hört weiter, daß die Ausgrabungen zu sehr reichen lmd für die Archäologie wichtigen Ergebnissen geführt haben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.