Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 20 (30.5.1890)
- Date
- 1890-05-30
- Page
- Seite 280 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Eine ständige Trauerrubrik in unserer Wochenschau bildet nun | einmal Rußland. „Von Norden kommt das Unheil zuerst!" klagte j schon der Prophet. Telegraphischen Meldungen aus Petersburg zu- , folge hat das Ministcrkomitee den Gesetzentwurf über die Beschränkung S der Rechte der Juden beim Erwerb ländlichen Grundbesitzes dem j Kaiser zur Bestätigung vvrgelegt. Rach der Art, wie diese Vorj schlüge bisher stets anfgenoinmen wurden, unterliegt es leider wohl! kalim noch einem Zweifel, daß auch dieser Gesetzentwurf zur An- : nähme gelangen wird. O Uriel Aeosta in Geschichte und Dichtung. Bon Ravhael Löwenfeld. Der Dichter ist cs, nicht der Historiker, der den Gestalten der j Weltgeschichte Bestand und Dauer im Herzen des Volkes sichert. j Deine Macht über die Gemüther ist größer als die des Geschichtsschreibers, die Darsteilungsmittel der Kunst eindringlicher als die Schilderungen des Historikers. Der rückschaucnde Gelehrte, dem die j Aufgabe obliegt, die Thatsachen in ihrer Nacktheit vor uns hin-; zustellen, der gleich fern von freundlichem Antheil wie von feindi seliger Parteinahme für seinen Gegenstand bleiben muß, kann unsere I Sympathien nicht in demselben Grade an sich und seinen Helden fesseln, lvie der schaffende Künstler, in dessen Händen die überlieferten j Personen und Ereignisse nur der bildsame Stoff sind, aus dem er sein Kunstwerk formt. Und seine Macht über unser Gemüth steigert sich noch dadurch, daß er, im Dienste eines besonderen Gedankens, Menschen der Vergangenheit und Ereignisse verflossener Zeiten in die Helle Beleuchtung der Gegenwart zu rücken vermag. Durch das Werk des Künstlers werden aber nicht nur lebendige! Gestalten derVergangcnheit unserer Empfänglichkeit wieder nahe gebracht,! nein, auch längst vergessene leben unter seinem schöpferischen Hauche! ivieder auf. Fremdgewordene macht er zu unseren Lieblingen. Wir i vermögen kaum sie anders zu schauen als in dem Bilde, in dein der ■ Dichter sic gestaltet. . Wem kommt es zum Bewußtsein, daß Don j Carlos ein wirrer, planloser Rebell war, wer denkt bei dem Namen; Wilhelm Teils an eine mythische Gestalt der Volksphantasie; wem; stoßen bei dem Gedanken an Maria Stuart die Zweifel an ihrer; Unschuld aus; wer hat nicht Mühe, sich den Grafen Egmont als den Gatten einer sittsamen Hausfrau und den Vater einer zahlreichen i Familie vorzustellen? Gewiß die Geschichte hat uns längst belehrt, l daß die Dichtung getäuscht hat; aber wir verlieren trotzdem nicht den | Glauben an den Dichter, wir mögen trotzdem nicht lassen von dem j freundlichen Bilde, das er nicht blos in unser Gedachtniß, das er j auch in unser Herz eingegraben hat. Was war uns der Wühler Uriel da Costa, ehe Gutzkow ihn zum! Urbild des Kämpfers für die Freiheit des Glaubens gemacht hatte?! Wer nicht gerade mit den kleinen Verhältnissen eines verachteten! Volkes genauer vertraut war, kannte kaum den Namen des Unglückj liehen Mannes. Durch Gutzkow's Drama wurde er so zu sagen der Bannerträger einer ganzen Richtung, der Typus einer Zeit. Gutzkow's Uriel Aeosta ist int Jahre 1846 entstanden. Das j Stück ergriff wie kein anderes jener Zeit überall das Publikum und! wurde in fast alle Sprachen Europas, vorzugsweise in romanische i und slavische Sprachen übersetzt. „Uriel Aeosta wurde", wie der j Dichter selbst sagt, „ein Witterungs-Barometer für die öffentlichen! Zustände. Nahm die kirchliche Reaktion zu, so erfolgte auf der Bühne j ein Verbot; fand ein Systemwechsel statt, so ließ man Uriel Aeosta j frei. In Oesterreich erhielt sich die Zulassung dauernd nur in den Provinzen; am Burgtheatcr stand lange das Konkordat im Wege. An vielen kleinen