Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 19 (23.5.1890)
- Date
- 1890-05-23
- Page
- Seite 266 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227845--47069-3268569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
266 Verlegten ihren Wohnsitz nach denjenigen Orten, welche außerhalb des Bereiches der ehemaligen Konkurrenz lagen und die meisten Aussichten zu lohnendem Erwerb boten. Die meisten jedoch, überhaupt ein Jeder, der nur irgend einen solchen Umzug bewertstelligcn konnte, wandten sich den größeren oder kleineren Städten zu. Ten Antrieb empfingen aber diese jüdischen, sich nach den Städten hinwendenden Zuzügler nicht durch etwaige Handclsvortheilc oder sonstige Vcrdicnstquellen, welche dort winkten — das darf mit der größten Bestimmtheit behauptet werden — sondern fast ausschließlich durch das eifrigste, geradezu leidenschaftliche, kein Opfer scheuende Bestreben, den Kindern eine bessere Erziehung und eine gründlichere wissenschaftliche Bildung geben zu lassen. Dieses Bestreben theilen die hessischen Juden mit allen ihren jüdischen Brüdern, und es ist dies ein Vorzug, den sie sich nicht nehmen und verkümmern lassen sollen, selbst wenn er vom Antisemitismus zum Verbrechen gestempelt werden mag. Die deutsche Regierung möchte ich sehen, welche es wagen könnte, auch nur init einem Worte dem Bilduugsstreben der Inden entgegen zu treten. Das kann man in Rußland; allein in Deutschland soll man das nicht ungestraft thun dürfen. Durch alle diese grundstürzenden Veränderungen, welche durch die Einverleibung Hessens in Preußen herbeigcführt wurden, veranlaßt, traten viele Uebelstündc, wirkliche und vermeintliche, zu Tage. Aber wahrlich mehr vermeintliche als wirkliche. Der nächste und empfindlichste war offenbar der rasche und sehr inerkliche Rückgang des Bauernstände s. Immer häufiger wurden die Zwangsverknufe und freihändigen Veräußerungen von Bancrngiitcrn. (Schluß folgt.) U Wochenschau. Von Gustav K arpeles. Berlin, 20. Mai. Diese Woche gehört den Jubiläen. Auf den siebzigsten Geburtstag des Herrn Rabbiners Tr. Hildesheimer folgt in den nächsten Tagen der des Herrn Geheimraths Tr. Kristeller, Nur griesgrämige und verbitterte Geister können die Feier solcher Tage kritisiren. Für edelempfindende und warmfühlende Menschen bieten derartige Feste willkommene Gelegenheit, einem verdienten Manne! den Dank für das Werk eines Menschenlebens, das, auch wenn! es köstlich gewesen, doch nur Mühe und Arbeit gewesen, dar- > zubringen.! Tie beiden Jubiläen dieser Woche sind aber auch von zeitgeschicht-! licher Bedeutung. Ter eine Jubilar ist Rabbiner, der andere Arzt,! beide wirkten und wirken noch fiir das Judenthum, das eben keinen! Unterschied zwischen Geistlichen und Laien kennt, zu dessen Dienst Jedermann berufen, der den Beruf in sich fi'chlt. Das ist das eine Moment. Ein anderes nnchr historisches kommt hinzu. Die jüdischen Aerzte spielen in unserer Geschichte eine große Rolle. In der Einleitung zu dem berühmten Sepher Asapli. welches wohl aus dem 8. oder 0. Jahrhundert stammt, wird sogar der Ursprung der Medizin nach einem alten Midrasch auf Sem, den Sohn Noah's, zurückgeführt, welchem Engel die Heilkunde übergaben, und von dem diese allmälig zu den Indern, Chaldäern, Aegyptern und Griechen gelangte. Allein wenn auch der Ursprung der Medizin nicht in Israel zu suchen sein mag, ihre fernere Entwickelung haben die Söhne des jüdischen Stannnes Jahrhunderte lang doch eifrig gefördert. In Aegypten unb Nordafrika, in Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland jliib Juden Leibärzte der Khalifen und Sultane, der Kaiser und Päpste gewesen. Ihre Leistungen als Forscher und Schriftsteller bilden ein