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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-30 · Heft 20 (30.5.1890) · p. Seite 277

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 20 (30.5.1890)
Date
1890-05-30
Page
Seite 277 (sequence 5)
Language
German
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Wir erfahren nun, : aas; Hlingersnoth in Rußland herrscht, und zwar nicht nur in den; morastigen, unfruchtbaren Provinzen des Nordostens, soildern allch i in den Provinzen der „schwarzeil Erde" des Südosteus, welche von Den Russenfreunden als die zutünstige Kornkammer Eurapas gei schildert wird. Die männliche Bevölkerung ganzer Provinzen an der uutereil Wolga verläßt ihre Heimath, um Arbeit zu suchen; die Rinde; Der Birken, Stroh und Gras wird mit etwas Mehl zu einer Art i Brod gebacken und die Rußland eigcnthümliche Krankheit, der Hungerwphus, breitet sich in den Dörfern als der Vorläufer einer Reihe; non anderen'Epidemien aus. Hlingersnoth in einer „Kornkammer" ' ist für einen Europäer etwas ganz Unbegreifliches. Für den Kenner rlissischer Zustände ist das aber etwas sehr i ülarliegcudes. Das gebaute (betreibe wird nach dem Auslände i nevfanft, weil die Masse der arbeitslosen Bevölkerung keinen Kopeken! besitzt, um auch nur ein Stückchen Brod zu kaufen. Diese Gegenden, die weit umfangreicher, auch weit fruchtbarer sind als ganz Deutschland ziisammeilgenommen, haben keinen Handel, und weil keinen vaudel, darum auch keine Industrie, und weil keine Industrie, darum auch keine Arbeit, und weil keine Arbeit, darum auch keinen Verdienst, und weil keinen Verdienst, darum auch keine Kaufkraft und darmil öungersnvth, permaliente, ewige Hungersnoth verbunden, mit all der Vernichtung bringenden Gefolgschaft der Hlingersnoth. i Das war früher sehr viel besser, obgleich auch schon in früherer \ Feit eilt Theil der edelsten Bodenerzeugnissc, wie z. B. eilt großer : Vheil der Melonen, auf dem Felde verfaulte, weil Niemaud sic j laufen tonnte und wollte. Früher nämlich hatte sich eine große j Anzahl Juden aus dem russischen Ghetto des Westens und Süd-; westcus fortgeschlichcn und hatten sich widergesetzlich in jenem Thcile | Aufstands niedergelassen, hatten Handel und Industrie gefördert,! waren selbst zu Wohlstand gekommen und hatten überall Wohlstand j verbreitet. Das gefiel den russischen Machthabern nicht, und sie hetzten den Juden die Bevölkerung auf den Hals. Diese rohen Blassen hansten weit schlimmer als die wilden Bestien. Durch Mißhandlung, i Raub, Mord, Frauenschündung hatte man die Juden bald aus dem stände gescheucht. Die Folge blieb nicht aus. Kleinere und größere \ Städte und Dörfer verschwanden vom Erdboden gerade so, wie sie j ehemals entstanden waren, rmd die Hungersnoth hatte wieder den i Stab der Vernichtung über diese Lande geschwungen. Das heutige j Rußland geht früher oder später seiner Auflösung entgegen. Es j kann sich noch retten, wenn es seine Juden aus ihrem Ghetto herausj zieht und überall sich frei bewegen läßt. Nun — um wieder zu unserem Thema zurückzukommen — Hessen ist noch lange kein Rußland, und seine Judenverfolgung mit dem Stimmzettel bedeutet noch lange nicht Mißhandlung, Raub, Mord und Schändung; allein diese Verfolgung ist eben so ungerecht und verwerflich wie jene russische Judenverfolgung auch. Hessen folgt j darin dem allgemeinen Zuge der Zeit, der maßlosen Verhetzung. Daß! diese Drachensaat in Hessen auf fruchtbaren Boden hat fallen müssen, liegt in den eigenthümlichen Zuständen, die wir darzustellen unterj nominell haben. Wird der Judenhaß und die Judenhehe tut All- | gemeinen anfhören, so werden diese auch in Hessen aufhören müssen, : und sie werden aufhören, wenn die Menschen nicht mehr haßverblendet sich zeigen und