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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-30 · Heft 20 (30.5.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 20 (30.5.1890)
Date
1890-05-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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;>1. Jahrgang, ttr. 20. Gerlin, 30. Mai 1800. Der GemeLnbebote. Wertage zur „Aklgemeinen Zeitung des ZuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. # Berlin, 20. Mai. Die antisemiti scheu Abgeordneten X'3 Reich stags beabsichtigten einen Antrag über die Gebühren der -echtsanwälte einzubringen; sie bemühten sich aber vergebens, die erwrderliche Anzahl von Unterstützungen zu finden. Die Fraktion der Tote:: hat einstimmig die von ihr erbetene Unterstützung abgelehnt. Auch andere Fraktionen wollten sich zur Unterstützung von politischen Xiträgen der Antisemiten durchaus nicht herbeilassen. O Berlin, 28. Mai. In einer Zeit, wo fanatische Köpfe allerxmb Theorien von dem schädlichen Einfluß weniger jüdischer Kinder ms eine überwiegende Majorität christlicher Schulgenossen aufstellen, X es am Platze, a::f eine Anstalt hinzuweisen, in welcher mit glänzendem X'folg das Prinzip seit Jahren durchgeführt worden ist, Kinder ver- 1 [jtebener Konfessionen gemeinsam nicht nur zu unterrichten, sondern wgar zu erziehen. Es ist dies das Institut „Müdchenheim", welches durch eine Stiftung von Ferdinand Reichenheim und Tanny Neichenheim geb. Liebermann am 18. November 1874 ins oben gerufen worden ist. Sein Zweck ist, unvermögenden, in Berlin it mindestens zwei Jahren wohnhaften Mädchen im Alter von 14 bis X Jahren aus den gebildeten Ständen, ohne Unterschied des religiösen -Bekenntnisses, zur Erreichung eines Erwerbszweiges Unterstützung zu . heil werden zu lassen. Bedingung für die Aufnahme ist, daß die '.'.Mädchen sich durch gute Führung auszeichnen und daß sie Waisen oder Halbwaisen sind, oder daß der Vater aus irgend welchem Grunde Erxhung, Unterricht oder Unterkommen nicht gewähren kann. Die Leitung os Instituts liegt in den Händen eines Kuratoriums, welches folgendermaßen zusammengesetzt ist: Den Vorsitz führt der jedesmalige Ober- ' i'irgermeister von Berlin, die Mitglieder bilden die beiden Stifter nach deren Ableben zwei großjährige Deszendenten derselben), einMitllied des Magistrats, eines der Berliner Stadtverordnetenversammlung, in vom Magistrat zu wählender Dirigent einer städtischen höheren 'Mädchenschule, sowie drei Damen, von denen eine seitens des Vorstandes xr jüdischen Gemeinde und zwei seitens der Berliner Wnisen-Verwaltung gewählt werden. — Das Institut wurde am 20. November 1874 in dem nir dasselbe angekausten Hause, Halleschestraße Nr. 1t, mit einer Zahl aon vier Zöglingen eröffnet. Im Juli 1888 erfolgte die Uebersiedelung des Instituts in das neue Heim, tut Garten des eigenen Hauses, Tempelhofer Ufer 21, in welchem 21 Mädchen zur Zeit Aufnahme gefunden haben. Die edlen Stifter haben es bei der ersten Zuwendung xm 45,000 M. nicht bewenden lassen. Vielmehr haben dieselben außerdem noch die Kosten der beiden Einrichtungen bestritten und sich außerdem 1874 rechtsverbindlich verpflichtet, jährlich mindestens noch 1800 M. '.u dem Stiftungszweck beizutragen, welcher Betrag seit 1876 auf jährlich 5<A) M. erhöht worden ist. Im Jahre 1888 erfolgte die Auflassung des Hauses Halleschestraße 11 an die Stiftung, und im Januar 1884 wurde dasselbe gegen die frühere Hypothekenlast von 150,000 M. zu pCt. mit 108,900 M. 3l/2 pCt. Berliner Pfandbriefe belegt, und von der Restschuld von 41,100 M. durch die Stifter gänzlich befreit. 3ur einstigen Ablösung der Jahresbeiträge der Stifter sind Grundstücke im Werthe von 125,000 M. bestimmt worden. Neben den Stiftern haben zahlreiche Gönner und Gönnerinnen des Instituts durch Schenkungen, Stiftung von Freistellen und letztwillige Zuwendungen das Vermögen des „Mädchenheim" bis auf die Höhe von 270,000 Nt. gebracht, wozu später noch bereits versprochene Stiftungen im Betrage Von über 300,000 M. treten sollen, so daß dann aus dauernde Zeiten iür je 50 Benefiziatinnen die Kosten der Erziehung gesichert sind, seitens der Stifter wird besonders dafür Sorge getragen, daß stets last zur Hälfte Mädchen jüdischer Konfession Aufnahme finden. So sind von 84 bisher Aufgenommenen 39 Jüdinnen gewesen. Die im