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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-23 · Heft 19 (23.5.1890) · p. Seite 262

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 19 (23.5.1890)
Date
1890-05-23
Page
Seite 262 (sequence 4)
Language
German
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262 Furcht euch vor Augen sei", geht für jeden Verständigen deutlich hervor, daß es nicht gemeine Furcht ist, welche die Offenbarung heischet, das; sie diese vielmehr abweist, um für die wahre Gottesfurcht Raum zu gewinnen im Menschenherzen. Sie fordert nicht knechtischen Gehorsam, sie will nicht durch die Furcht vor Strafen die Herrschaft sich erzwingen; sie fordert Ehrfurcht vor der Majestät des göttlichen Willens, die zur wahren Freiheit des Willens führt; sic flößt uns heilige Scheu ein vor Gott, der mit der höchsten Macht die höchste Weisheit in sich vereinet, und sie löst die Seele von allem irdischen Zwang, indem sie sie bindet in der Furcht des Herrn. „Ihre Wege sind Wege der Anmuth". Denn was sie uns offenbart, cs ist uns kein Fremdes. Nicht von außen tritt es an uns heran, nicht vom Himmel und nicht von jenseits des Meeres brauchen wir es uns zu holen; ->X!2 “QTl 31“)p> "O „sondern ganz nahe ist dir das Wort des Ewigen, in deinem Munde und in deinem Herzen, daß du cs übest". Es ist keine Offenbarung von außen, sondern eine Offenbarung von innen; es ist die Stimme unseres eigenen Herzens, es ist der Ruf des Gewissens im Innern, den wir von außen her zu vernehmen glauben. Wie der Ewige alle die Worte des Bundes nicht äußerlich zu Moses, sondern durch Moses redete; wie er sie ihm ins Herz gelegt, aus dem sie als Gottes Wort hervorströmten, so redet Gott zu uns dieselben Worte heute und alle Zeit durch die Stimme unseres Gewissens. Und wahrlich, sie verlieren nichts von ihrer verpflichtenden Kraft, wenn sie zu Offenbarungen unseres Herzens werden. Erfüllt uns nur der Glaube, daß der Gottesgeist in uns lebt und wirkt, so wird das Wort des Ewigen uns heilig und unverbrüchlich sein, auch wenn es von innen heraus au uns ergeht, denn diese innere Stimme erleidet keinerlei Trübrmg. Durch alle Wirrnis; und Verdunckelung der Leidenschaft hindurch und unbekümmert um das Urtheil rind die Interessen aller Zeiten und Geschlechter tönt ihr Ruf und gemahnt uns an die Pflicht, die wir erfüllen müssen, ohne zu zweifeln und zu wanken. Oder redet unser Gewissen heute eine andere Sprache als das „du sollst!" und das „du sollst nicht!" der sinaitischen Gesetzgebung? Wissen wir anders die sittliche Welt in ihren großen Ordnungen uns aufzubauen als mit jenen zehn Geboten? Beseligt uns nicht heute noch der Glaube an den einig-einzigen, bild- und gestaltlosen Gottesgeist, der durch das Gesetz der sittlichen Verantwortung die Gesellschaft trägt und erhält? Oder können wir uns anders vor dem Versinken in Erwerb und Genuß bewahren, als durch die Feier von Ruhe- und Festtagen, als durch die Einkehr in uns selbst und durch die Erhebung zu dem Urquell alles Guten, Schönen, Wahren? Sind die Grundpfeiler unseres Lebens nicht noch immer die Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern und die unverbrüchliche Liebe der Ehegatten? Und hat die Weisheit der Völker dauerndere Stützen für den Bau der Gesellschaft gefunden als die Gerechtigkeit, die hier mahnt: Achte das Leben und das Eigenthum deines Bruders! als die Wahrheit, die hier spricht: Sage nicht als falscher Zeuge aus wider deinen Nächsten, verschleiere nicht und verfälsche nicht die Wahrheit! Nein! Wie vor Jahrtausenden so redet noch heute der Ewige in unserem Innern; es sind darrnu heute wie ehedem dieselben heiligen Offenbarungen, die wir in der Stimme unseres Gewissens vernehmen. j Was die Alten in Bezug auf die zehn Gebote als eine unerläßliche Forderung aufstellen: „An jedem Tage sollen sie in deinen Augen so neu sein, wie an dem Tage, da du sie vom Sinai empfingest," das ist zu einer Thatsachc unserer Empfindung geworden. Nicht weil sie aus uralter Zeit als heilige Ueberlieferung unserer Vorfahren uns erhalten sind, bilden die zehn Worte heute noch das Grundgesetz unserer Gesittung: sondern nur weil sie uns stets neu sind; weil sie in jedem Augenblick als Mahnungen unseres Gewissens erklingen, sind sie uns werth und theuer als die unwandelbaren Ueberzeugungen unseres Herzens. Ja, „ihre Wege sind Wege der Anmuth!" Wer wollte noch daran zweifeln, so er gar das zehnte Gebot der Offenbarung vernimmt? Wer wollte noch von äußerlicher Werkgerechtigkeit im Judenthum und von gesinnungsloser Ehrbarkeit reden, so er hört das Gebot; „Du sollst nicht gelüsten!"