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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-30 · Heft 20 (30.5.1890) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 20 (30.5.1890)
Date
1890-05-30
Page
Seite 281 (sequence 9)
Language
German
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281 in die kleinsten Einzelheiten. Wo es darum, wie bei der Schilderung eines geistigen Kampfes, auf die innere Entwicklung, auf die Begründung wechselnder Scclenzustände ankommt, wird der Novellist l ichter seine Intentionen zum vollen Ansdrucke bringen, als der Dramatiker. Ans diesem Gesichtspunkte stellen wir den „Sadduzäer von imsterdain" höher als den „Uriel dlcosta". Tie wesentlichen Unteri.viede, die sonst zwischen der Novelle und dem Drama obwalten, i(i,einen uns für eine Höher- oder Minderschätzung des einen oder iv> anderen Kunstwerks nicht in Betracht zu kommen. Man könnte r-clleicht den Schluß der Novelle wirksamer finden; - dort tobtet Üvid auf der Vermählungsfeier Jndith's mit Jochai die Braut in 'cm Moment, wo sie vor den Traualtar hintritt. Er war zum ,teste gekommen, umseinen heuchlerischen Nebenbuhler uiederzuschießen, und trifft die imgetreue Geliebte. Es bleibt vollkommen unauseiprvchen, auf welche Weise Jochai Judith gewonnen habe. Nur das wird von dem Dichter klar geinacht, daß Judith's Liebe zu Uriel lallet war. So lange er nur als der liebende Mann ihr gegen-;:lHTtrnt, ausgestattet mit bevorzugten Eigenschaften des Körpers und ,-at herrlichen Geistesgaben des selbstständig denkenden Mannes, sah ■■V zu ihm hinauf und stellt ihn über den Kreis der sie umgebenden Minier. Bist dem Augenblicke aber, da er versucht, das weiblich rnüunerische Wesen hinaufzuziehen zu der Höhe seiner Gedankenwelt, entfernt sie sich immer mehr von ihm. Der lehrende Uriel wird t,r fremd, sie hat für seinen Kampf mit der Synagoge kein Beraänduiß, sie sieht in ihm den Abtrünnigen, der sich von seinem üichsten mnthwillig, ohne Zwang entfernt, der ohne Gott und Muschcnliebe in der Welt umherwaiidelt. Aehnlich wie Gleichen '-in Faust, verlangt sie von Uriel: „man weiß dran glauben", und "i sie ihn glaubenslos findet, öffnet sich zwischen ihnen eine unüberirückbare Kluft. Nur was sic von Uriel entfernt, das führt Gutzkow mit außerordentlicher Meisterschaft in der psychologischen Begründung ms. Bon einer Neigung zu Jochai oder gar von einem Opfer, das ae dem Vater bringt, ist hier gar nicht die Rede — ivie im Drama. Jochai wird als der Vetter Judiths eingeführt, der eine lang gehegte Neigung zu seiner Verwandten aufgiebt, da er die aufieimende Liebe für Uriel wahrnimmt. Aber diese Entsagung ist nur eine heuchlerische Lüge, denn er ist es, der Uriel zur Versöhnung mit "er Synagoge auffordert, weil er von diesem Schritte den Untergang des Nebenbuhlers erwartet. Im Drama find die Verhältnisse ganz verschoben. Dort ist nochai vom ersten Augenblick, da wir ihn kennen lernen, der ausgesprochene Nebenbuhler Uriels und sein Feind. Aber er selbst thnt nichts zur Vernichtung des Denkers; er freut sich darüber, daß die von Andern geschlungenen Fäden den Fallstrick für Uriel abgeben. ,mi Kampfe bleibt Judith dem kämpfenden Uriel so treu, wie sie es dem lehrendem Manne und Geliebten gewesen. Ihre Untreue gegen ihn ist nur Schein. Sie opfert sich dem Vater, um sich selbst in -mit entscheidenden Augenblicke den Tod zu geben und damit ihre Irene zu besiegeln. Die bedeutenden Abweichungen, welche das Drama von der 'tiovelle unterscheiden, ergeben sich aus dem Wesen dieser Dichtungsgaitnng. Wir haben schon angedeutet, daß die feinere Ausmalung acüscher Momente bei der Umgestaltung leiden mußte. Dafür gcwann die Handlung an Mannigfaltigkeit und Breite. Während in der Novelle nur Uriel, Judith und Jochai einen gewissen Raum einnehinen,. führt uns das Drama Judiths Vater und sein ganzes Hauswesen näher. Es macht