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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-23 · Heft 19 (23.5.1890) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 19 (23.5.1890)
Date
1890-05-23
Page
Seite 269 (sequence 13)
Language
German
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269 machte ihn zum Admiral seiner Flotte.*) Ob er seinen Herrn, den Statthalter von Goa, über dessen Behandlung er sich nicht zu beklagen hatte, aus Liebe zur Freiheit verließ, oder ob er der von dem portugiesischen Admiral gebrauchten Gewalt wich, er trat in portugiesische Dienste, kehrte mit Vasco de Gama, der, wie die Chronisten behaupten, ihn taufen ließ und ihm den Namen Gaspar de Gama beilegte, nach Europa zurück und leistete der portugiesischen Flotte so bedeutende Dienste, daß D. Manuel ihn zum Ritter ernannte. Die auf seinen Reisen gemachten wissenschaftlichen Beobachtungen hat er später niedergeschrieben. Seine Gattin, welche in Cochin lebte und als im jüdischen Gesetze sehr unterrichtet geschildert wird, war zur Annahme des Christenthums nicht zu bewegen. Als der erste Vizekönig von Indien, D. Francisco d'Almaida, sich im Jahre 1506 auf seinen Posten begab, schickte Doktor Martin Pinheiro seinen Sohn mit einer ganzen Kiste voll hebräischer, geschriebener Bücher, wie wir vermuthen, Thorarollen, welche aus den zerstörten Synagogen Portugals gesammelt waren, mit nach Jndienmn sie dort an die Juden zu verkaufen. Gaspars Frau besorgte den Handel; um einen hohen Preis verkaufte sie die Bücher den dortigen Synagogen. Was Vasco de Gama in Indien begonnen, das führte Alfonso de Albuquerque vollends aus; auch er wußte von der Dienstfertigkeit und Tüchtigkeit der Juden zu erzählen. U Feuilleton. Nur eine Magd. Von I. L ö w e n b e r g. (Schluß.) Da wußte ich nun, was ich zu thun hatte. Das Kind zu pflegen und zu hüten war meine Sorge und bald auch meine Lust. Wenn man Tags und Nachts für solch' ein kleines Wesen zu sorgen hat, ihm all' die tausend Dienste erzeigen muß, die sonst die Mutter verrichtet, da wächst es einem ans Herz, man weiß nicht wie. Ich nannte sie nicht anders als mein Goldchen, und im Hause sagte man oft genug: Ohne die Line hätten wir sie nicht groß bekommen. Wegen des Kindes waren mir Alle wohlgesinnt, man rechnete noch fast mit zur Familie, und ich fühlte mich zufrieden und glücklich. Drei Jahre war sie alt, da wurde inein Goldchen zum ersten Male krank. Ich wich nicht von seiner Seite, denn ich wußte wohl, io wie ich konnte keiner dem kranken Kinde das Kissen zurecht legen, Keiner ihm die Medizin eingebcn, auch die eigene Mutter nicht. -Line, Sie thun zu viel, Sie müssen sich schonen," sagte sie oft zu mir; aber war das denn Schonung, wenn ich bei meinem Kinde fort mar und tausendfache Angst mich liberkam, man behandle es nicht recht, und es blicke umsonst nach mir aus. Es sah ja nur immer mich an mit seinen großen dunklen Augen, wenn ich vor seinem Vettchen saß. Ich hatte kein Auge für Alles, was sonst im Hause vorging. Simon, der fast zwei Jahre in der Fremde gewesen, kam um diese Zeit wieder heim. Er sollte nun in des Vaters Geschäft eintreten und sich mit einer reichen Verwandten verheirathen. In *) Nach Barros, Asia Dec. 1, Lib. VI. Kap. 11 war Gaspar aus Polen Vertrieben; Lelewel macht ihn gar zu einem Inden aus dem Großherzogthum Posen; nach der von Lima Fellner veröffentlichten Coli. Oe Monumentos Ineditos para a Historia das Conquistas dos Porbiguezes (Lisboa 1858) I. 