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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-30 · Heft 20 (30.5.1890) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 20 (30.5.1890)
Date
1890-05-30
Page
Seite 279 (sequence 7)
Language
German
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279 ötc (;ern den Zwecken der Kirche dienen, wenn dabei nur den Juden invas zu Leide gethan wird. Diese Bundesgenossenschaft von außen ist um so nöthiger für den ','lntiscinitislnns, als seine Bekenner unter sich so viele Parteien als viopfe zähle». Da sind zunächst zwei Schattirungen, von denen die cim.', die schwarzgelbe, sich durch Loyalität regierungsfähig machen uill, während die andere ganz rücksichtslos als antidynastische sich i'ekeiint. Herr Schönerer ist mit beiden nicht zufrieden, weil alle diese öcrren doch im Grunde nur Geister sind, die er gerufen, und die heute ni Bollgesühl ihrer Macht des Meisters spotten, dem sie ihr Dasein i>e>danken. Er selber muß das zweischneidige Schwert seiner Rede eosten lassen, denn nun schützt ihn nicht mehr seine Eigenschaft als Abgeordneter, und vor der Polizei hat der ehemalige „Ritter" entichiedcnen Respekt. Indessen fehlt es nicht an Beispielen von der Wirkung, die Zchöncrers Geist in Oesterreich hervorgebracht hat. Ein Schulknabe wurde in Wien zu dreitägiger Einschließung verurtheilt, weil er einen jüdischen Mitschüler beschimpft und durch einen Stoß in die Magengcgend schwer verletzt hatte. In Graz wurde ein jüdischer Techniker bei einem Studentenballe hinansgewiesen, weil er ein Jude sei, obivohl er eine rechtmäßig gelöste Eintrittskarte besaß. Mit 24 Stunden Arrest kam ein Beamter davon, der bei einer Zusammenkunft der Antisemiten in Wien sein Taschenmesser „unvorsichtig handhabte", aas; cs einem Parteigenossen in den Leib gerieth. Ein niederösterrcichischer Bauer aber muß einen ganzen Monat in stiller Zelle über die Borzügc christlich-arischer Sittlichkeit Nachdenken, tveil er in einem anonymen Brief an die Bezirkshauptmannschaft angab, daß die Gendarmerie seines Ortes Verbrechen, wie Betrug, Wucher und lrödtuug eines Kindes, nicht anzcige, wenn sie von Juden begangen werden. Blau sieht, der Antisemitismus sorgt dafür, daß das öffentliche Rechtsgcfiihl wach erhalten wird, allerdings vorläufig nur dadurch, daß er seine eigenen Bekenner auf die Anklagebank bringt. d Wochenschau. Bon Gustav Karpeles. Berlin, 27. Mai. DuS Wochenfest ist vorüber, und es beginnen die Wochentage mit neuer Sorge und neuen Kümpfen. Zwar die Parlamente haben noch Ferien, und so ruht auch noch die „Judenfrage". Aber die lonnneuden Ereignisse werfen bereits ihre Schatten voraus. Und so wird es neue Debatten ohne Zahl und Ende geben. lieber diese Debatten ist die Meinung unter unfern deutschen Glaubensgenossen eine getheilte. Die Einen halten sie für ersprießlich, die Andern für gefährlich. Ich meine, daß das Richtige auch hier in der Mitte liegt. Aber nur da, wo jüdische Abgeordnete selbst mit Mnth und Begeisterung das Bekenntnis; des Judenthums vor allen Parteien aussprechen, wird eine „Judendebatte" wirklichen Erfolg haben. Eine mehr interne Frage — zwischen der Redaktion und ihren Lesern mag in der Woche vor der Eröffnung der Parlamente PNU Allstrag gelangen. Es handelt sich um die Veröffentlichung dieser Debatten in unserer Zeitllng. Wir erhalten darüber folgenden daß sie im Sinne und Geiste des Begründers fortgeführt wird. Wohl fehlt die ausgezeichnete Mitarbeiterschaft Philippson's, aber die Redaktion hat eine Reihe von großen und Tbebeutenbert Männern gewonnen, die für dieselbe thätig sind. Es fehlt in Deutschlaild nicht an vortrefflichen und ausgezeichneten Wochenschriften; die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" hat keinen Vergleich zu scheuen. Nun kommt das Aber. In der „Wochenschau" Nr. 18 heißt es, daß die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" ein für alle Mal darauf verzichte, die verschiedenen Kammerdebatten über die sogenannte „Judenfrage" im