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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-16 · Heft 18 (16.5.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 18 (16.5.1890)
Date
1890-05-16
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 kommen, so soll es ihm gewiß noch schlimmer ergehen! Geschäfte Haler hier keine gemacht, und selbst sein enttäuschter sechsköpfiger Anhang in Lörrach soll nicht geneigt sein, ein mildes Scherflein zur Erleichterung seiner Schuldenlast beizutrageu. (Vom Rhein z. Schwarzw). □ Bochum. Am 16. April hielt der Eentral-Armen-Verband der Synagogen-Gemeinden Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hörde, Mülheim a. d. Ruhr, Ruhrort, Steele, Unna und Witten seine 9. General-Versammlung ab. Aus dem Geschäftsbericht für die Zeit vom 1. März 1889 bis 81. Mürz 1890 dürfte Nach' stehendes weitere Kreise interessiren. Air 997 Personen, 841 männliche unb 156 weibliche, wurden 3524.50 M. im Durchschnitt 3.53-/g M. für jeden Unterstützungsnehmer verausgabt. Unter diesen befanden sich 317 Handwerker, 274 Händler, 75 Kommis, 46 verschiedenen Berufsarteu ungehörige Personell, 42 Lehrer, 18 Kaufteute, 13 Knechte unb Taglöhner, 2 Rabbiner und 54 ohne bestimmtes Gewerbe. Von den 156 weiblichen Personen waren 37 Wittwen. 57 Kranke, 17 Krüppel, 14 Blinde, unb 11 Taubstumme waren zu verzeichnen. Von den 997 Personen waren aus: Rheinprovinz 116, Westfalen 59, norddeutsche Provinzen 216, Süddeutschland 65, nichtdeutsche Staaten (vorzüglich Rußland) 539, nichteuropäische Staaten 2. Hiernach war die Zahl der aus dem Auslande kommenden um 85 stärker als die der Deutschen. Da für die Folge das Rechnungsjahr mit dem 1. April beginnen soll, hatte das Berichtsjahr 13 Monate. 516 Personen erhielten zum ersten Male eine Unterstützung und 103 eine mehr als einmalige Gabe. Der Vorort Bochum und der Vorstand der Synagogen-Gemeinde als Vorstand des Verbandes wurde wie seither einstimmig wiedergewählt. In den nunmehr verflossenen neun Geschäftsjahren wurden an 8122 Persollen 25,804 M. Unterstützung ausgezahlt und hat sich der Zweck des Verbandes, die Hausbettelei zu beschränken, als sehr empfehlenswert!) erwiesen. Die Bemühungen, noch weitere Gemeiliden zum Anschluß an den Verband, bezw. Gründung eines ähnlichen zll gewinnen, sollen fortgesetzt werden. Jonas Simon. Gießen, im Mai. Was heißt das: Antisemit? Antisemit heißt: Gegner des Semiten, Gegner des Semitellthums, Gegner des semitischen Geistes. Fragen wir, was ist das für ein Geist, der semitische Geist? Der semitische Geist ist der Geist, der die Welt erobert hat, der Geist, welcher der Welt die Einheit Gottes und das Gebot Gottes: „Liebe Deinell Nächsten wie Dich selbst" verkündete; es ist der Geist des großem Lehrers Moses, der die zehn Gebote vom Sinai brachte; es ist der Geist, der den Josua Kriegsheldenthaten verrichten ließ; es ist der Geist Samuels, mit dem er Prophetenschulen grülldete; es ist der Geist, derbem König David die herrlichen Psalmen eingab und so die Menschell beten lehrte; es ist der Geist, aus dem König Salomo die vortrefflichen Sittensprüche, das Lied der Lieder und den philosophischen Kohelet schuf; es ist der Geist, der den Jesaias, Jeremias und Ezechiel Und die anderen Gottesmänner der Schrift zrl Propheten bildete; es ist der Geist, der den Hiob dichtete; es ist der Geist des alten Hilleb der einem Heiden, welcher in spöttischer Weise zll ihm sagte, er wolle Jllde werdeil, wenn er ihm die jüdische Religioli lehren könne, so lange er auf Eineul Beine stehe, sanftmüthig erwiederte: „Das kann ich. mein Sohn, „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst nub was Du nicht willst, das mall Dir thue, thue and) einem Anderen nicht. Das ist die Grundlehre des Judenthums, alles Andere ist llur die Erklärung davon"; es ist der i Geist, der die Makkabäer trieb, das Joch der syrischen Könige von sich! abzuschütteln, der Geist, der die Bewohner Jerusalems zu heldeumäßigem! Widerstande gegen die weltbesiegenden Römer befähigte; es ist der Geist, der ben erhabenen Stifter des Christenthums erfüllte, der Geist, der! seine Apostel beseelte, der Geist, der die Evangelien schrieb; es ist der Evangelilim und die Sittelilehre des Christenthmns so gut und vielleicht besser, als viele, die sich Antisemitell nennen; er weißdaß Haß, Mißachtung, Verfolgung, Lieblosigkeit und Kränkilllg, wie sie in bem Antisemitismus zu Tage treten, schllurstracks dem Geiste des Christenthums widersprechen: er weiß, daß ein wahrer Christ, d. h. wer nicht blos äußerer Bekeilner, solldern wirklicher Bethätiger des Christenglaubens ulld treuer Befolger seiner Lehren ist, daß der keinen Menschen hassell, noch verfolgen, noch ihm Böses zufügell oder gönnen darf, am wenigsten den Juden, deren semitischem Stamm linb Geist er das Höchste verdankt, was .dem Menschenleben Werth