Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 19 (23.5.1890)
- Date
- 1890-05-23
- Page
- Seite 2 (sequence 18)
- Language
- German
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2 Anhalt und Braunschweig. Das Fürstenthum Lippe weist einen Ausschuß des Synagogenverbandes und mangels eines Landrabbiners einen gemeinschaftlichen Schulinspektor für die sämmtlichen Gemeinden des Landes auf. Unter den freien Städten ragt Ham bürg durch eine mnstergiltige Organisation hervor. Sein Prinzip, welches von größeren Gemeinden in Deutschland unseres Wissens bisher nur in Breslau Nachahmung gefunden hat, lautet: Gemeinsamkeit in den Verwnltnngsfragen, Sonderung nach der religiösen Parteirichtnng in kultuetlen Fragen. Demgemäß steht an der Spitze der Gemeindeverwaltung ein gemeinsamer Borstand, während zwei getrennte Verbände, der Synagoge n v e r b a n d und der T e m p e l v e r b a n d, durch Errichtung von Synagogen und Schulen, Anstellung von Rabbinern u. s. w. für die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder Sorge tragen. In den Reichslanden endlich ist die französische Konsistorialversassung beibehalten. Tie Konsistorien in Straßburg, Kolniar und Metz, ans einein Oberrabbiner und sechs weltlichen Mitgliedern bestehend, bilden die Mittelpunkte der Verwaltung. Von hier aus werden die den Charakter von Reichtsbeamten tragenden Stadtrabbiner, öffentliche Lehrer und Kantoren für das ganze Land ungestellt. Der Begriff der jüdischen Gemeinde im Sinne einer für sich abgeschlossenen Verwaltung existirt in een Reichslanden nicht. Gegenüber dieser Mannigfaltigkeit drängt sich Manchem die Frage auf: Wie gelangen wir zur Einheit? Und die Antwort? Sie kann erst dann gegeben werden, wenn nicht einige Wenige, sondern die gesummte Jndenheit in Deutschland die Frage an sich selbst richten wird, wenn nicht eine Anzahl von 450, sondern die fünffache Zahl von Gemeinden sich zu einem freiwilligen Verbände zusammengefunden haben wird. Dann aber lvird die Antlvort nicht schwer sein. d Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. -ff Berlin, 18. Mai. In hervorragenden Kreisen gilt es als sicher, daß die Stellungnahme des Kn ltnsministers v. Goßler gegen den Antrag des Grafen Pfeil im Herrenhause nicht ohne vorherige Verständigung mit dem Reichskanzler v. Caprivi erfolgte, weshalb man in der Goßler'schen Rede ein Zeichen erblickt, daß auch die Gesammt- Regierung gegenüber den antisemitischen Ansprüchen streng auf dem Boden der Toleranz und des geltenden Rechtes verharren werde. 4t Berlin, 21. Mai. In der gestrigen Sitzung des Reichstags brachte der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg die Juden mit der Sonntagsruhe in Verbindung. Wir möchten nun den edlen Kämpfer „für Recht und Wahrheit" fragen, wo er baut die vielen jüdischen Geschäfte gesehen, die am Sabbath geschlossen und am Sonntag 31t schließen sich geweigert haben. Das Letztere würde ihnen ja ohnedies die Polizei übel anstreichen. Auch daß die Juden durch die Sabbathfeier die Arbeit der Briefträger üm Sonntag vermehren, behauptete Herr Liebermann v. Sonnenberg. In der That, das ist eine originelle Idee, werth in dem Gehirn eines antisemitischen Agitators zur Sommerszeit ausgeheckt zu werden. X Berlin, 18. Mai. Der V e r ein z n r Nn te r st ü tz u n g jüdi s ch e r Lehrer in Preußen h elt am 15. Mai unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Jutrosinski seine Generalversammlung ab. Alts der von dem Rendanten des Vereins Herrn Leopold Lesser vorgelegten Bilanz ergiebt sich, daß das Vermögen des Vereins 46,474 M. betragt. Aus den Zinsen dieses Kapitals und den jährlichen Beiträgen der Mitglieder werden einmalige uub laufende Unterstützungen an jüdische Lehrer und Lehrerwittwen gewährt. In den letzten Jahren wurden nach dem von dem Schriftführer Herrn Dr. Holzman erstatteten Bericht durchschnittlich 4000 M. jährlich an Unterstützungen ausgegeben. Der Vorstand richtete an die attwesenden Mitglieder die Bitte, neue Mitglieder zu werben, damit den an den Verein herantretenden Ansprüchen fernerhin noch in ausgedehnterem Maße genügt werden könne. