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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-23 · Heft 19 (23.5.1890) · p. Seite 265

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 19 (23.5.1890)
Date
1890-05-23
Page
Seite 265 (sequence 7)
Language
German
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Aber der größte Theil des Volkes ist dabei verkommen und verdorben, verrottet und verrohet, zu dumpfem und stumpfem Knechtssinn herabgcdrückt worden. Bei Zeit und Gelegenheit werden wir einmal den Lesern dieses Blattes auch nach dieser Richtung hin die Zustände schildern, jetzt muffen wir unserer Aufgabe zu Leibe gehen und darstellen, wie aris diesen Zuständen heraus der Antisemitismus sich entwickelt hat. Wie wenn Plötzlich ein Volk in eine andere Welt oder in ein anderes Zeitalter versetzt würde, so wirkte auf das knrhessische Volk nach langer Unterdrückung und Mißregierung seine Einverleibung in Preußen. Unter den Juden herrschte, wie das nicht anders zu erwarten war, rückhaltlose Freude, Heller Jubel. Wir können diese Lhatsache nicht besser illustriren, als durch ein ganz einfaches und unscheinbares Vorkommniß: In Zierenberg bei Kassel, dem Geburtsort meiner Frau, lebte ein wenig bemittelter Jude mit Namen Gerson. Der Mann hatte eine zahlreiche Familie, die er nicht ausreichend zu ernähren vermochte, weil er zu keinem Geschäftsbetrieb eine Konzession erlangen konnte. In aller Heimlichkeit hatte er sich einen kleinen Branntweinausschank angelegt. Der Gensdarm des s)rtes, welcher in der Nähe wohnte, sonst ein guter, mitleidsvoller Mensch und befreundet mit der Familie meiner Schwiegereltern, brachte den Mann mehrfach zur Anzeige und Bestrafung. Der Mann befand sich in einer verzweiflungsvollen Lage, da er bei fernerer Anzeige einer empfindlichen Gefängnißstrafe entgegenging. Am Tage, da die Freudenbotschaft angelangt war: „Wir Hessen sind preußisch geworden" und der Gensdarm wie tagtäglich an dem Häuschen des öierson vorüberging, da öffnete dieser das Fenster, und dem Gensdarm rin Glas Branntwein entgegenhaltend, rief er: „Prosit, Herr Gensdarm! Hurrah, Preußen soll leben!" Still rmd gesenkten Hauptes schritt der Gensdarm am Fenster vorüber. Die hessischen Juden hatten wohl Ursache, zu jubeln, wie damals, so noch, trotz der antiiemitischen Bewegung, bis zu dieser Stunde. Die übrige Bevölkerung,' mit Ausnahme der politisch reiferen Elemente, besonders aber die Landbevölkerung nahm die Botschaft mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Jetzt werden wir das Dreifache an Steuern zahlen müssen; jetzt wird Alles in die Uniform gesteckt werden; jetzt wird der Korporal mit seiner Fuchtel das Land beherrschen; jetzt kommen wir unser Lebenlang aus dem Gamaschendienst nicht heraus — so hieß es überall. Eine gar seltsame Unruhe bemächtigte sich aller Gemüther; der Pulsschlag einer neuen Zeit »egte sich in der Bevölkerung, und für diese Zeit hatte man noch kein Vcrständniß und war man noch nicht genügend vorbereitet. Es dauerte länger als ein Jahrzehnt, bis man sich einigermaßen eingcwohnt und eingelebt hatte — mit jenem ehemaligen patriarchalischgenügsamen, mit jenem stumpfen und trügen Ruheleben war es jedoch vir alle Zeiten zu Ende. Es kamen die welterschütternden Ereignisse des Jahres 1870,71. Deutschland hatte als Siegespreis zunächst sich 'elbst gewonnen, das deutsche Kaiserthum war wieder erstanden, glorreicher und gefestigter als je; es wurde nunmehr zu den Wahlen, bald zum preußischen Landtage, bald zum deutschen Reichstage, ge- , ichritten. Mit den Wahlen begann das Wühlen. Alle die verichiedenen Parteien: Fortschrittler, Nationalliberale, alle Arten von konservativen, Ultramontane und bald auch die Sozialisten haben sich aus dem verhältnißmäßig kleinen Bezirk zu tummeln angefaugen; was Wunder, daß