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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-23 · Heft 19 (23.5.1890) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 19 (23.5.1890)
Date
1890-05-23
Page
Seite 272 (sequence 16)
Language
German
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272 wurde natürlich auch der Talmud für die Kundigen traktirt. So erhielt jeder die Geistcsspeisc, die ihm behagte; sogar zur Mittagszeit ertönte die Stimme des Lehrenden, um eine Geisteszehrung denen zu spenden, die zu kurzer Rast von der Arbeit heimkehrten. Vollends an Sabbathen boten Vorträge, die entweder den Wochenabschnitt oder die Sprüche der Väter zur Grundlage hatten, Unterhaltung und Belehrung für weite Kreise, wahrend die Frauen sich daheim an Büchern ergötzten, die sittliche Lehren in unterhaltlicher Form vorbrachten. Aber die Arbeit selbst diente der religiösen Erbauung und Belehrung; auch unter den Juden vereinigten sich die Handwerker zu Innungen, denn das Handwerk war vordem in unserer Mitte nicht vernachlässigt, vielmehr wurde mancher Zierrath, der die vornehmsten Edelfraucn in den Palästen der Fürsten schmückte, von schlichten jüdischen Meistern zu Stande gebracht. Diese Handwerker nun vereinigten sich zu Innungen; aber auch diese gewerblichen Vereine trugen nur religiöses Gepräge neben dem geschäftlichen und gesellschaftlichen; jede dieser Innungen hat eine kleine Synagoge und einen Gelehrten, der sic religiös unterrichtete, und selbst der fröhlichen Jnnungszcche ging eine erbauliche Betrachtung voran. So war es kaum ein Wunder, wenn das jüdische Leben durchsättigt gewesen ist von der Weisheit unseres frommen und erbaulichen Schriftthums; lind während wir heute zwar theoretisch reden, das; das Judenthum den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien nicht kenne, aber in der Praxis der Gegensatz zwischen der geringen Schaar der Wissenden und der Menge der Unkundigen sich ziemlich geltend macht, hatte in der Vorzeit all die rabbinische Weisheit durch all die tausend Kanäle ihren Weg ins Volk genommen, und jenes System der Volkserziehung, das unter den Juden sich ausgebildet hatte, hat bisher nicht seines Gleichen. Man braucht darum nicht Alles zu billigen, was dazumal gelehrt wurde. Die jüdische Wissenschaft hat zweifellos glänzende Fortschritte gemacht, aber leider ist sie nur intensiv, nicht extensiv, nur in sich, nicht in Bezug auf die Zahl derer, die sie kcilnen und pflegen, gewachsen; in letzterer Beziehung ist sie bekanntlich zurückgegangen. Und wenn unsere Vorfahren das ganze Volk in das Studium der Religion hineingezogen haben, so haben sie nur den Gedanken und die Aufgabe erfüllt, die schon in den Kapiteln von der semitischen Offenbarung ausgesprochen sind. Der Kern dieses Berichtes, soweit er nicht die Gebote selbst enthält, ist der Satz: — Ihr sollt mir ein heilig Volk sein. Der Mosaismus bildet nicht nur in seinen; Lehrgehalte und in seiner Staatsverfnssung einen Gegensatz zur Weisheit Aegyptens, sondern auch darin, das; er die Verwaltung der Religion und ihrer Hciligthümer in die Hände des Volkes legt. Das paßte nicht in den Rahmen ägyptischer Staats- und Priesterdienste, ein ganzes Volk zum Empfang einer religiösen Lehre zu berufen. Das war die Vollendung, die Krönung des Bcfreiungswerkes, das; auch die Geister frei wurden von pricsterlicher Bevormundung. Aber die Ehre, ein Volk von Priestern zu sein, ist nicht zu trennen von der Pflicht Aller, die Religion nach Priestcrart zu erforschen. Das begriffen unsere Vorfahren mitten in ihrer Bedrüngniß; die religiöse Gemeinde sollte ihre Angelegenheiten selbst verwalten; das war uraltes jüdisches Recht; aber sollte das Judenthum dabei nicht zu Grunde gehen, so mußte religiöses Wissen alle Kreise durchdringen. Auch heute ist es ein Element des Lebens und der geistigen Regsamkeit unter uns, daß die jüdische Gemeinde unter den freiesten Formen mit dem gleichen Rechte Aller sich selbst regiert; wir beneiden nicht den Glanz, mit dein anderwärts die Religion in die Erscheinung tritt, sondern wir freuen uns unserer Freiheit; bei der Mannigaltigkeit der religiösen Ueberzengungen und bei der Freiheit, sie zur Geltung zu bringen, ist uns die Einheit, der Geist der Gemeinschaft nicht verloren gegangen; aber die Lehre des Moses darf nicht aufhören, das Erbe der ganzen Gemeinde zu sein. In diesem Jahrhundert hat sich eine neue Sonne, die Wissenschaft des Judenthums, erhoben; verborgene Weisheit ist ans Licht gefördert worden; mit hoher Genugthuung nennen wir die Namen der Trefflichen, die die Geschichte, die Sprache, die Gedanken Israels fortgebildet haben; aber diese Sonne muß nun auch ihr Licht in die Tiefen tragen, daß nicht wie bisher die jüdische Wissenschaft sich erweitere und der Kreis ihrer Bekenner und Verehrer sich verenge; es muß eben, wie damals am Sinai, das ganze Volk sich einen an dem Fuß des Berges, von dem die Kunde Gottes tönt. B. R—r. * Weizenkörner*). Von Ludwig August Frankl. Viertausend Jahre sind zurückgemessen, Aufthun sie den basaltenen Sarkophag, Drin bei der Mumie, zerstreut, vergessen, Auch eine Handvoll Weizenkörner lag. Sie senkten in den Grund sie, zum Versuche, Weil sie vertrocknet schienen, mumienhaft, Ob in dem tausendjähr'gen Leichentuche Verwelkt nicht sei des Keimens frische Kraft? Und als des Niles Fluthen abgeflossen, Da blickten frische Halme jung empor, Den Körnern ist ein grüner Lenz entsprossen, Den Pflanzensürgen heller Blüthenflor. Der Patriarchenkinder mußt' ich denken, Als staunend ich die Wundermär vernahm, Jahrtausende zurück mich still versenken In ihre Sklavennoth und ihren Gram. Kein Unheil kam, das sie nicht schwer getroffen, Seit sie am Pyramidenbau gefrohnt, Und wo sie schritten, war ein Abgrund offen, Kein Volk der Erde hat sie je geschont. Verhöhnt, von jeder Heimath ausgestoßen, Ein ruhelos verfolgt Märtyrer-Heer, So viel des Blutes ward von ihm vergoffen; Gesammelt, wär's ein neues rothes Meer. Doch wie das Korn, wenn in den Grund getreten, Das bei der Mumie so lang gewohnt, In Halmen aufschos; aus den Ackerbeeten, Vollauf, in tausendfacher Ernte lohnt, So wieder grünt der Stamm von Moses Kindern, Scheint er von; Sturm zerzaust auch, wurzelstark Kann es des Blühcns Kraft ihn; nicht verhindern, Und immer neues Leben treibt sein Mark! *) Ein Angebinde des verehrten greisen Dichters für unsere Leser znnl Schabnotfeste. Die Red. «*®r® Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin,

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