Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 20 (30.5.1890)
- Date
- 1890-05-30
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Menschen von Ilebcrzeiigung reden! -- Diese Antiseuütenführcr sind nur die revolutionären Schlachtenbummler und Leichenräuber, welche von sozialistischen Gedanken angesteckt die Revolution nur benutzen, um die Rohheit und Bosheit ihres blutwüthigen Herzens ungezügelt walten lassen zu können. Das ist wahrlich nicht zu viel gesagt, wenn man bedenkt und betrachtet, wie viel Haß und Verfolgung, tvie viel Zerstörung und Blutvergießen sie durch ihre lügnerischen Beschuldigungen rind Verhetzungen bereits angestiftet haben. Zum Schluß noch eine kurze Betrachtung über den Antisemitismus im Allgemeinen. Ich habe einen Sohn, der nun schon seit zwei Jahren der Universität als Student angehört. Nun weiß ja ein Jeder, wie selbst die Studentenwelt ganz ohne Grund und Ursache, wenn man diese nicht im neiderfüllten, verrohten Herzen suchen will, antisemitisch versericht, den Rassenhaß in ihren Komment ausgenommen hat. Aller der unliebsamen Begegnissc mit antisemitisch angehauchten Studiengenossen gedenkend, stellte mein Sohn die Frage: „Wann endlich wird dieser antisemitische Sinn und Geist völlig erstorben und erloschen sein, damit man endlich mit seinen Genossen und mit aller Welt, mit welcher man sich Eins weiß in Denken, Fühlen und Wollen, in Ruhe und Freude, völlig harmlos und zwanglos verkehren kann? Es ist ja geradezu ein Gedanke znm Verzweifeln, durch diese häßliche und gehässige Gesinnung ans unabsehbare Zeit sich allsgestoßen und abgestoßen fühlen zn müssen." Ich gab mir Mühe, ihm eine Perspektive in der Ferne zu zeigen, in welcher der Antisemitismus absolut teineil Platz und keine Bcdcutung in der menschlichen Gesinnungsweise mehr einnehmen und beanspruche» werde. Er wollte sich daniit nicht zufrieden geben, das schien ihm Alles zll unbestimmt, zu ungewiß, zu weit in die Ferne gerückt. — Rlin denn, antwortete ich, so will ich Dir auch eine Aussicht eröffnen, die ganz nahe liegt, wenigstens zu liegen scheint, so nahe, daß man die Thatsache ihrer Verwirklichung geradezu mit Händen greifen kann. Der Antisemitismus wird mit dem Augenblick, und zwar für immer aus der Welt geschasst sein, wenn — nicht etlva alle Vornrtheile geschwunden, aller Klassen- und Rassenhaß beseitigt, Menschlichkeit und Wahrheit zllr Herrschaft gelangt sein lverden, sondern — wenn die Menschen nur erst ansangen, wahr gegen sich selbst zu fein, und das, was wahr ist und sie selbst für wahr halten, auch zu gestehen und zu bekennen die sittliche Kraft rlangt haben. Mit dem Augenblick, da die Menschen sowohl im Leben als auch in der Wissenschaft wahr zu sein sich befleißigen, wird der Antiscmitismlls für ewig abgethan sein. Es wäre ein verdienstliches Werk, alle die Unwahrheiten, Entstellungen, Fälschungen — um von der starten Voreingenommenheit in Wissenschaft und Leben gar nicht zn reden —, zusammenzustellen und der Welt als Spiegel vorzuhalten. Vornrtheile, Unwahrheiten, Fälschungen im Leben sind noch bei weitem nicht so schlimm als in der Wissenschaft, wo sie durch die Schrift gefestigt und bestätigt leicht zum allgemeinen Dogma sich gestalten. Und absolut keine Wissenschaft ist frei von solchen Fälschlingen und Entstellungen, allesammt nur von Haß und Scheelsucht eingegeben, und nur wenige Gelehrte sind völlig frei von dieser Voreingenommenheit den Juden gegenüber. Man fälscht die Religionswissenschaft, die Geschichte, selbst die Physiologie und Psychologie, um nur den Inden Eins versetzen zu können. Am schlimmsten haben in der Neuzeit gewisse Verdrehungen, Fälschungen und Entstellungen in der Volkswirthschaftslehre — einer verhältnißmäszig noch sehr jungen Wissenschaft — auf die Wirthschaftspolitik im Allgemeinen und auf die Anschauungen der Menschen im Besonderen eingewirkt. Welcher Mißbrauch