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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-23 · Heft 19 (23.5.1890) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 19 (23.5.1890)
Date
1890-05-23
Page
Seite 271 (sequence 15)
Language
German
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271 „Und hast Du gar nicht an mich gedacht?" Da fing die Kleine an zu weinen. „Goldchen, weißt Du denn nicht, daß Du doch etwas für mich hast, etwas, was die anderen gar nicht haben?" Line beugte sich zu ihr nieder und hielt ihr den Mund hin. „Nun, verstehst Du mich nicht?" Da umhalste das Kind die alte Magd, küßte sic herzlich und lachte unter Thränen. „Sehen Sie, daß wir zusammen gehören?" sagte Line, sich zu mir wendend, „und Hab' ich nicht recht, wenn ich sage, so gut bekomm' ich's nimmer wieder?" * * * Der Winter war gekomnien, wie ein echter Tyrann, streng und kalt, und die Armen am meisten bedrückend. Doch in dem kleinen Stübchen der Line war es immer freundlich und warm geblieben. „Ich bin ihm gar nicht gram, dem Winter," hatte sie einmal gesagt, „er ist wie ein großes Unglück, er bringt die Menschen näher zusammen. Solch traute Abendstunden, wie er uns giebt — ich wollte, der Frühling wäre noch weit!" Aber der Frühling kam doch, und ich sollte bald verstehen, warum das arme Mädchen ihn fürchtete. Eines Tages zur Mittagstunde, da ich allein ini Comptoir war, kam sic zu mir. Ihr Anblick machte mich bestürzt; ihr Auge, das sich sonst einen Hellen, freudigen Glanz bewahrt hatte, blickte trüb' und yoffnungsarm. „Was ist geschehen, Line?" rief ich ihr entgegen. „Nichts, was ich nicht erwartet hätte," erwiederte sie ruhig. „Ich bin selber gekommen, ich wollte Ihnen nochmals danken für all' das Gute, was sie dem Rüben erzeigt, und wollte Ihnen zugleich sagen, daß Sie sich nach einem anderen Laufburschen umsehen müssen." „Und warum das, Line?" Sie wissen, wie gern ich den Knaben habe." „Die Kinder müssen zu ihrem Vater reisen. Ich habe heute Brief »ud Geld von ihm erhalten. Er hat sich vor einiger Zeit wieder vcrheirathet, und da er den Kindern wieder ein Heim und eine Mutter geben kann, sollen sic zu ihm kommen." „Und Sie, Line?" „Die Kinder können nicht gut allein fahren, ich werde sie ihm lünüberbringen und dann —" sie stockte. „Und dann?" wiederholte ich. „Dann reise ich natürlich wieder hierher zurück. Sie waren immer gut gegen mich, Sie werden mir eine Bitte erfüllen. Verschaffen Sic mir in der Zwischenzeit einen Dienst bei einem Ihrer Bekannten, am liebsten bei Leuten" — ihr Auge wurde feucht —, „wo Kinder im Hause sind." U Die Volkstümlichkeit des Judentums. Es gab vielleicht kein Volk, in dessen Mitte nicht nur die Religion, sondern auch das Studium der Religion so sehr t ie Angelegenheit Aller gewesen, als die Juden des Abendlandes in den langen Jahrhunderten, da Staat und Kirche wetteiferten, die Juden zu demüthigen. Ja, wessen Erinnerung auch nur mehrere Jahrzehnte zurückreicht und wer in einer großen jüdischen Gemeinde seine Jugend verbracht hat, der weiß es, welche mannigfachen Veranstaltungen da getroffen waren, um den Strom der religiösen Studien in alle Volkskreise zu leiten. Dieser religiöse Eifer hatte, da er die Ausbildung des Geistes als eine religiöse Pflicht betrachtete, auch seine weltlichen Vortheile. Um nur ein Aeußcrliches zu erwähnen: kein religiöser Jude versäumte es, seinem Kinde Unterricht im Schreiben und Lesen zu verschaffen; das galt als Forderung der Religio», nicht als Sache weltlichen Vortheils; aber bedarf es erst langer Beweisführung, um cs klar zu machen, welchen Vorsprung dadurch unsere Glaubensgenossen im Mittelalter gewonnen, in einem