ruhmvolles Blatt in der Geschichte der Medizin. Aber dieselben Aerzte waren auch jüdische Gelehrte von ansehnlicher, zum Theil bahnbrechender Bedeutung. Es ist erfreulich, daß der Faden dieser Tradition auch in der neuen Zeit nicht abgerissen. Und in dem goldenen Buch verdienter jüdischer Aerzte wird der Name Samuel Kristeller einen wichtigen Platz einnehmen. Ich erinnere mich dabei einer Szene im Stadtpark zu Karlsbad. Ich saß allein auf einer Bank, um den von den dortigen Aerzten verpönten Mittagsschlaf zu verscheuchen. Ta gesellte sich ein armer > polnischer Jude zu mir, der natürlich sofort ein Gespräch anfing, das er ebenso natürlich mit der Frage einleitete: „Woher seien Sie?" Auf meine Antwort: „Aus Berlin," replizirte er sofort neugierig: „Kennen Sie dort den grossen Juddenpatriotten Kristeller?" Der arme polnische Jude, der in seiner fernen volhynischen Heimath von dem Berliner Arzt gehört, hatte in seiner Einfalt das richtige Wort gefunden. Ja, das war und ist Samuel Kristeller: ein großer Judenpatriot, ein Mann, dem der altersgraue Judenschmerz tief durch die edle Seele geht, der seines Stammes Glück und Leid wie sein eigenes alle Zeit empfunden, dem die Sorge um Israels Heil und Zukunst, um dessen Aufklärung und Fortbildung die Haare gebleicht hat. Wie er als Dichter in rührenden und ergreifenden Weisen Juda's Lieben und Leiden besungen, wie er die erhabenen Dichtungen unserer klassischen Sänger in wohllautenden Rhythmen der deutschen Muttersprache angeschmiegt hat, wie er für das deutsche Israel in unermüdlicher Fürsorge gekämpft, geschaffen und wohl auch geduldet hat, immer und in allen Lagen des Lebens hat er sich als der „große Judenpatriot" erwiesen, als welchen wir ihn Alle kennen und lieben, als welchen wir ihn in diesen Tagen mit innigem Dankgefühl und mit der freudigen Zuversicht feiern, daß seine Kraft dem Dienste der heiligen Sache noch lange, lange erhalten bleiben möge! Und in der That, diese heilige Sache bedarf der eifrigen Träger und Förderer in unfern Tagen mehr als je zuvor. Tie böse Saat des Antisemitismus wuchert üppig fort und ergreift immer weitere Kreise. Das einzige Land, welches von dieser Epidemie bisher verschont geblieben, ist England. Selbst in Italien und Frankreich hat sie bereits Wurzel gefaßt. Am schnellsten hat sie aber in Oesterreich um sich gegriffen. Kein Tag vergeht, ohne daß im österreichischen Parlament die Antisemiten eine Judendebatte heraufbeschwören, kein Tag, wo nicht die Zeitungen von Ausschreitungen gegen die Juden, die im Gefolge von Arbeiterkrawallen in Böhmen, Schlesien und Mähren einherschreiten, zu berichten haben. Der Zusammenhang ist klar: Der Antisemitismus ist der Sozialismus des Kleinbürger- und Bauernstandes, der mit seiner Lage unzufrieden und in dem Juden das Nebel gefunden zu haben glaubt, durch welches eben diese traurige wirthschaftliche Lage hervorgerufen worden ist. Und die oberen Klassen sehen es nur 311 gern, wenn die allgemeine Unzufriedenheit dadurch nach einer Seite abgelenkt wird. Sir vergessen nur, daß dieser Haß, wenn er einmal zu Thaten schreiten und die Synagogen und Judenhäuser zerstören sollte, wahrhaftig vor den Thoren der Adelsschlösser und den Portalen der Kirchen nicht Halt machen wird! Der österreichische Antisemitismus wird aber wenigstens durch die Regierung im Zaume gehalten. In Rußland dagegen ist es gerade bte Regierung, die den Haß gegen die Juden erregt und fördert, die alle Beschränkungen gegen dieselben ohne jede politische oder wirthschaftliche Notwendigkeit provozirt. In das panslavistische Konzert passen eben die Judenstimmen nicht, und darum müssen diese unterdrückt werden. Die Lage unserer russischen Glaubensgenossen