Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 20 (30.5.1890)
- Date
- 1890-05-30
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
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275 ul* ob ich bei nächste Allverwandte wäre, auch nicht die leiseste Aegung des Antisemitismus oder auch nur die Möglichkeit eines solchen war zu merken. Selbst einige Jahre später hatte unter der Bürgerschaft die Judenfeindschaft noch keinen Eingang gefunden, und ilvch bis zn dieser Stunde will der beste Theil der Marbnrger Bürgerschaft, an ihrer Spitze die Gelehrten und meisten Beamten, vom Antisemitismus nichts wissen. Meine Tochter, welche sich im ßahre 1884 oder 1885 einige Zeit bei meiner Schwester in Marburg v.nfhielt, hatte Zutritt in den besten Bürgerhäusern und wahrhaft schwärmerische Anhänglichkeit von Seiten christlicher Damen gefunden, ividerrieth aber auf das Entschiedenste, einen meiner Söhne in Marburg studiren zu lassen, weil die jüdischen Studenten viel zu leiden hätten von ihren christlichen Kommilitonen, welche die Kontnrrenz der jüdischen Studiengenosscn fürchteten. Unter den Studenten scheint in der Thal der importirte Antisemitismus zu allernächst Eingang gefunden zu haben. Erst bei den nächsten Reichstagswahlen trat der Antisemitismus il, aller Schärfe hervor, von Böcke! und Genossen zn Heller Flamnle angefacht. Wer ist Böckel? Ich kenne sein Vorleben nicht, habe mich auch darnach nicht erkundigt; was ich zufällig darüber erfahren, null mit den streng sittlichen Begriffen sich nicht recht vereinigen lassen; nur so viel sei hier erwähnt, Böckel war zn Anfang nicht Antisemit, sondern Sozialdemokrat, wozu er vermöge seines unruhigen, zerfahrenen Wesens, seines friedlosen agitatorischen Wühlgeistes sich liingctricben zeigte. Er fühlte jedoch bald heraus, das; in Marburg und Umgegend der Boden für die sozialistische Saat noch nicht genügend vorbereitet sei und versuchte es zunächst, ob ans eignem Antriebe, ob von anderwärts her hierzu anfgcstachclt, wissen wir nicht anzugeben, mit dem Antisemitismus, welcher für sein revolutionäres Gelüste mehr Aussicht auf Erfolg versprach, und in dieser seiner Rechnung hat er sich nicht getäuscht. Für den Antifemitisinns war ja, wie aus der vorhergehenden Darstellung leicht zn erkennen ist, Zeit und Gelegenheit ausierordentlich günstig; nirgends in ganz Deutschland, auch da nicht, wo dreimal so viel Inden wohnten, war mit solcher Gewißheit auf einen Sieg der antisemitischen Bestrebungen zu rechnen als in Hessen, besonders auf dem Lande. Es war ja offenbar, daß alle Bedrängnis;, alle Unzufriedenheit, aller Rückgang, alle die vielfachen Nachtheile, in welche die Landbevölkerung seit gerathen, den Juden gerade zum Bortheil gereicht tvaren, folglich mußte der Jude an Allem Schuld sein. Diese Logik lag sehr nahe und wurde von den Agitatoren eifrig geweckt und gepflegt. Auch der städtische Philister war leicht zu überzeugen, daß er mit der Zeit von den Juden werde gänzlich überflügelt und aus all' seinem Gewinn werde verdrängt iverden. Das Alles konnte ja ml oculos demonstrirt werden, und an den wildesten und wüsteste» Nähtereien, verbunden mit den lügenhaftesten und gewissenslosestcn Beschuldigungen ließen es die Agitatoren wahrlich nicht fehlen. Ter Erfolg ist bekannt. Böckel ivnrdc als der erste Antisemit von Profession, als der erste Antisemit als solcher, in den Reichstag getvählt. Die letzten Reichstagswahlen ließen bereits fünf Antisemiten, sämmtlich aus Wahlkreisen, welche einen geschlossenen Bezirk in Hessen bezeichnen, aus der Urne hervorgehen. Ob diese antisemitische Leprose, welche bewirkt, das; der lebendige Körper gliedweise abstirbt und verfault, ansteckend wirten »nd anch noch andere außerhalb Hessens gelegene Wahlkreise anfressen werde, mnß die Zukunft entscheiden; bewahrt sind wir davor keineswegs. Die Lepra kann mit der Zeit aussterben, heilbar ist sie nicht. Es erübrigt nun noch, über die Bedeutung dieser antisemitischen Krankheit einige Andeutungen zu geben. Hessen ist das Land, zvelches unter allen