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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-23 · Heft 19 (23.5.1890) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 19 (23.5.1890)
Date
1890-05-23
Page
Seite 270 (sequence 14)
Language
German
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270 Da wurde das Kind wach. „Line, Line," rief es. Ich wollte zu ihm hineilen, aber die Mutter raffte sich auf und hielt mich fest: „Rühre mir das Kind nicht an, fort!" „Nicht fort, Line nicht fort, komm nach Goldchen!" fchric das Kind mit fiebernder Stimme. Ich blieb an der Thür stehen. Auf Deine Knie! rief cs in mir, bitte die beleidigte Mutter um Verzeihung, fordrc es als eine Gnade, nur noch ein haar Tage bleiben zu dürfen, bis das Kind wieder genesen ist, ihr Kind, dein Goldchen. Auf die Knie! Aber Trotz und Stolz waren starker, ich ging zur Thür hinaus und hörte noch von drinnen mir nachweinen: „Line, nicht fort!" Es war eine milde, warme Frühlingsnacht. Tausend Blüthen glänzten über Hecken und Mauern, und der Wind rüttelte sie auf aus ihren Träumen und legte mir die weißen Blättchen vor die Füße. Wie viele Male bin ich in der Nacht die Straße auf- und abgewandert, wie oft vor dem Hause stehen geblieben, das mich von sich gestoßen. Ein Zorn, eine Verachtung gegen ihn, gegen mich selber überkam mich. Hütten sie mich zurückgerufen und mich gefragt: Willst Du fein Weib werden? ich hätte sicherlich geantwortet: Eines Juden Weib? Nimmermehr! Aber keine Thür, kein Fenster öffnete sich, Niemand rief oder winkte mir; nur wenn ich unter dem einen Hellen Fenster lauschte, war's mir, als ächze ein mattes Stimmchen: Line nicht fort! Am folgenden Tage schickten sie mir Kleider und Geld, viel Geld, Reisegeld, wie sie mir sagen ließen. Ich reiste aber nicht fort, ich konnte noch nicht. Jeden Morgen und jeden Abend in der Dämmerung schlich ich aus Haus und ruhte nicht eher, bis ich erfahren, wie's dem Kinde gehe. Schlimm, schlimm! uttb am dritten Tage sagten sie: Es ist tobt, — tobt! Da Packte es mich in wilder Verzweiflung. Du hast es gemordet, Tu, Tu solltest es bewachen und hast mit seinem Bruder geliebelt. Es wäre nicht gestorben, wenn Du Deine Pflicht gethan! Schon am nächsten Tage wurde cs begraben, und während sie es einten hinaustrugcn, schlich ich mich ins Haus, oben hin auf die Kammer, wo sein leeres Bettchen noch neben dem meinen stand. Was ich in jener Stunde erlebt und erlitten, das weiß nur Gott und ich allein." Ein leises Beben durchzitterte die Stimme der Erzählerin, sie hielt eine Weile inne, als kämpfe sie, Schluchzen und Thränen zu unterdrücken. Tann fuhr sie fort: „Mein Goldchen war todt, und nun komitc ich ans Reisen denken. Wohin? Je weiter, je besser, nach Amerika. So machte ich inich denn auf und gelangte bis hierher nach Hamburg. Da ward mir bange vor dem großen Wasser und dem fremden Land. Ich fand einen Dienst und blieb hier. So Hab ichs fast fünfzehn Jahre lang hier ausgehalten. Ta traf ich im Frühjahr, als ich am Hafen vorbciging, Bekannte aus der Heimath, die auswandern wollten. Sic baten mich, ihnen noch einige Sachen für die Reise zu besorgen, und ich versprach's ihnen gern. Als ich mit meinen Einkäufen auf das Schiff ging, fiel mein erster Blick auf einen dunkelbürtigcn Mann, der gedankenvoll an der Schiffsbrücke stand. Ich mußte ihn kennen, ich kannte ihn, es war Simon. Ich wollte mich an ihm vorbeischleichen, aber das gerade weckte ihn aus seinen Träumen auf. Er starrte mich an, und auch er erkannte mich wieder. Wir ergingen uns nicht in alten Erinnerungen. Er erzählte mir kurz, daß er nun in Amerika aufs Neue sein Glück versuchen wolle und so lange Frau und Kinder