Mädchenheim erzogenen Töchter haben nach erfolgter Entlassung aus der Anstalt sofort Stellungen gefunden und sind wegen der musterhaften Erziehung, welche sie in dem Institut genießen, bei Bewerbungen gern vorgezogene Kandidatinnen. Dies gilt ebenso von den Christinnen wie den Jüdinnen. An keiner einzigen hat man eine „Schädigung des sittlich religiösen Geistes" oder gar „Verjudung" jemals wahrzunehmen Gelegenheit gehabt. ----- Berlin, 27. Mai. Sobald das Frühjahr kommt, fehlt auch der Saison-Hetzartikel der Antisemiten, das Märchen vom rituellen Morde, nicht. Es wird daher Niemanden verwundern, daß aus Damaskus die folgende Nachricht kommt: „Am Abend des 6. April verschwand hier ein christliches Kind, und als dasselbe trotz der polizeilichen Nachforschungeü nicht gefunden wurde, behauptete die Mutter, die Inden hätten ihr Kind gestohlen, und sofort begann es im Christenviertel zu gähren. Bis zum ersten (griechisch-orthodoxen) Ostertage ging es ohne Ausschreitungen ab. Als am folgenden Tage (14. April) ein jüdischer Konditor an der Wohnung des verlorenen Kindes vorüberkam. wurde er von einige:: jungen Christen überfallen und übel zugerichtet. Am folgenden Tage kam es abermals zu Ausschreitungen. Ein jüdischer Leichenzug wurde angehalten, durch Mißhandlungen zur Umkehr gezwungen und mußte von Gensdarmen bis zum Friedhose begleitet werden. Zu gleicher Zeit wurden mehrere jüdische Weber überfallen und geplündert, ein Rabbiner, der über die Straße ging, wurde beschimpft und mit Schmutz beworfen. Einflußreiche Christen kolportirten eine von Verleumdungen strotzende Broschüre, um ihre Glaubensgenossen aufzuhetzen. Die Mutter des verlorenen Kindes raste wie eine Besessene durch die Stadt und stieß aberwitzige Verwünschungen gegen die Juden aus, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht der Leichnam in einem Brunnen im Hause eines Christen außerhalb des Judenviertels gefunden worden wäre. Zum Glück war die Leiche noch so gut erhalten, daß sie von der Mutter sofort erkannt, und der — unglaublich, aber wahr! — von christlicher Seite unternommene Versuch, die Identität zu leugnen, zu Schanden: wurde. Ob ein Verbrechen vorliegt, oder ob das Kind etwa beim Spielen in den Brunnen fiel, wird die Untersuchung ergeben; die Leiche trägt keine Spur irgend welcher Vergewaltigung." 55 Berlin, 27. Mai. Zu einer glänzenden Kundgebung gestaltete sich die gestrige Feier zu Ehren des siebzigsten Geburtstages des Geheimen Sanitätsraths Dr. Samuel Krifteller. Vom frühen Morgen an füllten zahlreichen Gratulanten die in der Sigismundstraße belegene Wohnung, welche durch kostbare Blumenspenden fast in eine:: Garten verwandelt war. Von 10'. 2 Uhr begannen die Glückwünsche der Vereine, denen der Jubilar als Mitglied und vielfach als Begri'u:der und Vorsteher seine Kraft gewidmet hat. Als erste erschien eine Deputation der Berliner Medizinischen Gesellschaft, geführt vom Professor Dr. Falk; von der Gynäkologischen Gesellschaft waren die Aerzte Dr. Martin und Dührssei: abgeordnet. Das Kuratorium der z Berliner Aerztlichen Unterstützungskasse, deren Vorsitzender! Kristeller ist, erschien vollzählig; ihr Sprecher Sanitätsrath Dr. Selberg j überreichte eine elegant ausgeführte Adresse. Die Deputation des V e r e i n s j Berliner Armenärzte wurde von Sanitütsrath Solger, diejenige I der Waisen deputation des Magistrats von Stadtrath Krause > geführt. Um 12' 2 Uhr erschienen in corpore die Berliner Mitglieder, | des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes j denen sich eine Anzahl von Delegirten uub Mitglieder des Bundes augeschlossen hatte. Professor Dr. Lazarus beglückwünschte im Namen des Gemeindebundes dessen Vorsitzenden, verlas und überreichte die prächtig ausgestattete Adresse, durch welche den: Jubilar von der Begründung einer Samuel Kriftel ler-Stift ung zur Förderung des j Handwerkes unter den Juden mit einem Grundstock von ea. 14,000 Mk.! Mittheilung gemacht wurde, überreichte ferner das Diplom,, durch welches; Dr. Kristeller zun: Ehrenmitgliede des Gemeindebundes ernannt wurde, sowie ein Gesammtbild, welches den Jubilar in der Mitte sümmtlicher Mitarbeiter des Bundes darstellt. In seiner Rede hob Lazarus zwei Punkte hervor. Die Dankbarkeit sei eine Tugend, welche, wie alle Völker, so auch

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