Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 20 (30.5.1890)
- Date
- 1890-05-30
- Page
- Seite 282 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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282 geringem Werth. Unklar, ja wirr geschrieben, rein persönlich gehalten, j wie e* die Stunde der Niederschrift allerdings erklärlich macht, bietet es weder ein abgerundetes Bild seines eigenen Lebens, noch eine klare Anschauung der Zeitumstände und der Ereignisse. Es ist ein Erguß der Bitterleit gegen seine ganze Umgebung, nähere wie fernere. Ein Aufschrei des Gekränkten, der sich in seinem Rechte fühlt und der die ganze Ohnmacht empfindet, die ihn niederbeugt, die ihn zum Schweigen verdammt, die ihn zum Selbstmord treibt. Betrachtet man Aeosta's Testament indessen von dem Standpunkt des Kulturhistvrikers, so giebt es wenige Bücher von gleichem Interesse. Man hat schon lange versucht, aus den eigenen Angabe» des unglücklichen Mannes und dein Wenigen, was aus den andereir Cnellen über ihn und seine Zeit zu erfahren ist, ein Bild zusainmenzufügen. Urtel da Evsta ist sein eigentlicher Name; Aeosta ist die spätere, von ihm selbst angewendete lateinische Form. In seiner Jugend hieß er, wie das auch in dem Gutzkow'jchen Drama angedentet ist, Gabriel. Er kam um das Jahr löstil zur Welt. Leine Familie, jüdischer Abstammung, lebte in Oporto rmd war, ursprünglich von den Schrecken der Inquisition gezwungeit, jetzt bereits aufrichtig dem Ehristenthume zugethan. Sei» Vater war streng katholisch und nahm eint vornehme Stellung in Portugal ein. Gabriel wurde ganz wie die Bornehmen seines Vaterlandes erzogen. Er wurde in die modernen Wissenschaften »nd in die Lebensweise der Kavaliere eingcführl. Ursprünglich studirte er die Rechtswissenschaft, die ihm den allmäligen Uebergang in ein geistliches Amt anbahnen sollte- Er war arich in seiner Jugend ein strenggläubiger Ehrist und ein pünktlicher Kirchenbesucher. Aber schon frühe regten sich die Zweifel in seiner Seele. Die Beichte und die Absolution durch Priesters Mund waren es besonders, die sein Gemüth beunruhigten. Trotzdem »ahm er ein halbgeistliches Amt an; er wurde Schatzmeister an einer Stiftskirche <>nn li>ir>). (Schluß folgt.) Sic Juden in der ungarischen Akademie der Wissenschaften. Bon Dr. M. Kayserling. Die Wissenschaft ist interkonfessionell wie international — das hat die ungarische Akademie iviedcr einmal glänzend bethätigt. In derselben Woche, ja an demselben Tage, an bent die preußischen Pairs den traurigen Beschluß faßten, die jüdischen Schüler von den höhere» Lehranstalten möglichst fern zu Hallen, toähllen die ungarischen Akademiker zwei Juden, zwei Männer der Wissenschaft jüdischen Bekenntnisses, zu Mitgliedern: Bernhard Munkücsy, einen jungen ungarischen Gelehrten, mit 4!) von 47 Stimmen, und den bekannten Mathematiker Professor Leopold Kronecker in Berlin, mit 21 von 21 Stimmen, letzteren zum auswärtigen Mitgliede. Diese beiden Gelehrten sind nicht die ersten nnb sicherlich auch nicht die letzten, welche trotz ihres Bekenntnisses der uitgarischen gelehrten Gesellschaft angehören. Rach der Royal Society in London, ' welche schon im vorigen Jahrhundert Inden zil Fellows ernannte, ja einen Juden zum Sekretär wühlte, war unter allen europäischen Akademien die ungarische die erste, welche bei der Wahl ihrer Miti glieder auf das Glaubensbekenntnis; keine Rücksicht nahm. Bald nach! ihrer