Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 20 (30.5.1890)
- Date
- 1890-05-30
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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274 sicheren Oiinoiim vodjiuit. Die Anlieger waren nämlich wie versessen darauf, irgend ein an ihren Besitz grenzendes Stück Land zu kaufen und damit ihr Gut zu vermehren und abzurunden. Und lwenn der Bauer auch den Gesammt-Kaufpreis schuldig geblieben war, so vermeinte er trotzdem um das angekaufte Stück Land reicher und angesehener geworden zu sein. Der Parzellenverkauf eines solchen Bauerngründstücks war stets mit den größten, oft zur Revolte ausartenden Aufregungen verbunden. Zumeist gingen die Aufregungen hierzu von denjenigen aus, welche j zu einem Mitgebot sich außer Stande sahen. Ohne polizeilichen Schutz! waren solche Bersteigerungen selten zu bewirken. Und diese Aufregung j pflanzte sich über die ganze Umgegend fort. Oftmals verschworen j sich auch die Bauern gegen den Unternehmer, indem sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, kein irgendwie annehmbares Gebot für das aus-! gebotene Stück Land zu stellen, und boten im wahren Sinne des Wortes i nur Spottpreise, das will sagen, Preise welche das Versteigerungsgeschüst zum Gespött machen sollten. 10 Thlr. bot beispielsweise ein Bauer für ein Grundstück, das 400 werth war; noch 5 Sgr., schrie ein anderer aus der Mitte der großen Menge, welche sich zu diesem Schauspiel angesammelt hatte. Das Gebot wurde mit schallendem Gelächter, oftmals aber auch mit eisiger Ruhe angehört. Der Verkäufer wußte, was die Glocke geschlagen; er ließ die Versteigerung schließen und verließ mit den rcquirirten Beamten, guten Muths, den Ort, denn nunmehr durfte er überzeugt sein, erst recht ein gutes Geschäft zu machen. Es dauerte auch gar nicht lange, da erschieir! ein Bauer in aller Stille und Heimlichkeit bei dein Gutsverkäufer und verlangte ein Grundstück, das ihm besonders gelegen war, zu kaufen. Er erhielt auch dasselbe für einen recht annehmbaren Preis. Nunmehr war der Ban» gebrochen. Die Bauern erschienen einzeln und zu Hans — ein Jeder wollte ein passendes Grundstück dem andern vor der Nase wegschuappen, die höchsten Preise wurden gefordert und bewilligt. Ter letzte Rest kam dann doch noch zur Bersteigerrmg. Dieser Güterschacher war absolut weder ein ungerechtes, noch ein wucherisches und trotzdem für die Juden ein wahrhaft unseliges Geschäft. Es gab gelviß nur äußerst wenige solcher Güterhändler; allein der gewaltige Unwille, die Mißstimmung und die Gehässigkeit, welche dieser Güterschacher hervorrief, entfiel zu gleichen Thcilen auf alle Juden. So war cs ja von jeher, daß man für die Handlungsweise der Einzelnen die Gesammtheit verantwortlich machte. Ob diese sogenannte „Güterschlächterei" fiir die Landbevölkerung einen so großer! Verderb bedeute, wie allgemein angenommen wird, darüber wird erst eine spätere, billiger denkende, unbefangen entscheidende, unvoreingeuoinmen richtende Beurtheilung zu befinden haben. Wenn später sich aller so reich angesammelte Unwille der Landbevölkerung auf die Juden lenkte, so trug an diesem Mißstande die Güterschlächterei ganz gewiß die meiste Schuld. Diese Gtiterschlächterei als eine Schuld der Juden hinstellen zu wollen, ist jedoch nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden; nicht einmal diese sogenannten Güterschlächter selbst trifft der kleinste Makel einer unrechtmäßigen Handlungsweise. Am allerwenigsten aber steht diese Gtiterschlächterei mit de» sonstigen Beschwerden des Landwirths in irgend einem ursächlichen Zusammenhänge. Wenn die starre und strenge Sitte unter den Bauern nach und nach verloren ging; wenn in Folge des steigenden Luxus die Allsgaben immer größer wurden; wenn die Steuerlast eine immer größer und schwerer zu tragende wurde; wenn der Wohlstand immer mehr abnahni und die eiserne Kiste sich endlich gänzlich leerte; wenn die allgemeine Wehrpflicht die Söhne von Haus und Hof entfernt hielt und der