125 stammte er aus Granada. Vgl. auch meine Geschichte der Juden in Portugal 161 ff. anderen Tagen hätte ich mich gefreut, daß er wieder in Haus gekommen, jetzt achtete ich seiner kaum. Nur siel es mir auf, daß er mich ganz anders, viel fremder behandelte als früher, mich auch mit Sie anredete. Warum auch nicht? Ich war doch nur die Magd, und er der junge Herr, warum sollte er nicht stolz gegen mich sein?! Doch was kümmert mich das, wenn nur mein Goldchen wieder ge- I sund wird! j Dann kam eine Nacht, ich werde sie nie vergessen, j „In den nächsten Stunden muß es sich entscheiden, Line, seien j Sie wachsam!" hatte der Arzt gesagt.! In später Abendstunde kam Simon ins Krankenzimmer. „Line, ich werde bei Ihnen bleiben, das Kind bedarf diese Nacht! doppelter Pflege." ■ Er setzte sich zu mir ans Bett. Nach einer Weile sagte er:! „Ich habe Ihnen noch nicht einmal gedankt für Alles, was Sie an j dem Schwesterchen gethan," und dabei nahm er meine Hand und j drückte sie innig.! Ich entzog sie ihm und sagte: Ich thu' es ja für mein Goldchen. I Dann wurde es still im Zimmer, so still, wie es nur im Kranken-! zinuner sein kann: nichts als das unruhige laute Athmen des Kindes : und das gleichmäßige leise Ticken der Uhr. Ich wandte mein Auge nicht von dem Kinde. Ein Gefühl der Beklemmung, der Angst überkam mich, als ob ich auf einem gefährlichen Wege wandte und Jemand mir zuraune: Schau Dich nicht! um! War es von diesem fortwährenden Hinstarren, von dem vielen j Nachtwachen oder auch von dem Gedanken, es wacht noch Jemand außer dir, — der Schlaf mußte mich überfallen haben. Wie im Traume fühlte ich plötzlich, daß cs sich glühend heiß auf meine Stirn drückte, und ich erwachte mit einem schauernden Gefühl des Schreckens. Da faßte es linde meine Hand und flüsterte: „Ich war's, ich, Line," und ich starrte in die Augen Simons, die mir in tiefer Gluth! entgegenleuchtetcn. Mich aber ergrisf's mit unsäglichem Bangen, süß! und weh zugleich. Ich wußte, daß er mich liebte, ich wußte auch, daß ich ihn liebte, und daß es ein Unglück für mich und ihn. Ich wollte ihm meine Hand entziehen, ich wollte ihn an seine Eltern erinnern, ich wollte auf das todtkranke Kind Hinweisen, das wir hüten sollten, und ich blieb regungslos. „Line, Du weißt, daß ich mich demnächst verheirathen soll," sagte er nach kurzem Stillschweigen. Ich erwiederte nichts, mich durchschauerte cs nur, daß er wieder Du sagte. j „Du weißt es," fuhr er fort, „und Du weißt auch, sieh! mir ins Auge, Line!" und die eine Hand hielt die meine umschlungen, mit der anderen hob er meinen Kopf in die Höhe. Tic hellen Thcänen stürzten mir aus den Augen. Da umschlang er mich mit beiden Armen und wir hielten uns umfangen und küßten uns, als ob wir zu einander gehörten. Ein jäher Schrei schreckte uns empor. „Allmächtiger Gott!" klang cs mit bebender Stimme, und in der halboffenen Thür stand im Nachtgewande die bleiche, kränkliche Mutter. Simon ließ mich los, aber noch ehe er sic erreicht hatte, stürzte sie ohnmächtig nieder. Dann kam der Vater hinzu, sic schlug die Augen wieder auf und ein Blick sagte ihm, was vorgefallen. „Das ist der Dank! Das ist der Dank, o, dieses Bettlervolk!" preßte er zwischen den Zähnen hervor. „Mein Sohn und eine Magd! Fort aus meinem Hause, fort sogleich, Du Nichtswürdige!" Simon wollte sprechen. „Schweig, Elender!" rief ihm der Vater zu, „noch ein Wort und ich jage dich mit ihr fort, mit der Magd!"

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