uns mit dem Verhältnisse der Mutter und der Brüder zu Uriel bekannt, es führt die Vertreter der Svnagoge, die Vollstrecker des Bannfluchs Persönlich ein. Ter Gegensatz, der - zwischen Uriel und der Gemeinde waltet, wird dadurch mit großer i Wucht herausgearbeitet und sein Verhalten vor wie nach dem Wideri ruf auf's Beste motivirt. Freilich läßt sich ein Umstand nicht aus : dem Drama hinwegleugnen: Uriels auffallende Schwäche der Jn- - konsequenz. | Sollen wir uns für den Träger einer Handlung im Drama ' erwärmen, so muß er ein ganzer Held sein. Im Leben werden wir leichter einem Manne verzeihen, der wie Uriel Acosta handelt, der aus Anhänglichkeit zu seiner Familie, zur Gewinmmg eines geliebten Mädchens auf geistige Errungenschaften verzichtet. Der Held einer Idee aber hört für uns auf, ein Held zu sein, wenn er nur cin- : mal an sich selbst gezweifelt. Die Gegner des Gutzkow'schenDramas, allen voran Julian Schmidt, haben immer wieder auf diesen wunden Punkt hingewiesen. Nieinand aber hat hervorgehoben, wie viel die Gestalt Judiths gewonnen hat. In der Novelle ist sie ein schwaches Mädchen, von Tausenden eine — im Drama wird sie zu einem bewunderungswürdig handelnden Weibe. Sie wankt nicht einen Augenblick in der Treue zu Uriel Acosta und schwingt sich zu einer Hand- . lung auf, die, an sich seltsam genug, innerhalb der gegebenen Verhältnisse aber begreiflich, ja groß genannt zu werden verdient. Auch ein anderer deutscher Dichter hat den Rebellen der Amsterdamer Judengemeindc episodisch für ein größeres Werk verwerthet. Berthold Auerbach's erster Roman „Spinoza", der im Jahre 1880 erschien, wird mit einer außerordentlich schönen Situation eröffnet. Es ist zu Ende des Aprils 1047. Freitag Nachmittag. Ein düsteres Begräbnis;. An dem Grabe eines soeben in die Erde Versenkten bleiben zwei Jünglinge zurück und durchlaufen noch einmal im Gespräch die Vergangenheit des Verstorbenen. Uriel Acosta ist; als ein Greis und müder Mann in die Erde gebettet worden, gefolgt von dem Fluche seiner Gemeinde. Der eine dieser blaffen Jünglinge ist Baruch Spinoza, der große Philosoph, der Unglückliche, dessen Leben das Spiegelbild der unseligen Geschicke Acosta's werden sollte. Mit ungemeiner Feinheit knüpft Auerbach an das Ende des einen Denkers den Lebensanfang des größeren Nachfolgers, und mit großem Geschick breitet er in diesem Eröffnungskapitel feines Romans ein Bild vor uns aus, welches Menschen und Stimmungen jener Zeit vortrefflich konterfeit. Auerbach kannte den Stoff aus seinen Studien über Spinoza sehr genau. Die Verhältnisse des Judenthums in Vergangenheit und Gegenwart waren ihm durch die Traditionen seines eigenen Hauses und seines Jugenduntcrrichts vertraut. Bei ihm kann man sich nicht wundern, daß der Stoff sich ihn: aufdrängtc. Wie Gutzkow zu dem Inhalte des „Sadduzäers von Amsterdam" und des späteren Dramas kam, ist schwer zu sagen. Von Auerbach hat er die Anregung keineswegs empfangen, denn der „Sadduzäer" ist vier Jahre früher entstanden als der Roman „Spinoza". Gutzkow stellt seinen Helden als Jüngling oder besser als jüngeren Mann dar, während Alterbach uns an das Grab seines Greises führt. Wer von Beiden ist dem geschichtlichen Vorbild näher gekommen? Was wir über den wahren Uriel Acosta wissen, verdanken wir fast ausschließlich seinen eigenen Aufzeichnungen. Ein gliicklicher Zufall aber hat uns ein Schriftstück erhalten, das offenbar von Acosta's Feinden geschrieben ist, und das.die Mittheilungen, die er selbst über sich macht, vollauf bestätigt. Uriel hat kurz vor seinem durch Selbstmord erfolgten Tode ein Büchlein in lateinischer Sprache niedergeschrieben, eine Art Testament. „Spiegelbild eines Menschenlebens", so etwa würde matt treffend den Titel „Exemplar liumanae vitae“ übersetzen. Literarisch betrachtet ist dieses Büchlein von

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