den ehemaligen deutschen Einzelstaaten die meiste Bedrückung und Mißregiernng hat erdulden müssen und darum anch die meiste Revolutionen erfahren hat. lieber die Revolutionen in Hessen im 19. Jahrhundert, vom „Bruder Lustik" (Hioronymus Napoleon) an bis auf den heutigen Tag, ließe sich ein ganzes Buch schreiben; lind alle diese Revolutionen haben, wie mir Baker rmd Großvater erzählt, mit Jndcnhetzcn begonnen. Die Hauptrcvolution des Jahres i 1848, die zwar eine allgemeine kontinentale gewesen, aber Hessen ganz besonders ergriffen, geschüttelt und auch nicht das kleinste Dorf unberührt gelassen hat, habe ich selbst erlebt. Sie begann damit, daß man den Juden und Beamten, ganz besonders aber den richterlicheil Beamten, die Fenster cinwarf und deii armen jüdischen Torfgeher, der die kleinen Gefälle der Acker- und Biehwirthschaft taufte, mißhandelte. DaS dauerte so lange, bis edle, einsichtsvolle lind großherzige Männer, wie die Universitäts-Professoren Fick und Bayrhvffer, die i Angelegenheit in die Hand nahmen und das Volk belehrten. Beide,! Zierden der Gelehrtenwelt, sind leider zu früh aus dem Leben geschieden, i Der Letztgenannte starb in Amerika, Ucbcrall, wo Ausschreitlmgeil ' vorkamen, da waren diese Männer am Platze. Niemals iverde ich die edle Begcisterllng vergessen, mit welcher ganz besonders Bayrhoffer von der Gleichberechtigung aller Menschen sprach und dem Volke Bruderliebe gegen de» Juden, den „Schmerzensmann der Weltgeschichte", einschärfte. Das fruchtete.. Die Revolution ging ihren i Weg, aber Jndcnhetzcn kamen nicht mehr vor. WaS gegenwärtig diese Judenhetzen nicht nur in Hesse», sondern allch in andern Ländern zn bedeuten haben, das lveiß ich sehr gilt. Sic bedeuten den Beginn der sozialeil Revolution. Hessen ist das Land der Revolutionen wider Wille»; denil die Bevölkerung besitzt gar nicht jenen unruhigen, der Revolution zngencigteil Sin» und Geist; allein es ist doch nun einmal nicht anders; so scheint denn auch die soziale Revolution dort am ehesten Platz greifen und aiii festesten eiinviirzeln zn wollen. Hessen ist ein nckerbautreibendes Land, die Fabriken sind dort sehr düilil gesät; die soziale Bewegung wird dort nie jenen lärmenden Charakter aniiehmen wie in den Industriebezirken: allein wenn ein Bauer und Besitzer, und zlvar einer von jenem hessischen, altedlen Bauerngeschlechte der Lauer, als sozial-! demokratischer Gegenkandidat Böckels auftritt, dann darf man wohl! lilit dem Sozialisten Sabor sagen: „Das läßt tief blicken!"; Aber nicht in Hessen allein — überall, allüberal bedeutet diese; antisemitische Hetze nichts mehr und nichts weniger als den Beginn ' der sozialen Revolution. Mögen sie sich» Alle gesagt sein lassen, welche den Antisemitismus offen oder geheim unterstiitzcn oder anch nur frei gewähren lasse»: es handelt sich gar nicht um die Juden, es! handelt sich um den Umsturz der gesammten Lebens-, Gescllsehafts- und! Staatsordnung! Und glaube inan nur nicht, daß man der revoln- | tionären Bestie den Juden zum Fraß vorivcrfen und sich mittlerweile salvircn könne. Diese Politik zieht bei den wirtlichen Revolutionären! schon heute nicht mehr, diese wissen, was sie zu thiui, diese wissen, i wo sie und wie sie ihre Sache anzupacken haben, diese wissen, daß i sie von den Juden am allerwenigsten zu fürchten und zu hoffen haben. Erst wenn jenen stillen und offenen Theiliichmern am AntisemitisninS das „Wasser bis zi»n Leben" gedrungen sein und ihnen das Biester an der Kehle sitzen wird, werden sie einsehen, wie böS iiiid bitter cs war, die Bestie entfesselt und die wildesten und verwerflichsten Leidenschaften des Neids und der Habgier angefacht zu haben. Alle diese Führer der antisemitischen Rotte sind nichts anders und nichts weiter als Revolutionäre, aber nicht von jenen Revolutionäre» edel» Stils, die von der Macht der Uebcrzeugiing getrieben für ihre Bestrebungen das Leben in die Schanze schlagen — wer mag bei Menschen, die mir mit Lug und Trug, mit Haß und Neid umgehen, wer mag bei innerlich verrohten, keiner edleren Regung fähigen