? Dieses Gebot faßt ja alle früheren in sich zusammen und verpönt nicht nur die sündige That, sondern auch schon die keimende Lust. Ja, indem es die Begehrlichkeit eindämmt, legt es allen vorangegangenen Verboten die entsprechenden Gebote unter lind fordert Heiligung des Herzens durch Verehrung Gottes und Menschenliebe, durch Treue und Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Und dieses Gebot, welches die Spitze des Zehnwortes bildet, kündel uns auch die freudige Gewißheit, daß wir können, was wir sollen: das; wir stets die Kraft besitzen, der bösen Lust Einhalt zu gebieten: daß wir nie und nimmer die Freiheit des Willens verlieren können, und uns daher nie und nimmer die Rückkehr verschlossen ist in das Haus unseres gütigen Vaters. I * Aber noch beglückender ist das zweite Ergebniß unserer Prüfung: „Und alle ihre Pfade sind voll des Friedens!" Wenn wir in diesen: Jahre Zeugen sein könnten all der Gottesdienste, die an diesem Festtage in den Heiligthümern der verschiedenen Bekenntnisse abgehalten werden, wir lviirden vielleicht überall den Ruhm und Preis des auf Gottesliebe gegründeten Sittcngebotes verkünden hören, welches durch die sinatische Offenbarung zrun Gemeingut der Völker geworden ist. Die Sitten lehre ist das Gemeinsame in allen aus dem Judenthume entsprossenen Religionen und daher das Verbindende zwischen ihnen und ihren: Ursprünge. Tenn der jüngste Versuch, den die Töchter augestell: um der alten Mutter nachzuweisen, daß die Wege derselben nicht „Wege der Anmuth" sind, ist ebenso kläglich gescheitert, wie alle vorangegangenen. Hier füllt die Verleumdung stets auf den Verleumder zurück. Denn nicht auf die Lehre, sondern auf die Bethätigung kommt es an, diese ist der Prüfstein für die Echtheil der Lehre. Das Trennende, oder doch das Unterscheidende an den Religionen sind die Glaubenswahrheiten, und je zahlreicher und je bestimmter ausgeprägt sie in einem Bekenntnisse sind, um so höher ist die Schranke, welche dasselbe zwischen sich und den andere» Bekenntnissen errichtet. In dieser Beziehung gilt nun von unserer Lehre das Wort de- Spruchdichters: „Und alle ihre Pfade sind voll des Friedens." Nickt als ob es iin Judenthum gar keine Glaubenswahrheiten gäbe. Jede Religion beruht ja auf einer Summe eigenartiger Gedanken und Vorstellungen. Aber gerade darin, daß bisher alle Versuche, sie in feste, allgemein gütige Formeln zu kleiden, mißglückten; daß sich in Zalll und Anordnung derselben die verschiedensten Meinungen geltend machten; daß jede Zeit hierin die Freiheit der Ausprägung für sick in Anspruch nahm, liegt der unwiderlegliche Beweis, daß im Judenthum seit jeher der Zug nach dem Allgemeinen mächtiger ivar als der nach dem Besonderen. Wenn irgend eine Religion, so hat es die jüdische bewiesen, daß der Buchstabe tödtet und nur der Geht lebendig macht. Sie ging ursprünglich von einer schriftlichen Lehre aus, die das ausdrückliche Gebot enthielt, daß nichts hinzugethau und nichts hinweg genommen werden sollte: und dennoch trat alsbald eine mündliche Lehre gleichberechtigt ihr zur Seite, die je nach den Anschauungen der Zeit das alte Gesetz deutete, bald auch hinzufügtt oder hinwegnahm, je nach den Bedürfniffen und Anforderungen der Glaubensgemeinschaft. Unser gesammtes religiöses Schriftthum, besonders der so vielfach verkannte Talmud, ist ein laut redendes Zeug niß herrß abges nnbel durch und ordru unser unser hier zu br Häuf ström Leber Gott. den t Jude zur 3 danke verjü und in al den Zutü Prvp dem füllen durch werde meink thum und stttlick Elnsii Nein, der hi der l Relig vvrbil Sieg der L 1 der E Volke große, neue Propl Mehr gang weder droht!'ch je; auf E seinem I die di, Lz

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