Zeitalter, wo das Schreiben eine seltene Kunst war, wo die große Masse in dumpfer Unwissenheit lebte und unfähig war, irgend eine Mittheilung dnrch die Schrift festzuhalten und zu verbreiten. Gott thut seine Wunder durch recht unscheinbare und einfache Mittel, und wenn die Juden damals im Geschäfte und Verkehr Allen überlegen, Allen unentbehrlich wurden, wenn sie im Gclde die Kraft gewannen, ihre Feinde in Freunde zu wandeln, so hing dies nicht zum wenigsten davon ab, daß sie fast Alle schreiben konnten. Aber welche Hebel haben die Juden in Bewegung gesetzt, um die Massen geistig zu heben, um ihnen die Kluft zu Überdrücken, welche anderwärts noch heute die kleine Schaar der Kundigen von der großen umnistenden Menge trennt! Die Gegenwart ist stolz auf ihr Streben, das Volk zu bilden; aber vergessen wir nur nicht, daß dies Streben noch einen weiten Weg zum Ziele hat. In den großen Städten giebt cs gewaltige Büchcrsammlungen zum allgemeinen Gebrauch, giebt es Leseräume, die unentgeltlich geöffnet sind; aber erstens sind es nur die großen Centren des Voltsverkehrs, die so ausgestattct sind, und sodann ist die Benutzung dieser Einrichtungen auf wenige Stunden beschränkt und von so viel Bestimmungen eingeengt, daß ihr Nutzen für den Armen und Wissensdurstigcn fast aufgehoben wird. Aber unter den Juden hatten vordem die größern Gemeinden in Deutschland, haben noch jetzt die vielgeschmähten polnischen nnd russischen Gemeinden eine jegliche ein Lehrhaus, das mit Ausnahme der Sabbathnächte die ganze Woche hindurch Tag und Nacht geöffnet war. Da fand derjenige, der jüdische Wissenschaft pflegte, jederzeit die Bücher, deren er bedurfte; die Räume waren »ach Bedarf erwärmt und erleuchtet, und das Bewußtsein, daß das Haus dem religiösen Leben diente, genügte, um die Bücher und alles sonstige Zubehör zu schützen. Wo hat anderwärts die Sorge für Volkswohl und Volksbildung eine ähnliche Einrichtung geschaffen, die so freundlich jedem Bedürfnis; entgegenkam, die nicht nur den lichten Tag hindurch sich darbot, sondern auch dem zu Statten kam, der nur die frühen Morgen- oder die späten Abendstunden oder die stillen Stunden der Nacht dein Studium widmen konnte? lieber unser ganzes deutsches Vaterland breitet sich ein Netz von Volksbildungsvcreinen, und Vorträge über die mannigfachsten Gegenstände werden dem Volke geboten. Jedermann weiß, wie oft die Eitelkeit dabei ihr Spiel treibt, das; der Gesichtskreis des Volkes durch j derartige Veranstaltungen nicht immer Erlveitcrung erführt. Lange i nicht so prunkvoll aber ungleich erfolgreicher verbreitete das alte Israel - religiöse Bildung durch alle Schichten der Bevölkerung, i Am frühen Morgen und zur Dämmerstunde kamen die Männer, , die den ganzen Tag der Arbeit lebten, in die Hallen des Lehrhauses; : da gab es die verschiedensten Vorträge je nach den verschiedenen Bili dnngsgraden der Zuhörer; einer erklärte schlicht den Schriftabschnitt; der Woche mit den amnuthigeu und lehrreichen Mittheilungen Raschis; und schaarte die einfachen Männer um sich, deren Köpfe von Wissen ■ nicht allzu belastet waren; ein Anderer trug für weisere Zuhörer die Psalmen oder die „Sprüche der Väter" oder die Bücher der Propheten vor; wieder einer las die Mischnah, jenes Grundbuch der einstmals mündlichen Ueberlieferung; ein Weiterer besprach mit seinen Zuhörern die gewählten Stücke aus den Lehrbüchern der Moral, welche weise Denker des Mittelalters zur Empfehlung und tieferen Begründung der Sittenlehre verfaßt haben; ein Fünfter unterrichtete aus dicken Folianten über den Ritus des täglichen Gottesdienstes und der Feste; endlich

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