stenographischen Wortlaut oder auch nur im Auszug zu bringen. Ich bitte von diesem Beschlüsse abzulassen. Die Judenzeitung war bis jetzt eine der vornehmsten und besten Quellen für die Geschichte der Juden unserer Zeit. Ich selbst habe sie oft und wiederholt bei meinen historischen Arbeiten benutzt und habe ich auch selbstverständlich stets die Quelle angegeben. In manchen Fällen war es mir sehr schwer geworden, die stenographischen Protokolle oder auch die Zeitungen, die die Reden im Auszuge bringen, zu erhalten. Hier fand ich das Gewünschte, ohne lange suchen zu müssen. Es ist aber auch Folgendes zu beachten. Bleiben wir bei dem Fall Pfeil stehen. Die preußischen Journale brachten die Rede des Ministers v. Goßler ausführlich, die österreichischen, selbst die liberalen, nur in sehr knappem Auszuge. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" hat ihre Leser aber nicht blos in Preußen, sondern auch in Oesterreich und in anderen Ländern. Für diese ist es wünschenswerth, derartige Reden ausführlicher zu erhalten, da sie nicht preußische Zeitungen lesen. Dasselbe ist auch umgekehrt der Fall. Ich meine, wenn im österreichischen Parlamente von maßgebender Seite, nicht etwa von Herrn Türk, über Juden gesprochen wird, da bringen die deutschen Zeitungen nur knappe Auszüge. Nun sind gewiß alle diese Judendebatten „aufgewärmter Kohl", wie Cassel sagt; aber es ist doch auch wissenswerth, daß eben nur der ältere Kohl aufgewärmt und leeres Stroh gedroschen wird. Ich ersuche also höflichst, die „Allgenteine Zeitung des Judenthums" möge nach wie vor Verhandlungen über die sogenannte Judenfrage, wenn maßgebende Personen das Wort führen, veröffentlichen. Hochachtungsvoll und ergebenst Wien, 23. Mai 1890. G. Wolf. Wir wollen heute mit unseren! Urtheil noch zurückhalten und die Meinungsäußerungen eines größeren Leserkreises abwarten. Inzwischen hat die Schul-Debatte im Herrenhause, wie es scheint, ihre Früchte getragen. Nach einer durch die Presse gehenden Mittheilung soll das Provinzial-Schulkolleginm in Breslau an die Leiter sämmtlicher höheren Lehranstalten Schlesiens eine Verfügung erlassen haben, in welcher es heißt: „In dem nächsten Verwaltungsbericht erwarten wir eine Anzeige darüber, wie sich das Verhältnis; der jüdischen zu den christlichen Schülern stellt, und welche Erfahrungen mit denn Fleiß und den Leistungen der jüdischen Schüler überhaupt gemacht worden sind." Es ist allerdings noch nicht möglich, nach diesen! einen Satze den Zweck der Verfügung zu beurtheilen, über den vielmehr weitere Aufklärung abgewartet werden muß. Gleichwohl wird schon die Besorgniß verbreitet und von hochkonservativer Seite auch die Hoffnung ausgesprochen, daß im Sinne des vom Herrenhause angenommenen Antrags Pfeil eine neue „gesetzliche Regelung" des Besuchs der höheren Lehranstalten durch jüdische Schüler erfolgen solle. Zunächst liegt indes; nicht einmal ein Anhalt für die Annahme vor. daß die angebliche Verfügung des Breslauer Provinzial-Schulkollegiums auf Anordnung des Kultusministers ergangen ist. Auch falls dies geschehen wäre, halten wir aber ganz entschieden die Absicht einer Regelung für ausgeschlossen, .offenen Brief" von Herrn Professor Dr. G. Wolf in Wien: Berehrliche Redaktion! Ich bin Leser der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" seit dem Jahre 1839 und schreibe für dieselbe seit dem Jahre 1852, und ich glaube daher, ein Urtheil über dieselbe zu haben. Und dieses lautet: So sehr man auch von meinem verewigten Freunde, dem dahingeschiedenen Dr. Philippson, sagen muß: bv ^211» so wird inan doch der jetzigen Redaktion die Gerechtigkeit widerfahren lassen welche etwas an dem verfassungsmäßigen Rechte aller Staatsangehörigen aus Benutzung der öffentlichen Lehranstalten ändern könnte. Das Auftreten des Herrn von Goßler im Landtag war nicht int Sinne eines solchen Versuches; jedenfalls würde derselbe im Abgeordnetenhause zuverlässig scheitern, wenn er etwa unternonnnen würde.

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