Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 19 (23.5.1890)
- Date
- 1890-05-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Expedition: Gerlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Inhalt. Leitartikel: Zum Wochenfeste. Von Dr. S.Maybaum. — Entstehung und Bedeutung des Antisemitismus in Hessen. Von Tr. I. Rülf. — Wochenschau. Von Gustav Karpeles. — Unser heutiges Judenthum. Von I. Wiener. — Wissenschaft und Litteratur: Die Theilnahme der Juden an den Seefahrten und Entdeckungen. Von Dr. M. Kayserling. — Feuilleton: Nur eine Magd. Von I. Löwenberg (Schluß). — Die Volksthümlichkeit des Judenthums. — Weizenkörner. Von Ludwig August Frankl. Der Gemeindebote: Die Organisation der Juden in Deutschland. Von Arnold Budwig. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Gnesen. Meschen, Neustadt bei Pinne, Wittlich, Nürnberg. Halle, London, New-Bork. — Bon Nay und Fern.—Bei der Redaktion eingegangene Bücher. — Miscellen. Ium Wochenfeste. Von Rabbiner Dr. S. Maybaum. Mit ungleich heiligeren Empfindungen als sonst begleiten wir am Schabuoth-Jeste das Herausheben und das Einheben der Thora; und das Wort der Schrift, von Vorbeier und Gemeinde dabei angestimmt: „Ewiger! Ewiger! Barmherziger, gnädiger und langmüthiger Gott, reich an Huld und an Treue, bewahrend die Gnade bis ins tausendste Geschlecht, verzeihend Schuld und Missethat und Sünde," - dieses Wort, Wurzel und Krone unserer Lehre, es erfaßt uns an diesem Festtag tiefer und mächtiger, dieweil die ganze heilige Handlung uns die sinaitische Offenbarung veranschaulicht, deren Jahrestag Israel heute festlich begeht. Es ist ja eine Offenbarung uu Kleinen, die sich au diesem Tage in der Synagoge vollzieht, rluten die Gemeinde, lvie einst Israel am Fuße des Sinai, mit der Sehnsucht im Herzen, der einst Mose Ausdruck gab in der Bitte: 'p3")‘7 nx Si ’Jp’Tn „Thue mir kund deine Wege!" Und oben das Wort des Ewigen ertönend, das den Gott der Liebe und der Treue, der Gnade und der Versöhnung offenbaret. Und nicht l'los an die Bundesschließung am Sinai werden wir gemahnt, sondern auch an den schicksalsvollen Gang der Offenbarnngsreligioii durch die 'beschichte. Tenn die Worte, die einst Mose beim Ausbruche der Anndeslade sprach, und mit denen wir die heilige Handlung einieiten, die Worte: „Auf, o Ewiger! daß sich zerstreuen deine Feinde, »ild deine Hasser vor dir fliehen," erinnern uns an den tausendjährigen Kampf der sinaitischen Religion gegen die Götter des Heidenthums, an den Untergang der alten Welt, deren Grundlagen lertrümmert wurden von dem Steine, der sich losgelöst hatte von dem Berge des Ewigen. Die Worte aber, die einst Mose sprach, wenn er die Bundeslade an ihre Stätte geleitete, und mit denen auch wir die Thora in den heiligen Schrein schließen: „Kehre ein, o Ewiger, unter die Schaaren der Tausende Israels", gemahnen den Sieg der Offenbarungsreligion, die eine neue Welt der Gerechtigkeit und der Menschenliebe aufgcbaut ans den Trümmern der alten, die zum Baume des Lebens geworden ist für alle, die an ihr festhalten, und Wege der Anmuth und des Friedens aufgegezeigt für den Verkehr der Völker. Diese erhöhte festliche Stimmung, die uns am Schabuoth-Feste in deni Heransheben der Thora eine Veranschanlichnng der Offenbarung erblicken laßt, weckt in uns auch ein tieferes Vcrstandniß für die heilige Lehre: wir durchschauen die Nichtigkeit all der Mängel, die man ihr so häufig angedichtet, und in all den geistige» und sittlichen Errungenschaften, mit denen man sich rühmte, über sie hinausgcschritten zu sein, erkennen wir ihre ureigenen Aufstellungen. Und wie könnte es auch anders sein? Mögen auch manche ihrer religiösen Formen veraltet sein, dem Ewig-göttlichen im Menschen hat sie einen so vollkommenen Ausdruck gegeben, daß die Aufgabe aller Zeiten und Geschlechter einzig und allein in der Erfüllung und Bethätigung derselben bestehen kann. Nehmet den höchsten Maßstab zur Hand, den die Bildung und Gesittung unserer Zeit euch zu bieten vermag, und prüfet die Offenbarungslehre, als wäre sie nicht bereits das geheiligte Erbe eurer Vorfahren, ihrer Seelen Seligkeit im Leben wie im Sterben — sondern als solltet ihr sie erst heute annehmen oder abweisen: wahrlich ihr werdet mit dem Spruchdichter bekennen müssen: iTJTn’flS 821 on '2-N rro-n «daß ihre Wege Wege der Anmuth und alle ihre Pfade voll des Friedens sind", und wie eure Väter am Fuße des Sinai werdet auch ihr ansrufen: „Gieb sie uns, Allvater! wir wollen sie üben, wir wollen gehorchen!" * * Ja, „ihre Wege sind Wege der Anmuth", das wird das erste Ergebnis; der Prüfung sein. Tenn wer sich ohne Vornrtheil in den Geist der Offenbarung versenket, wird hier nichts von jener Furcht und von all den Schrecknissen wahrnehmen, in tvclcheir man die Beweggründe des Gehorsams finden wollte, den sie von ihren Bekenncrn heischet. Im Gegentheil: „ihre Wege sind Wege der Anmuth". Die väterliche Liebe Gottes zu Israel findet ihren ergreifendsten Ausdruck in den Worten, die der Ewige vor der Offenbarung zu den; Volke sprach: „Ihr habt gesehen, was ich an Aegypten gethan, und daß ich euch wie auf Adlersflügeln getragen und euch zu mir gebracht habe". Und als das Volk während der Offenbarung vor der Erhabenheit der göttlichen Verkündigung erbebte und zurückschreckte, da sprach Mose zu dem Volke: „Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen, ist Gott gekommen, und damit seine Furcht euch vor Augen sei, auf daß ihr nicht sündiget". Aus dem scheinbaren Widerspruch dieser Worte: „Fürchtet euch nicht" und „damit seine