die Bevölkerung durch alle diese politischen Begebenheiten und Anforderungen bis ins innerste Wesen und Leben hinein aufgerüttelt und aufgeregt werden mußte, allein zur Befriedigung und Zufriedenheit konnten diese Zustände nicht führen. Im Jahre 1882 habe ich meine hessische Heimath zum letzten Male besucht und war verwundert über die Wandlung, welche mit der Bevölkerung und ihren Wohnorten vorgegangen war. Konnte ich mich doch in meinem Geburtsorte, einem kleinen Dorfe nahe bei Marburg, absolut nicht mehr zurechtfinden. Wohnhäuser und Wirthschaftsgebäude waren erneut, wohl auch von Grund aus neu aufgebaut und prangten in neuem farbigen Anstrich. Die Dorsstraßen waren ganz anders gelegt, feste und fahrbare Steinbrücken führten über den Bach, wo ehemals nur Holzstcge für Fußgänger sich befanden. Eine prächtige aus rothem Sandstein aufgeführte, noch ganz neue Kirche vollendete die ganze Wohleinrichtung des Ortes. Und welche Veränderungen waren erst im Innern der Wohnhäuser vorgegangen. Die erwachsenen Söhne, welche in den Garnisonsstädten ihre Militürj zeit zugebracht, hatten von daher, nachdem sie ihren Eltern ein gut Stück Geld gekostet, städtische Allüren und das Streben nach städtischer Einrichtungsweise mitgebracht und hatten, nachdem sie zur Herrschaft gekommen waren, den Haushalt von Grund aus umgestaltet. Die Mädchen, welche ehemals Hütten befürchten müssen, von ihren Eltern verstoßen zu werden, wenn sie an solchen Putz auch nur gedacht hätten, singen an, sich städtisch zu kleiden, — so war Alles verschönert und verbessert; nur der eiserne Kasten mit seinen fünf Schlössern war in die Rumpelkammer gewandert, denn er hatte keine harten Thaler und noch viel weniger klingende Goldstücke zu verwahren. Und zu allen diesen Verbesserungen hört man nur Klage, nichts als Klage über die schweren Haushaltskosten, die schweren Kapitalzinsen, die schweren Steuern, die schweren Gesinde- und Arbeiterlöhne, und das Alles, hieß es, hat uns die Preußenherrschaft gebracht. Nur Eins mar unverändert geblieben: das freundliche und freundschaftliche Einvernehmen zwischen den Juden und der Bevölkerung. Von irgend welch' antisemitischen Regungen war damals auch noch nicht die leiseste Spur vorhanden. Allein die mit großer Aufregung gepaarte Unzufriedenheit wollte in irgend einer Weise und nach irgend einer Seite hin sich auslassen und diese Richtung sollte ihr bald gezeigt werden. Zunächst haben wir nun aber auch die Veränderungen darzustellen, welche mittlerweile mit den Juden vorgcgangen waren. Das Jahr 1800 war ein Jahr der Erlösung für den hessischen Juden; er konnte nunmehr betreiben, was er wollte, er konnte wohnen, wo er wollte, er konnte sich verhcirathen, wie er wollte, und er hat diese Freiheiten auszunutzen verstanden. Der größte Theil, vielleicht 90 Prozent, der Juden hatte mit schweren Sorgen zu kämpfen und vermochte nur mit Mühe, Anstrengungen, Entbehrung, überhaupt j durch eine Lebensweise von der größten Einfachheit und Aermlichkeit sich rmd die Familie zu ernährerr. Es ist karun glaublich, wie beschränkt und armselig so ein jüdischer Haushalt, selbst derjenigen, welche schon nicht mehr zu der ärmeren Klasse gezählt wurden, beschaffen war, und mit wie Wenigem so eine jüdische Familie auszukommen suchen mußte. Das war von Grund aus anders geworden, j Sie wußten sich allesamurt nicht nur gut zu ernähren, sondern i konnten auch noch etwas erübrigen, blieben aber dabei so sparsam, so einfach in ihrer Lebensweise, so überaus haushälterisch in ihren Ausgaben gerade wie früher. Was Wunder, daß die Juden Hessens sich schon nach einem Jahrzehnt eines allgemeinen Wohlstandes erfreuten. Aber nicht nur die Handelsfreiheit, auch die Freizügigkeit wußten sie auf das Vortheilhafteste zn benutzen. Sie

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