Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 18 (16.5.1890)
- Date
- 1890-05-16
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 der Kammer, fei eö vor Gericht, aber das Unterdrücknngssystem, welches bereits seit so lange gegen die Juden gebräuchlich ist, hat Früchte getragen. Trotz dem guten Willen de'? Rstinisteriunls ist die Lage der Israeliten kaum verändert. Ta'? Kolportagegesetz, lvelches Tausende von Familien ins Unglück stürzte, das Gesetz, welches den Israeliten den Aufenthalt auf dem Lande untersagt, das Gesetz, welches die israelitischen Kinder von den Elementarschulen und besonders von den Gewerbeschulen ausschließt, sind noch immer in Kraft und erhöhen das Unbehagen der jüdischen Bevölkerung. Bon allen diesen Gesetzen macht dasjenige, welches die jüdischen .Kinder von beit Elementarschulen allsschließt, die Juden am meistell besorgt. Es bildet eine wirtliche Gefahr für die israelitische Jugend. Tie rumänische Regierung ltub die städtischen Behörden scheuen kein Opfer, llm den öffentlichen Unterricht zu fördern und der nationalen Industrie Vorschub zu leisten. Neben beu Elementarschulen sieht mall Gewerbeschulen entstehen, um gute Handwerker heranzubilden, die fähig sein sollen, gegen die fremde Konkurrenz anzukämpfen; die jüdischen Kinder sind als Fremde voll diesen Schulen allsgeschlossen. Wenn die israelitischen Gemeinden zu einem Besitz berechtigt wären, könnten sie vielleicht für einen Theil der israelitischerl Jugend das thun, was die Negierung in so reichem Maße für die christliche Jugend thut, gleichfalls Schulen und gewerbliche Werke gründen; doch man weiß, daß die Negierung das bürgerliche Necht der israelitischen Gemeinden nicht anerkennt und sie dadurch verhindert, irgend etwas Nützliches und Andauerndes zll schaffen. Tiefes Verbot hat schon die meisten jüdischen Wohlthätigkeitsimb Unterrichtsanstalten des Landes desorgnnisirt, überall Unordnung imb Storung verursacht und die Anarchie in der Verwaltung der Gemeillden aufs höchste gesteigert. Trotz der wohlwollenden Dispositionen der ministeriellen Behörden haben nicht mehr als zwei Jsraeliteil im Jahre 1889 die Naturalisation erlangt. Andererseits haben die Zeitungen viele Gewaltthaten gemeldet, die von Beamtell oder Privaten all Israeliten verübt wurden. Ties kann llicht Wunder nehmen. Tie Volksmeinung ist so geschickt und in so roher Weise gegen die Jsraeliteil aufgebracht worden, daß lange Zeit vergehen muß, llm die Gemüther zu beruhigeil. U Non Nah und Fern. * Tns st a t i st i s ch e I a h r b ll ch des Deutsch-Israelitischen Gemeindebuildes für das Jahr 1890 ist soeben allsgegeben worden. Das Bllch umfaßt 124 Seiteil und enthält ein geographisches Berzeichniß sämmtlicher jüdischeil Gemeillden im Teutschen Reiche nebst Allgabe ihrer Seelenzahl, ihrer Vorsteher, Beamten, Wvhlthütigkeitsverein, sowie eine Reihe wichtiger behördlicher Elltscheidilllgen imb Verordnungeil. Der Preis beträgt für die Nichtmitglieder des Gemeindebundes 1,50 Mk. — Das Comitö für das Tr. H i l d e s h e i m er - Inbil ü ll m lädt die Freunde des Jubilars auf Soniltag, den 18. Mai, 8 Uhr, nach der Theerbusch'fchen Ressource ein. Am Soliilabeild, beu 17., findet ein Gastmahl für die auswärtigen Tepntirten statt. Die bekannte Eassel'fche Nestauration (Inhaber Leopold Pellesohn) in Berlin, welche ans der Berliiler Koclstnnst-Ausstellung der koschereil Küche zu einem Ehrenpreise verholfen hat, feiert in der iiächsten Zeit das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens. In Breslau findet am 27. nnb 28. Mai die zwölfte Konfereilz der jüdischen Lehrer für Schlesien und Posen statt. Auf der Tagesordnung steht u. A.: Diskussion über die Behandlung des geschichtlicheli Unterrichts in der Neligionsschule im Anschluß an die von Tr. Jacobson-Schrimm gestellteil Fragen: 1. In welcher Weise ist der Religionsunterricht zu behandeln, daß wir die der jüdischen Religion zu Grunde liegenden Ideen den Kindern klar llnd eindringlich machen? 2. Welche Personen fiub im Geschichtsunterricht vorzugsweise zll behandeln, so daß an ihnen der treibende Geist der jüdischen Geschichte erkannt werde? 