ist nicht mit dem Worte Arbeit getrieben worden, und welche Verwirrung hat nun gar der Un- und Mißbegrisf: „Nationale Arbeit" angerichtet, und alles das geschah stets nur mit einem häßlichen und gehässigen Seitenblick am den Inden und seine Beschäftigungsweise. Allein weit mehr noch als diese kleinen Nadelstiche haben die Kculenschläge geschmerzt, welch: man dein Juden zn versetzen gewußt hat, anknüpfend an eine gefälschte Theorie, welche die Bolkswirthschaft noch bis zu dieser Stunde fast ausschließlich beherrscht und irreleitet. „Nur die Arbeit schafft Werthe", nur die wirkliche, produktive Arbeit hat einen Werth, denn ihr entstammen alle Güter und Bcsitzthümer der Menschen; wie viel Arbeit, so viel Werth, ein Begriff deckt den andern. So kann man fast in alten Volkswirts schastlichen Werken lesen. Ter Jude nur, der nicht arbeitet, sondern schachert, ist darum nur ein Ausbeuter, ein Exploitator, ein Drohne unter den Arbeitsbienen; er lebt vom Fleiß und Schweiß der Nationen, zehrt an ihrem Mark, ist ein unnützer, schmarotzender Gast, und tvie alle diese Schmähungen, Fälschungen und Entstellungen sonst noch lauten mögen; denn Fälschungen und Entstellungen sind alle diese Sätze von A bis Z. Die Arbeit schafft nicht, hat niemals Werthe geschaffen, sclbn tücht eimnal in den Münzprägestätten und in den Werthpapier druckereien. Die Arbeit schasst nur Bedürfnisse, die für denjenigen der ihrer nicht bedarf, g ar keinen Werth haben. Ihren Werth erhalten alle diese Bedürfnisse erst durch den Handel. Schafft nur mittelst der Arbeit Bedürfnisse, so viel ihr wollt — sie müßten alle sammt verderben, verkommen, verfaulen, wenn der Handel nick-: wäre, der sie euch abnimmt, verbreitet, verwerthet und dorthin verführt, wo sie Geltung und Bedeutung haben und durch di höchsten Preise aufgctvogen werden. Der Handel ist es, welchenicht nur Alles „verwerthet", sondern auch, indem er es vertverthcn einem jeden von allen den vielbedürftigen Kulturmenschen sein Bedürfnisse vermittelt, von jedem Gegenstände des elementarsten Bedürfnisses an bis zum Gegenstände des vollendeten Luxus. Der Arbeiter, selbst wenn er Lebensmittel prodnzirte, könnte dabei ver hungern und verkommen, wenn ihm die Produkte seiner Arbeit nich: verwerthet und dem Werthe der Produkte gemäß nicht auch di Arbeitskräfte bezahlt würden. Alles, was in der Welt Werth heiß:, Werth der Arbeit, Werth des Bedürfnisses, Werthzeichen und Werth Messer — Alles wird durch den Handel geschaffen und nicht durc! die Arbeit. Wo nur irgend ein Werth steckt, da sucht ihn der Handel an das Tageslicht zu ziehen und für den Gebrauch und Verkehr, sw den Besitz und Genuß flüssig zu machen. Nicht allein die fertigen sondern auch die noch künftighin zu fertigenden Arbeitsprodukte wein der Handel zu verwerthen; er macht schließlich Alles zu Kapital indem er es nach seinem Werthe abschätzt, selbst Menschen und Bölkc: selbst Städte und Staaten, und alle diese durch den Handel bis in - Unendliche gesteigerten und vermehrten Werthe dienen schließlich dock nur dazu, in ganz gleichem Maße und Grade die Arbeit anznregc» dem Menschen Beschäftigung zu geben, ihnen alle ihre Bedürfnisf und Genüsse zu vermitteln, sie zu ernähren, zu kleiden, vor Noth und Elend zu schützen — die Hälfte, vielleicht gar Dreiviertel der „arbeitenden" Menscheu würden elendig verloren und zu Grund: gehen, tvenn sie nicht durch den Handel gehalten und erhalten würden. Hier ein Belag für das Gesagte, der obendrein den Vorzug hat, auf genaue Nachforschungen der amtlichen Statistik sich berufen zn können. Die russische geographische Gesellschaft hat in ihrem neuesten Jahrbuche eine durch farbige Karten illustrirte Abhandlung von Borkowski über die gegenwärtige Hungersnoth in Rußland und deren Ursachen veröffentlicht. Noch niemals zuvor hat Rußland eine so ungeheure Menge von Getreide, als während der letzten zwei