Bauer für diese Ersatz schaffen und außerdem für das standesgemäße Leben des Sohnes ein schweres Stück Geld anfbieten mußte; wenn die Dienst- und Arbeitslöhne iimun höher stiegen, tüchtige Dienst- und Arbeitslcute immer schlverer zu bekommen waren, weil die Arbeitskräfte sich immer mehr den industriellen Arbeitsplätzen zuwandtcn; wemr die Arbeiter sich immer mehr mit sozialistischen Ideen trugen und immer schwieriger zu behandeln waren; wenn schließlich die Agitatoren und Wühler aller Parteien dir gestimmte Bevölkerung verhehlen und überall die vorhandene Unzu friedenheit bis zum Uebcrmaß zu steigern trachteten: so wird doll> kein vernünftiger Mensch solche Zustande der Unruhe, der Unbehag lichkeit, des Mißvergnügens und der leidenschaftlichen Aufregung in irgend einen Ursachevcrband mit dem Güterschacher oder dem sonstigen Leben und Treiben der Juden zu bringen im Staude sein. Ti. Landbevölkerung hätte auch nun und nimmermehr zum Antisemit!- mus hingeneigt, wenn nicht die wildeste, roheste, lügenhafteste Per hetzung von Seiten städtisch er Antisemitenhäuptlingc die böse San: auf den gut vorbereiteten Boden ausgestreut hätte. Wir wollen nun zusehen, wie der Antisemitismus in den Städten entstanden ist. Als Musterort, als die Hochschule des Antisemitismus muß Marburg betrachtet werden, welches den traurigen Ruhm um Ruf sich erworben hat, dem Antisemitismus als einem politischen Prinzip zum ersten Male zum Siege verholfen zu haben. Tee Antisemitismus als politisches Prinzip; ich schäme mich n; die Seele eines jeden Deutschen und eines jeden wahrhaft gebildeten Menschen hinein, iudeni ich dieses Wort nicdcrschreibc. Als ich vor etlichen und dreißig Jahren in Marburg studirie. lebten dort die nachfolgenden Juden: ein Schirmmacher, Vater in:: Sohn, ein Fellhändler, ein antiquarischer Buchhändler, ein Reparateun mechanischer Werkzeuge, ein Lotterie-Kollekteur, ein Manufaktur waarenhändler, ein Uhrmacher, ei» Produktcnhändler und drei iilleu Damen, die einen Haushalt bildeten. Tie Stadt zählte siebenbi-: achttausend Seelen, darunter 200 bis 270 Studenten. Die wenige: Juden waren weder vermögend, noch traten sie irgcndtvo gcschäftl: hervor. Das Geschüftsleben der Stadt war überhaupt wenig reg>. der Geschäftsgang war ledern, engherzig spießbürgerlich; die Bedüri nissc waren gering, die Lebensmittel billig. So verblieben die Zm stände bis zum Jahre 1800. Bon diesem Augenblick an hat de Stadt einen großen Aufschwung genommen. Die Zahl der Student::: ist zeitweilig bis auf 1000, die Einwohnerzahl gewiß um das Doppeln, gestiegen; die Zahl der Juden aber hat sich, seitdem sie in Marburg frei leben und verkehren konnten, nahezu verzehnfacht. Den Marburg: r Geschäftsphilistern waren sie bedeutend überlegen, und bald war da- Geschäft ganz in ihren Händen. Bald hatten auch die Iküh Schulen, Gymnasium und Realschule und ebenso die Universität, eünu bedeutenden Prozentsatz an Schülern und Studirendcn aufzuweisen, da das Streben nach geistigen Besitzthümern bei den Juden ein no:i> weit größeres ist als nach nrateriellen. Das Alles schien so natürün> und selbstverständlich, daß es Niemandem einfiel, hieran auch nur den geringsten Anstoß, das geringste Aergerniß zu nehmen und den Juden auch nur die geringste Abgunst entgegcnzubringen. Als ich im Jahre 1882 die Stadt Marburg, woselbst ich den schönsten Thcil meiner Jugendzeit zngebracht, zum letzten Male besuchte, fand ich daselbst höchst angenehme Verhältnisse und Zustände. Christen und Juden fand ich noch im besten Einvernehmen. Zmn wirklichen Rcichthumc waren höchstens die Bierbrauer gelangt; aber alle ernährten sich gut und gemächlich, denn die Universität nu: ihre» nahezu 1000 Studenten brachte Geld und Verdienst, u>0 dazu ein Leben voller Jubel und Trubel; — jeder Tag ein Festtag. Viele meiner christlichen Bekannten, auch meine christlichen Hauswirtin von ehemals — zwei ehrbare Handwerker, ein Wollweber und ein Drechsler — lebten noch und empfingen mich mit einer Zärtlichkeil.