hier lasse. Er fragte mich, ob ich ihnen noch eine Bestellung von ihm bringen wolle, und ich bejahte es freudig. Ein wilder Haß, ein heißes Rachegefühl tobte plötzlich in mir auf, und scltsain genug, nicht gegen diesen Mann, nein, gegen seine Frau, an deren Unglück ich mich weiden wollte. Er schrieb noch einige Worte auf und nannte mir die Wohnung. Ich zögerte nicht lange, sie aufzusuchen. Ich schwelgte förmlich in dem freudigen Bewußtsein, das Unglück dieser Frau noch vergrößern zu können. Als ich aber die armselige Wohnung betrat und mein Blick sofort auf das jüngste Kind, das Goldchen, siel, so ganz dem todten ähnlich, da legte sich's wie Sonnenstrahl auf mein Herz. Ich bückte mich zu dem Kinde nieder, ich küßte und umhalste es, ich weinte und war glücklich wie vor langen Jahren. Dann sah ich die Mutter, eine bleiche, gramverzerrtc Frau. Sie hatte sich bisher aufrecht gehalten und wie eine Gesunde dem Haushalte vorgestanden, nun aber, seit dem Abschied ihres Mannes, war sie ganz gebrochen. Sie war krank, viel kränker, als sie selber und auch ihr Manu wohl ahnte. Was hatte ich nicht Alles erzählen wollen von der Pracht und dem Glanz des alten Barach'schen Hauses, von den stolzen Töchtern, dem schmucken Sohne, vielleicht auch von einer schönen Kindermagd, — und wie war Alles so ganz anders, was ich erzählte! Da öffnete mir auch die Frau ihr Herz. Sie war bis in die letzten Jahre, da die Armuth über sie hercingebrochen, so glücklich gewesen. Wie konnte es auch anders sein? Die Ehen der Juden sind ja immer glücklich, ob nun Liebe oder Verstand sie geschlossen. Sie suchen ihr Glück nur im Hause, und darum finden sie es auch da. Ihre Freitagabende, ihre Feiertage, die alle wie unsere Weihnachten Abends beginnen, sind echte Familienfeste. Und erst die Kinder, die gleichen Alles und Jegliches aus, sie sind ihnen ein wahrer Gottessegen; cs kann schon nicht anders sein, sie müssen glücklich werden. Den ersten Brief von ihrem Manne erlebte die Arme noch. Sie freute sich, bald wieder mit ihm zusamnicn zu kommen, und dann starb sie. Ich war einige Wochen vor ihrem Tode zu ihr ins Haus gezogen, und so machte es sich ganz von selber, daß ich bei den Kindern blieb. Ein halbes Jahr bin ich jetzt bei ihnen, und wir kommen gut mit einander aus, die Kinder und ich. Sie sehen nun, lieber Herr, warum ich die Golde besonders lieb habe, aber das trauen Sic mir nicht zu, wenn ich wüßte, daß eine Trennung von mir zu ihrem Glücke wäre, ich würde nicht dagegen sein." „Nein, gewiß nicht, Line; aber warum wollen Sic sich Ihre schwere Last nicht erleichtern lassen?" „Last? Ich habe es mir nie träumen lassen, daß ich's je so gut haben sollte >md bekomme es auch wohl nimmer so wieder." Kinderstimmen erklangen auf dem Hofe, und lärmend und jubelnd kam's die Treppe heraufgesprungen. „Da sind sie," sagte Line, „sie waren bei dem Töchterchen eines Nachbars zum Geburtstag geladen. Sagen Sie mir noch schnell, wie sind Sie mit dein Rüben zufrieden?" „Gut; er ist, wie Sie sagten, ein braver, zuverlässiger Junge. Ich muß bald sein Gehalt erhöhen." Sie hörte die letzten Worte kaum, die Thür wurde aufgerissen, und herein stürmten sic alle drei, der Meier, die Hanne und das Goldchen. „Still! still," rief Line ihnen zu, „seht Ihr den fremdenHerrn nicht?" Sie gaben mir flüchtig die Hand, aber dann wandten sie sich wieder schnell ab. „Line, Line, war das schön! Kuchen haben wir bekommen Aepfel und Nüsse, und Trendel haben wir. gespielt, und Dir mitgebracht haben wir auch etwas." Und Meier reichte ihr einen Apfel und Hanna ein Stück Kuchen. „Und Tu Goldchen?" „Ich, ich habe Alles aufgegessen."

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