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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-23 · Heft 19 (23.5.1890) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 19 (23.5.1890)
Date
1890-05-23
Page
Seite 267 (sequence 9)
Language
German
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267 ist eine überaus traurige und fordert energisch zu werkthätiger Theilnahiue heraus. Nach einer statistischen Mittheilung sind in den letzten zehn Jahren 200,000 Juden aus Rußland nach Amerika ausgewandert. Baron Hirsch hat eine Stiftung für diese Auswanderer begründet, deren Zinsen monatlich 10,000 Dollars betragen. Hier scheint die Hilfe zu liegen, die einzige wirkliche Hilfe, die unter den gegenwärtigen überaus traurigen Verhältnissen den russischen Juden van ihren Glaubensgenossen in Europa und Amerika gebracht werden kann. ck Unser heutiges Indenthum. Von I. Wiener. Berlin. 5. Mai. Sehr lieber Freund, Du übersendest mir ein Manuskript, das Du unter dem Titel „Unser heutiges Judenthui»"*) veröffentlichen möchtest, und fragst mich an, ob mir dasselbe hierzu geeignet erscheint. Wenn ich meine Ansicht mm dahin ausspreche, das; Du das Manuskript publiziren solltest, so stimme ich damit Deinen Ausführungen nicht etwa bei. Im Gegeutheil, ich wünsche die Publikation nur, weil sie eine Gelegenheit dazu bietet, Vorstellungen entgegenzutreten, die außer Dir vielleicht noch mancher Andere hegen mag. Ich beginne — erblicke darin nur nicht eine der jüdischen Eigeuthümlichkeiteu, die den Antisemitismus zu Tage gefördert hatten — meine Bemerkungen über Deine Broschüre „von hinten", nämlich mit ihrem zweiten, dem sozialreformatorischen Theile. Es wird nicht geleugnet werden dürfen, daß Du in dieser Hinsicht manches beherzigenswerthe Wort aussprichst, wenn ich auch glaube, daß Du Dir die Organisirmrg eines solchen „Vereins für Sozialresorm des Judenthums" zu leicht vorstellst und seine Wirksamkeit überschätzest. Aber gerade, wer meinen Wunsch theilt, daß die Ausführungen in diesem Theile Deiner Arbeit beachtet werden möchten, muß es bedauern, daß Du Dir mit dem ersten Theil derselben einen solchen Eindruck von vornherein verscherzt hast. Wenn ich den grundsätzlichen Fehler Deiner eine Reform des jüdischen Kultus befürwortenden Ausführungen mit einem Worte bezeichnen soll, so möchte ich sagen, daß Du hierfür ein gar zu niechanisches Vorgehen empfiehlst. Das Christenthum feiert den Sonntag; das genügt Dir au sich für den Vorschlag, daß der Sabbath auf den Sonntag verlegt werde, gleichviel ob damit das religiöse Empfinden der Mehrzahl unserer Glaubensgenossen auf's Tiefste verletzt würde, gleichviel, welche historisch-ethische Bedeutung es für sich hat, daß das Judenthum sich nicht lediglich deshalb von einer Institution lossagt, weil das Christenthum sich für eine von der jüdischen abweichende Einrichtung entschieden hat. Der sonstigen jüdischen Feiertage sind Dir zu viel; das genügt Dir für die Forderung, daß einzelne überhaupt nicht gefeiert werden, gleichviel ob sie zu den biblischen Geboten gehören, die denn doch noch einem sehr großen Theil unserer Glaubensgenossen als bindend gelten. Daß Du Dich gegen die „zweiten Feiertage" erklärst, läßt sich ja schon eher hören. Jndeß ist es in dieser Hinsicht doch bezeichnend, daß die Ankämpfung gegen dieselben, selbst soweit sie nicht einen so mechanischen Charakter an sich trug, wie die Deinige, keinen vollen Erfolg gehabt hat. Bekanntlich ist die Aufrechterhaltung der zweiten Feiertage in Rabbinerversammlungen und Synoden wiederholt mit den ernstesten Argumenten bekämpft worden, und es wird für Dich * Dieses Manuskript ist inzwischen als Broschüre bet Walther und Apolant in Berlin erschienen. Als Verfasser dieser „Selbstkritik'' nennt sich Dr. S. Leon. Die