der Wahrheit die Ehre geben, wenn all' die Entstellungen und Fälschungen im Leben und in der Wissenschaft als solche erkannt und gebrandmarkt werden. Wenn, ja wenn der Handel erst in seinem Werthe erkannt und in seine Würde eingesetzt sein wird als der wahre Schöpfer der Werthe und Ernährer der Menschheit, als der bedeutungsvollste und mächtigste Faktor im wirthschaftlichen Leben, ja noch weit mehr als der mächtigste Förderer der menschlichen Kultur, als der Hort des Friedens, der Bildung, der Gesittung und der Verbrüderung unter den Menschen. Im Handel liegt eine gewisse Kraft und Macht der Erlösung. Es ist darum gewiß kein Zufall, daß vom Weltgcschick gerade den Israeliten, dem Volk der Erlösung!, wider ihren Willen der Handel als Hauptbeschäftigung zugewiescu worden ist. Das uralte typische Wort gilt heute noch wie vor Jahrtausenden von diesem Volke, „lind der Herr sprach zu Abram: Gehe fort aus Deinem Lande, aus Deiner Heimath, aus Deines Vaters Hanse, in ein Land, das ich Dir zeigen will. Und ich will Dich zn einem großen Volk machen und will Dich segnen, Deinen Namen groß machen und Du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die Dich segnen und verfluchen, die Dich verfluchen, und durch Dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden." (Genes. 12.) Will die Welt solches anerkenncu, gut. Wo nicht, so miissen wir uns trösten und geduldig warten, bis Wahrheit und Gerechtigkeit sich endlich Bahn gebrochen und die Herzen milder gestinnnt haben. Unsere Väter hatten noch lveit mehr zu erdulden und — hatten cs weit weniger verdient als wir. Denn daß wir völlig ohne Schuld an diesen Schmähungen, Verhetzungen und Verfolgungen gewesen sind, lvollen wir uns nicht einzuredeu suchen. Rur der Umstand ist uns überaus schinerzlich und niederdrückend, daß nicht Liebe und Wohlwollen, soildern Haß, Verachtung, Neid und Bosheit die Triebkräfte der antisemitischen Bewegung geworden sind; daß ferner diejenigen, welche sich das Richter- und Rächeramt anmaßen, den Juden, was moralischen Werth und volkswirthschaftli che Nutzbarkeit betrifft, weit nachstehen: „Wir wollen »ns nicht der Rechenschaft entziehen; die Richter sind's, die wir verwerfen!" Im Grunde könnten wir diesen antisemitischen Wühlereien mit voller Ruhe zusehen. Wir haben bei denselben nicht viel zu befürchten und zu befahren, wenigstens nicht so viel, als Staat und Gesellschaft. Antisemitismus ist, wie viele Zeitungen auf Grund von Geständnisseil gewisser Parteiführer erst in jüngster Zeit geltend gemacht haben — Antise m itis m u s ist gleichbcdeut e u d mit A n a r ch i e. Daß der Antisemitismus als der Beginn der sozialen Revolution gelten könne, haben lvir oben bereits dargelegt. In einem diesbetrcffenden Artikel hat vor wenigen Tagen die Wiener „Neue fr. Presse" den Gedanken weiter ausgesponnen und mit Recht hervorgehoben: „Der Jude hat das traurige Privilegium, in allen historischen Erschütterungen als Vorposten zu fallen." Darum: Vklwinl. consules! Wir können aber auch aus der Giftpflanze des Antisemitismus ein Heilmittel ziehen, und zwar ein sehr werthvolles Büttel, ein Mittel zu unserer Läuterung, Besserung, Veredlung, Verbrüderung, ein Mittel zur Erweckung des Glaubens und Festigung der Glaubensgemeinschaft; und wird die antisemitische Beivegung solche Wirkungen hervorbriiigen, dann mögen Jene, die uns fluchen, gesegnet sein. O Die Lage des Indenthums in Oesterreich. Von Rabbiner Dr. G. Deutsch. Das Jahr „eintausendachthundertneunzig" wird ohne Zweifel ein Wendepunkt von hervorragender Bedeutung für die Geschichte des Judenthums werden, da in diesem Jahre das Gesetz zur Regelung der Gemeindeverhältnisse beschlossen wurde, welches eine Arbeit der

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