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder, Herren Julius Cunow, Leopold Lesser und Ferdinand Reichenheim wurden wiedergewählt. Bei der ungünstigen Lage, in der sich die emeritirten Lehrer kleinerer jüdischer Gemeinden vielfach befittden, wäre es sehr wünschenswerth, wenn dem Verein ans weiteren Kreisen reges Interesse entgegengebracht würde. Die Mitgliedschaft wird durch einen Jahresbeitrag von mindestens 3 Mark erworben. Die Leser unserer Zeitung wird es intereffiren, daß der Bereit: zur Unterstützung jüdischer Lehrer im Jahre 1853 begründet wurde mit dem Vermögensbestande des im Jahre 1847 atlsgelösten bekannten „Kulturvereins". □ Berlin, 21. Mai. Die Feierlichkeiten, welche zu Ehren des Rabbiner Dr. Hildesheimer anläßlich seines 70. Geburtstages von Schülern, Anhängern und Freundet: veranstaltet worden sind, haben einen glänzenden Verlauf genommen. Zur Gratulationscour am 17. Mai hatten sich Rabbiner und Delegirte von Gemeinden, Instituten, Vereinen von hier und auswärts in großer Anzahl eingefnnden. Unter den Glückwünschen trafen Adressen und Ehrengeschenke in stattlicher Menge ein. Am Abend des 17. und am Morgen des 18. früh fanden in der Synagoge der „Adaß Jisroe1-"Gen:einde Festgottesdienste statt, bei deren zweitem Rabbiner Dr. Feilchenfeld aus Posen die Predigt hielt. Unter mehreren Stiftungen zu Ehren des Jubilars heben wir diejenige einer „Hildesheimer-Ferien-Kolonie" seitens der ehemaligen Schüler der Religionsschule H.'s hervor. Am Sottnabend und Sonntag fanden zu Ehren des Jubilars und der auswärtigen Gäste Festmahle in Dräsels Sälen und der Theerbusch'schen Ressource statt. Die Religionsschule feierte ihren Dirigenten am Sonntag Vormittag durch einen Festakt, die Schüler des Rabbinerseminars am gestrigen Tage durch eine Land Partie nach dem Müggelsee. Schließlich verdient noch die Festschrift Erwähnung, welche eine größere Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen aus der Feder von bedeutenden jüdischen Gelehrten ausweist. Berlin, 19. Mat. Die Ni eprüsentantenversa m m l u n erledigte in ihrer gestigen Sitzung eine Anzahl kleinerer Vorlagen und nahm einige Berichte entgegen. Für nothwendige Reparaturen von der! Gemeinde gehörigen Baulichkeiten wurde die Summe von 24,000 Mart bewilligt. Von Interesse für das Publikum dürfte die Nachricht sein, daß das Terrain, welches für Friedhofszwecke bisher in Weißensee abgezüunt war, höchstens noch bis Ende dieses Jahres ausreicht, und daß deshalb von dem umfangreichen Landstrich, welchen die jüdische Gemeinde an jenem Platze besitzt, ein weiterer Theil abgezäuut werden muß. O Berlin, 20 Mai. Der Vorstand hat die Anordnung getroffen daß in diesem Jahre nicht nur am zweiten, sondern auch am ersten Tage des Wochenfestes ein zweimaliger Vormittagsgottesdienst um 7 und tut: 10 Nhr stattsindet. — Zwei größere Stiftungen für Waisenzwecke werden, nachdem die Genehmigung der Behörde erfolgt ist, nunmehr! innerhalb der jüdischer: Gemeinde ins Leben treten. Die eine ist die Clara Hagelberg-Stiftung, welche der Fabrikant W. Hagel borg mit einem Betrage vot: 30.000 M. begründet hat. Bedeutender noch an Mitteln ist die N a n n y t: n d I:: l i u s Böhm-Stift u tt g. deren Fond 150,000 M. beträgt. Die Verwaltung der letzteren Stiftung liegt in den Händen eittes Kuratoriums, dessen Vorsitzender der Geheim r at h Wilhelm Herz ist. Stellvertreter ist G e h e i m r a t h D r M a r c u s e. * Berlin, 20. Mai. Eir: seif made mau, int bester: Sinne des Wortes, war der Dekorationsmaler Nt. I. Bo den st ein, welcher atu Sonntag Nachmittag vom Trauerhause in der Tnubenstraße aus nach dem alten Friedhof der jüdischen Gemeinde an der Schölthauser Allee, unter überaus zahlreicher Theilnahme, seinem letzten Wille:: gemäß aber ohne jeglichen Prunk zur letztet: Ruhe geleitet wurde. In den: dem schmucklosen Sarge folgenden Zuge der Leidtragenden befattden sich Vertreter der jüdischen Armenkommission, der Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung in Krankheitsfällen, der Gesellschaft der Freunde, des Brüdervereins, des Vereins Magine Reim, des Talmud- Vereins, der Beth-Hamidrasch-Gesellschaft, des Danziger-Vereins, des Vereiits der Westpreußen, des Geselligen Vereins der Hattdwerker, der Maler-Innung, der Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Jude:: im preußischen Staate, sowie die Inhabergrößerer Kunstgewerbe-Institute, hervorragende Architekten, Künstler und Berufsgetwssen, nub eine ganze Reihe von Personen, denen der nun Verblichene helfend und rathend zur Seite geftanben hatte. Vor etwa