3. Welche Schrifteil sind am geeignetsten zur Allswahl durch deil Lehrer und zur Lektüre, um das Strebeil nach weiterer Fortbildung in den Schülern anzuregen? — Herr Otto Jordan aus Koblenz hat iil seinem lind im Flamen seiner Schwestern Frau Generalmajor Freifrau v. Rössing imd Frau Negierungsrath Düesberg zllin Andeilkeil all den verstorbenen Vater, Herrn Kommerzienrath Antun Jordan, beni Rabbiner Herrn Tr. Singer 500Mk. überreicht, um sie zu wohlthütigen Zweckerl zu verwellderl. — Am 1. d. M. beging der Lehrer nub Prediger der Gemeinde zu Neuß, Herr T avid L evi, sein 25. Dienstjubiläum. — In Hamburg fand am 5. Mai die Eröffnung der neuen „israelitischen Religi v ll s s ch ll l e von 1890" im staatlichen Schulgebällde Papendamm Nr. 5 statt. Der Vorstand besteht aus den Herren Gemeindevorsteher R. Samson, Dr. Lippmanll, E. Wassermann, M. Fürth, H. Rothschild, A. Lewandowsky, I. Reis imb arls den beiden Predigern des Tempelverbnndes Dr. Leimdörser nub Seligmann, welche die Leitung übernehmen nub zugleich mit Herrn Henle in drei gesonderten Abtheitllngell den Unterricht ertheilen. Es sind bislang 61 meist höhere Anstalteil besuchende Schüler unb Schülerinnen angemeldet worden. — Dr. Jonas M. Bon di ist in der Generalversammlung der Mainzer Israel. Religionsgesellschaft mit allen gegen vier Stimmen zum Nachfolger des Rabbiners Dr. Lehmann gewählt worden. — Zu München wurde jüllgst im Kgl. Odeoll Rllbinsteins Oratorium, „Das verlorene Paradies" zur Aufführung gebracht. Herr Oberkantor Em. Kirschner, der eine der Hauptrollen inne hatte, errang durch seine vorzügliche Leistung im Gesang unb Spiel großen Erfolg und wurde voll den anwesendell Mitgliedern der Kgl. Familie durch Worte der Anerkennung ausgezeichnet. — Montag, den 12. d. M. hat in Wien die feierliche Schlußsteinlegnng in dem Altersversorgungshause stattgefuuden, welches die israelitische Kultllsgemeinde zlir Erinnerung an die 40jährige Regierung Seiner Majestät des Kaisers erbaut hat. — Der Sekretär im ungarischen Justizministerium Herr Michael Szanto wurde voll Seiner Majestät dein König zilin wirklichen Sektionsrath ernannt. — Vor einigen Tagell begab sich eine aus angesehenen Bürgern bestehende Deputation nach Wien, um bei den Centralbehörden und eveutllell in einer Audienz bei Seiner Majestät für die Aktiv irung der Hirsch'scheu Stiftung persönlich zu wirken. — Der Pariser „National" hat bei der Zunahme des Antisemitismus ill Frankreich einen jüdischen Nedaktelir speziell für die Behandlung der „Judeilfrage" augestellt. Gegenüber dem kläglichen Durchfall der 19 antisemitischen Kandidaten bei den jüngsten Mnnizipalwahleu Verdi ent die Thatsache Beachtung, daß zwei jüdische Kandidaten gewählt nub vier in die Stichwahl gelangt sind. — Die Herzogin von Manchester ist während ihres einige Tage währenden Aufenthaltes in Paris Gast der Baronin Hirsch, in deren Palast sie Wohnung nimmt. — „Jewish Chronicle" annoncirt die Eröffnung einer Abtheilung der L on do n B oa r d s ch u l e in Chicksard Street für Fremde zllr Erlernung der englischen Sprache, Schreiben und Rechnen in jüdisch-deutschen Lettern, drei Mal per Woche für 2 Pence die Woche. Bücher und Schreibmaterial frei. — In Amsterdam ist im April d. I. Herr D. Lopez Cardozo, seit nahezu 50 Jahren Prediger und Rabbinats- Assessor der portugiesischen Gemeinde gestorben nub von einem nach Tausenden zählenden Trauergeleite 511 Grabe getragen worden. - DerKopenhagener Oberrabbiner Prof. Dr. Wolfs feierte am 6. Mai seinen neullzigsten Geburtstag. Trotz seines hohen Alters waltet er mit ungetrübter Rüstigkeit und Frische seines Amtes, dem er seit 62 Jahren vorsteht, hält abwechselnd mit Herrn Rabbiner Dr. Simonsen Predigten und Vorträge und widmet sich einer produktiven wissenschaftlichen Thätigkeit, als deren Frucht er u. A. in den letzten Jahren eine dänische Uebersetzung und Erläuterung des Pentateuch (die erste ihrer Art) fertigstellte, welche nunmehr dem Druck übergeben wurde und hoffentlich bald erscheinen wird. Möge der Allmächtige den allverehrten Mann begnaden, noch recht lange mit gleicher geistiger und körperlicher Regsamkeit zu wirken. — Die „Hebrew Education Society" in Philadelphia errichtet eine Industrie-Schule, worin nicht nur die manuelle Ausbildung der verschiedenen Industriezweige, sondern auch die Erlernung der englischen und hebräischen Sprache zum Hauptgegenstand des Unterrichtes gemacht werden wird. — Eine auf dem Oelber ge befindliche Höhle, welche allgemein als das Grabmal der Propheten Haggai, Zepharia und Maleachi angesehen wird, war der Gegenstand großer Besorgniß von Seiten der Jerusalemer jüdischen Gemeinde. Der Eigenthümer der Höhle, ein Fellah, hatte dieselbe für einige hundert Gulden veräußern wollen, ohne unter den Juden einen Käufer zu finden. Darauf hatte der russische Archimandrit das Grundstück erftauben und die Bestürzung war allgemein, da man befürchtete, daß die Russen eine griechische Kapelle auf dem Grabmal errichten würden. Auf eine Beschwerde der jüdischen Gemeinde hat nunmehr der türkische Gouverneur entschieden, daß das Terrain Eigenthum der Juden sei und keiner anderen Konfession zugestanden werden könne. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.