verleihet — seine Religion. Weg also mit dem Alltisemitismus! Antisemitismus ist Antichristenthum. Alltisemit sein, heißt Gegner des Christenthums sein. Rabbiner Dr. Levi. Oesterreich - Ungarn. Wien, 12. Mai. Bei der heutigen Bud g etberath un g im Abgeordnetenhause erklärte der Justizminister gegenüber der Ansicht, das Strafrecht in seiner Ausführung in Betreff des Schutzes der einzelnen Konfessiollen und Nationalitätell zellge voll einer gewissen Lahmheit, daß nach seinen Erfahrungen gerade da, wo es sich um die antisemitische Bewegung handelte, ziemlich viel geschehen sei. Die Regierung sei zum Schutze aller Konfessionen verpflichtet. Er wünschte, daß man immer mit solcher Strenge den Ausschreitungen bezüglich der Religion und Konfessioll begegllet werde, wie dies dermaleil gegen die alitisemitische Bewegung geschehe. Wien, im Mai. Eine Deputation, bestehend ans dem Präses der Wiener Kultusgemeinde Armillio Ko'hn, dem Obmanne der Repräseutauz der Landesjudenschaft Böhmens Dr. Liechtenstern, dem Obmanne des Kuratoriums des mährischen jüdischen Landesmassefonds Julius! Ritter Gomperz begab sich zu ben Ministern Taaffe und Gautsch,! um beiden Millistern für die Eillbriugung unb das Zustandekommen! des Gesetzes betreffend die Regelung der ällßereu Rechtsverhältnisse der! israelitischen Religionsgenoffenschaft Dank auszusprecheu. Die Depu- I tation stellte zugleich an ben Grafen Taaffe die Bitte, Sr. Majestät! für die gelvährte allerhöchste Sanktion ihrell ehrfurchtsvollsten Dank an! die Stufell des Thrones gelangen zll lassen, was der Minister-Präsident > zllsagte. «1. Preßburg, 20. April. Gelegentlich des jetzigere Aufschreies der i Orthodoxen in Ungarn, daß das Judenthum in Gefahr sei, wenll die : orthodoxe und die Fortschrittspartei adniillistrativ vereinigt lind die vom; Minister geplante einheitliche Organisation durchgeführt werde, ist es angezeigt, einen Allsspruch des verelvigtell ullgarischell Kultusj m i n i st ers Josef E ö t v ö s zll verbreitell, den der bekallnte Schriftsteller ulld Repräsentant der Pester israelischen Kllltusgemeinde Herr- Paul Teurer aus seiner Erinnerullg hervorhebt. Herr Teneer hatte die Aufgabe. während des israelitischell Landeskoilgresses Ellde 1868 unb Ailsangs 1869 über die internen Vorgänge desselben an jedem Donnerstage dem gellallllten Baron Eötvös zll referireil. Bei einer Gelegenheit erzählte ihm der Minister voll einer Audienz, die ein Anhänger der Orthodoxen bei ihm gellommeil. AIS der Manll eintrat und des Ministers ansichtig wurde, übertam ihll eine Befangenheit, die ihn der Sprache beraubte, und es verging eine geraume Weile, bis er sie wiedergewanu, daun sprudelte aus ihm erst der Redeschwall hervor, dessen Inhalt sich iil Folgendem zlisammenfasseil läßt: „Ercellenz! Siegt die Fortschrittspartei, bann ist es mit dem Judeuthum zll Eilde!" Baron Eötvös legte dem Mallne in seiner jovialen Weise die Hand ans die Geist, der die ersten Juden-Christen als Märtyrer ihren Glauben mit dem Tode besiegeln ließ; es ist der Geist, der die ganze Christellheit, die Kirchen, die Schulen und die Häuser der Christen durchweht; es ist der Geist, der dem Judenthum die Kraft verlieh, anderthalb Jahrtausende hindurch die ärgsten Bedrückullgen, die gräulichstell Verfolgungeil zil erdulden; es ist der Geist, der den helltigell Jllden Kraft unb Muth flieht zum Ertragen alles Leides, das mau ihnen zusügt; es ist der Geist, der ihnen zu alten Zeiteil hervorragende Eigenschaften nub Tugenden in§ Herz pflanzet, gegen welche die Schwächen, die ihneil allhaften, verschwinden; es ist schließlich der Geist der erhabenstell, bedeutendsten Männer- und Frauengestalten, von welchen die Weltgeschichte erzählt. Das ist semitischer Geist. Wer gegen diesen Geist ankämpft unb die Juden, weil Semiten, haßt und verfolgt, -der ist Antisemit, zllgleich aber, was schlimmer ist — Antichrist. Schreiber dieses kennt das Schulter nub sprach tröstend: „Fürchten Sie nichts, mein Herr, das Jndenthuln hat schoil viel größere Stürnle überdauert — es wird, welche Partei immer zum Siege gelange, auch jetzt nicht zu Grunde gehen!" Der Christ fmtute also das Judenthum besser als der Jllde! Eötvös war überzeugt voll der Unsterblichkeit unb Unauflöslichkeit des Judenthums, heute aber sehen 239 orthodoxe Rabbiner die Auslösung des .Judenthums voraus — in der einheitlichen Organisation desselben. Rumänien. * Bukarest, 10. Mai. Der Sturz des M i n i st e r i u m sBratian o hatte die Hoffnullg erweckt, daß eine Aera des Friedeils unb der Sicherheit für die jüdischen Gemeindell endlich beginnen werde. Das heutige Millisterium, welches bereits vor einem Jahre am Ruder war, besteht aus Männern, die dem Judenthum wohlwollend gesinnt sind. Mehrere Mitglieder desselben haben ehemals die Israeliten vertheidigt, sei es in

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