Red, von Interesse sein zu hören, daß mein greiser Vater sich in eingehenden Gutachten gegen diese Feiertage erklärt hat. Was Du zur Reform des Judenthums anführst, scheint mir aber eben auf einer gar zu äußerlichen Auffassung des religiösen Lebens zu beruhen. Dieselbe tritt auch darin zu Tage, daß Dir die Zugehörigkeit zum Judeuthum lediglich als ein Zufall der Geburt erscheint, und es liegt Dir die Vorstellung ganz fern, daß die überwiegende Mehrzahl unserer Glaubensgenoffen, nachdem sie einmal im Judenthuur geboren worden sind, von Israels Lehre erfüllt oder von dem Glauben au seine Kulturmission in Vergangenheit und Zukunft innig durchdrungen sind. Bedeutet unsere Zugehörigkeit zum Judenthum nicht mehr als den Zufall der Geburt — könnte es uns dann überhaupt noch lohnen, das Judenthum, ob mit dem traditionellen Sabbath oder dem modernen Sonntag, zu erhalten? Deine äußerliche Auffassung religiösen Lebens verleugnet sich ebenso wenig in der Beurtheiluug der einzelnen religiösen Institutionen. Ich selber stehe auf einem zu emanzipirteu religiösen Standpunkte, als daß ich mir eine rechte Vorstellung davon machen könnte, weshalb ein religiös denkender Mensch den einzelnen Ceremonieeu einen gar so großen Werth beilegt. Du selbst bist ja aber der Meinung, daß das ceremonielle Leben denjenigen, für die dasselbe werthvoll ist, nicht entzogen werden soll. Und da glaube ich nun, daß derjenige, dem heute der Sabbath eine religiöse Befriedigung gewährt, derselben durchaus nicht auch dann theil hastig werden würde, wenn er den Sabbath am Sonntag feiern sollte! Allenfalls würde aus der innerlichen Feier eine rein äußerliche werden. Schafft das Leben allmälig solche Wandlungen, wie den Verzicht auf die Jnnehaltung der einen oder anderen Ceremouie, so ist das doch immer noch etwas Anderes, als wenn dieser Verzicht auf mechanischem Wege herbeigeführt, dekretirt und oktroyirt werden soll. Betreffs der übrigen Feiertage wird von Dir die Thatsache, daß es sich hierbei für den gläubigen Juden um biblische Gebote handelt — von denen er sich allenfalls nur lossagt, soweit dieselben als nicht für alle Zeit gütig angesehen werden —, als etwas so Nebensächliches angesehen, daß Du eine Aendermug für ebenso leicht möglich hältst, wie friiher in Bezug aus Bart und Kleidung der Juden. Mit demselben Argumente, nämlich dem Hinweis auf die Bibel, erledigt sich aber auch die von Dir gestellte Frage, warum die Juden nicht ebenso gut moderne Geschichts- und Gedenktage, wie solche aus ihrer antiken Zeit, feiern. Vorschläge, wie Du sie in Bezug auf das religiöse Leben der Juden machst, würden auch in jeder anderen Konfession entschieden zurückgewiesen werden. Dder würde der Katholik eine seiner Institutionen fahren lassen, weil sie in dem protestantischen Lande, in dem er lebt, in einem gewissen Gegensatz zu dem religiösen Leben der Majorität stehen? Und glaubst Tu denn wirklich, daß der Antisemitismus mit der Annahme Deiner Vorschläge aus der Welt geschafft werden würde? Ich bin im Gegeutheil davon überzeugt, daß die Antisemiten gerade deshalb so fanatisch gegen die Juden wütheu, weil die Scheidewand zwischen Juden und Christen irr mancherlei Beziehungen schwindet. Das soll uns nicht abhalten, uns auch fernerhin von unberechtigten und schädlichen Eigeuthümlichkeiten zu emanzipireu. Aber weil ich über den Antisemitismus so urtheile, erscheint es mir denn doch, im Widerspruch mit Deinem Standpunkt, als eine der dringendsten Aufgaben unserer Tage, vor der öffentlichen Meinung immer von Neuem mit aller Schärfe diese Tendenz des Antisemitismus bloßzustellen, der mit seinem Haß gegen das Judeuthum zugleich den feindseligsten Gegensatz zu aller Kultur und Humanität bedeutet. Dein I. Wiener. U

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