deutschen Höfen lehnten die maßgebenden Persönlichkeiten das Drama ab, weil sie das „Judenstück" nicht mochten." Das „Judenstück"! Entweder verbarg man hinter dieser Bezeichnung das nicht ausgesprochene richtige Verstündniß der Tendenz des Dramas, — oder man war wirklich nicht fähig, den Gedanken des Dichters zu folgen. Denn in Uriel Aeosta ist nichts jüdisch, als die auftretenden Persönlichkeiten. Das Judenthum ist hier so zu sagen nur eine Maske, deren sich die von der Bühne zum Volk Sprechenden bedienen mußten, wenn man ihnen nicht überhaupt das Wort verbieten sollte. Was Gutzkow sagen wollte, konnte er nicht durch den Mund von Protestanten oder Katholiken aussprechen lassen; auch durften es nicht Zeitgenossen sein, die seinen Tendenzen Worte liehen. Hütte er es gewagt, in so greifbarer Weise den herrschenden Anschauungen entgegenzutreten, so wäre Alles geschehen, um den Dichter mundtodt zu machen. Darum greift er zur Verkleidung. „Es war einmal" — mit diesem hübschen Märchenanfang kann man auch großen Kindern die seltsamsten Dinge erzählen. Es war einmal — in Holland, in jenem kleinen und doch so großen Staate, daß inmitten der geduldeten Judengemeinde sich ein Feuerkopf erhob, der die alten Traditionen nicht anerkennen wollte, rmd der den Anspruch erhob, seine eigenen Anschauungen haben z» dürfen. Da traten die Autoritäten der Gemeinde zusammen und verhängten den Bann über ihn und schlossen ihn aus von der Gesellschaft derjenigen, denen er durch Geburt und Liebe angehörte, und peinigten ihn so lange, bis er den einzigen Ausweg im Selbstmord fand. So, aber nur so konnte der Dichter den großen Kindern, zu welchen er sprach, die Geschichte von dem Märtyrer seiner Ueberzenguugeir erzählen. Gutzkow hatte den Dulder d'Acosta schon lange in sein Herz geschlossen. Stets wühlt der Dichter aus der Gestaltenfülle der Vergangenheit diejenige, die sich ihin wahlvcrwandt zeigt. Der Führer des „jungen Deutschlands", wie der Bundestag erst spöttisch, ivie das Bolk dann ehrend eine Gruppe deutscher Schriftsteller genannt hat, war selbst ein Kampfer für die Freiheit der Ueberzeugnng. Und den Stoff, in dem er sich ganz glaubte aussprechen zu können, trug er schon über ein volles Jahrzehnt mit sich herum. Im Jahre 1862 hatte er eine Erzählung geschrieben: „Der Sadduzäer von Amsterdam." Heute ist der Novellist Gutzkow vergessen, verdrängt durch die Ncuschöpfung des Dramatikers. Vergleicht man aber die beiden Werke unabhängig von dem Eindruck, den sie auf das große Publikum hinterlassen haben, so wird man mit Julian Schmidt der Erzählung den Vorzug geben, ohne seinem abfälligen Urtheil über das Drama beizustimmen. Auffällig ist cs nicht, daß die drainatische Dichtung den mächtigeren Eindruck und die längere Dauer errungen hat — das erklärt sich aus den stärkeren Mitteln, über welche die dramatische Kunst verfügt. Getragen von einem guten Darsteller muß die sympathische Gestalt des Gutzkow'schen Helden jedes empfängliche Gemüth ansprechen, und die Lehre der duldsamen Anerkennung jeder ehrlichen Ueberzeugung ist auch für unsere Generation noch lange nicht überflüssig geworden. Man läßt sie sich gern von der Bühne herab immer wieder verkünden, man einpfindet sie nicht so scharf als eine Rüge der lebenden Generation, daß inan unangenehm davon berührt würde, und freut sich so an der Größe der Anschauung ohne das Gefühl der eigenen Kleinheit. Der Kunstrichter aber urtheilt nach einem anderen Maßstab. Er wird unzweifelhaft die Novelle als die abgerundetere dichterische Schöpfung betrachten. Die Bedingungen des Dramas widerstreben der Darstellung der eigentlichen Denkerthätigkeit, - der breitere Fluß der Erzählung kommt ihr entgegen. Das Drama fordert die großen Striche in der Zeichnung der Charaktere, — die Novelle gestattet die Ausführung