Errichtung wählte sie einen jungen Mann Namens Moritz! Bloch aus S. A. Ujhely, der den Pentateuch ins lUigarische übersetzt hatte, zmn Mitgliede: wenige Jahre später nahm er einen andern Namen und einen andern Glauben an: Mor. Ballagi, wie er der Professor der evangelischen Theologie, sich jetzt nennt, gehört dem nationalen Institut noch heute an. Biele Jahre später wollte die ungarische Akadeinie außerordem liche Beweise ihres Liberalismus geben, sie tviinschte wieder einnn» einen Juden zu kröne» und öffnete die Pforten ihres Palastes einem Arzte Namens Ivsef Rosenfeld, der später den Namen Rozsao amtahm, den Adel erwarb nnb es bis 311111 k. Rath brachte. Tn ungarischen Akademie gehören ferner an: der bekannte Orientalin Ignatz Goldziher, Dr. Ignatz Hirschler, der mehrere Iah: zehnte für den tüchtigsten Augenarzt im ganzen Lande galt, dn Präsident des ungarisch-jüdischen Kongresses, der Linguist Sigmund Smonyi, dessen Werk über „Leben und Bau der ungarischen Sprache" die Akademie erscheinen ließ, der Literarhistoriker Josepb Bünoezy, der eine werthvolle Monographie über einen ungarischen i Gelehrten schrieb, der Historiker Heinrich Marczali, der Verfass, r i eines trefflichen Buches über Kaiser Joseph, und Ignatz Ars« dp. von dem ein Drama und kleinere historische Arbeiten erschienen. Das jüngst gewühlte Mitglied, Bernhard Munkarsy, der mit dem bekannten ungarischen Maler außer dem Namen nichts gemein hat. machte weite Reisen in Sibirien und erschloß den vogiilischü! Sprachschatz. Die Annalen der ungarischen Akademie verzeichnen aber Juden nicht blos als Mitglieder, sondern auch als materielle Fördern. Als S. W. Schosberger von circa dreißig Jahren der miganjcbc Adel verliehen wurde, wendete er dem nationalen Institute zur Pflege und Verbreitung der Wissenschaft die gleiche Summe zu, welche sein Sohn, der jüngst baronisirte Sigmund Schosberger de Tornya. ihr spendete. Dasselbe geschah von der vor einigen Jahren geadelten Familie Ullmann und in großem Maße von Heinrich Lüvav. dessen Preis im Betrage von 500 fl. für eine wissenschaftliche Arbeit von der Akademie alljährlich ausgeschrieben wird. Und die Preise werden recht häufig Juden zuerkannt. Wn i könnten eine lange Liste von jüdischen Juristen und Aerzten aufführen. deren Arbeiten von der Akademie preisgekrönt wurden. So gingen in diesem Jahre als Verfasser von preisgekrönten Arbeiten aus de» Tevisenbriefen hervor die beiden hauptstädtischen Juristen Dr. Bcl.i Bamberger und Dr. Jakob Polya, welch letzterer sogar zlvei Preiic davontrug, und der Advokaturkandidat David Kohu. In der ungarischen Akademie ist die Wissenschaft interkonfessionell. U -*-*«•» Feuilleton. Ein frommer Jude. Historische Erzählung von Arthur Eugen Sinison. Im Jahre 4!) v. Ehr. lebte in Alexandrien ein frommer Jude. Namens Asver Niranor. Vom Pater war er schon in den Knabenjahren nach Aegypten mitgenvinmen worden, aber seine erste Kinder zeit hatte er in der heiligen Stadt verlebt, in Jerusalem. Inmitten der üppigen Aegyptier wuchs er in fleckenloser Uiischiiia auf, unter den Götzendienern bewahrte er dem Einen Gott seiner Väter die Treue, und obwohl ihn Sorgen und Geschäfte die ganze Zeit über in Alexandrien hielten, war sein Herz doch in Jerusalem. Wenn das Tageslicht schwand, und Dämmerung das grelle Weih der Mauern milderte, die farbigen Laternen vor den Waarenlagern ausgelöscht, und diese verschlossen wurden, begab sich Niranvr am