Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 18 (16.5.1890)
- Date
- 1890-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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54. Jahrgang. Nr. 18- Berlin, 16. Mai 18'.)0. Per Grmeindrbotr. WeiLcrge zur „AtLgemeinen Zeitung öes Zuöenthums". Der Schnlklopfer. Berlin, 11. Mai. In den kleineren Städten Deutschlands besteht wohl noch hier und da die — früher überall verbreitete — Sitte, das; ein niederer Beamter der jüdischen Gemeinde an die Thüren aller Gemeindeglicder anklopft, um nnzuzeigen, daß die Stunde des gemeinschaftlichen Gottesdienstes gekommen sei. Wir selber haben diesen Mann nicht mehr zu Gesicht bekommen; doch ist uns erzählt worden, wie auf seinen Ruf: „In Schul'! in Schul'! es ist Zeit! cs ist Zeit! in Schul'! in Schul'!" die Schläfer aus den Betten gesprungen und in die Synagoge gelaufen seien. Das Amt dieses Schnlklopfers hat heute in gewissem Sinne die jüdische Journalistik übernommen. Es giebt so viele Schläfer, die den Schlaf des JndisterentiSmus und der Gleichgiltigkeit schlafen, die sich nur dann daran erinnern, das; sie Juden sind, wenn eine Kammerdebatte über die „Judenfrage" stattfindet. Diese müssen aus dem Schlafe anfgerüttelt werden, und dazu ist die jüdische Journalistik da. Es beginnt eine neue Zeit. Die naturwissenschaftlichen Anschauungen, welche — durch großartige Entdeckungen gefördert — unser Zeitalter beherrschen, sind mit gewissen Borstellungen, die die Menschheit sich seit unvordenklicher Zeit gewöhnt hatte, als religiöse zu betrachten, nicht recht vereinbar, die Folge davon war, daß breite Schichten der Gesellschaft glaubten, die Religion sei überhaupt ein überwundener Standpunkt. Man brauche nur an die Stelle derselben eine Art vvlksthümlicher Philosophie zu setzen; dann sei Alles gut und einig und das goldene Zeitalter werde anbreche». Diese Ideen, die noch in inanchen Köpfen spuken — und vielleicht nicht gerade in den schlechtesten — sind jetzt im Verschwinden begriffen. Man fühlt jetzt wieder, daß „Gottesdienst" nicht nothwendig mit „Pfaffenherrschaft" verknüpft zu fein braucht, und daß „Religiosität" nicht identisch ist mit Fanatismus und Unduldsamkeit, das; es aber ohne Religion schlechterdings nicht weiter geht. Und dieser Bewegung müssen tvir Inden uns mit Begeisterung anschließen. Als Nachkommen des Religionsvolks im besonder» Sinne haben wir eine doppelte Berpflichtrmg dafür zu sorgen, das; die Religion nicht aus den Kulturbestrebungen der Menschheit verschwinde. Wir haben außerdem den Vortheil, das unsere Religion sich mit naturwissenschaftlichen Anschauungen sehr wohl vertrügt. Also — klopft an die Thüren der Schläfer. Aber nicht nur damit sie beten! Für uns Juden ist „Beten" gleich „Lernen"; das Gotteshaus ist die Schul', die liebe heil'ge Schul! Darum noch einmal: „In Schul'! in Schul'! es ist Zeit! in Schul'! in Schul'!" C. M. U Korrespondenzen nnd Nachrichten. Deutschland. -H- Berlin, 12. Mai. Der Bericht, den das Reichelrheim sehe Waisenhaus der jüdischen Gemeinde für das Jahr 1889 heransgiebt, enthält ein Gedenkblatt zu Ehren zweier verstorbener Mitglieder des Kuratoriums, der Herren Julius I. Meyer und Kommerzienrath Siegmund Friedlnnder. Der Direktor Dr. I n tr osi n s k i würdigt darin nicht nur die Berdienste, welche beide Männer sich um das Waisenhaus erworben haben, sondern ihr gemeinnütziges Wirken über* Haupt und kennzeichnet kurz ihr eigenartiges Wesen. Für die jüdische Gemeinde ist in der That der Verlust solcher Münller schwer 31t ersetzen, die wie Julius I. Meyer seit Jahrzehnten ihre ganze Zeit nnd ihren wohlthätigen Sinll, oder wie Siegmnnd Friedländer ihre Tüchtigkeit ulld ihre erfahrene Persönlichkeit in den Dienst der Gemeinde stellten. Das Kuratorium des Waisenhauses besteht gegenwärtig aus folgenden Mitgliedern: Geh. Kommerzienrath W. Herz als Vorsitzenden, Alwin Ball, Geh. Sanitätsrath Dr. M. Mareuse, Ernst Meyer, Rudolf Mosse lind Arthur Pri n s-Reichenheim. Die Wirksamkeit des Kuratoriums unterstützten die Ehrenmütter: Frau Mathilde Bereu dt, Kommerzienräthin Julie Gerson, Anna Meyer- Gerson, Caroline Meyer, Josephine Pr ins-Reichenheim, Anna Reichen heim, Kommerzienräthin Luise Speyer und Stadträthin Mathilde Wolfs. Die Einnahmen dieses Jahres beliefen sich auf 51233,40 M., wovon 22199,40 aus den Zinsen des Stiftungsfonds flosseli, der Rest alls einen! etntsmäßigen Zuschuß der jüdischen Gemeinde. Diese Summe wurde bis auf 810,92 M. verausgabt für die Verpflegung, Bekleidung, den Unterricht von durchschnittlich 73 Zöglingen und für die Verwaltungskosten des Waisenhauses. Aus den statistischen Angaben sei hervorgehoben, daß die Verpflegung pro Kops und Tag 51Vio Pf. gegen 497/io Pf. des Vorjahres kostete: wenn die Gesammtausgabeu des Waisenhauses auf die 73 Zöglinge vertheilt werden, so ergiebt sich als jährlicher Erziehungsaufwand für jedes Kind 709,20 M. gegen 704,97 M. im vorigen Jahre. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen. Nur ein Handfertigkeitsunterricht für größere Knaben, Gesang- und Turnunterricht wird in der Anstalt ertheilt. Dem Turnunterricht kommt eine in diesem Jahre neu erbaute Turnhalle zu statten. Durch j besondere Stiftungen, z. B. einen Fond für entlassene Zöglinge und einen erst im Entstehen begriffenen Ausstenerfond, kann das Waisenhaus auch für das fernere Wohl seiner Zöglinge sorgen. Der enge Zusammenhang zwischen den entlassenen Zöglingen und ihrer Erziehungsstütte wird unter anderem auch durch eine Vereinigung der früheren Zöglinge! gefördert. j # Berlin, 12. Mai. Am 16. d. M. feiert, wie wir bereits mitgetheilt, Herr Rabbiner Dr. I. Hildesheimer seinen siebzigsten Geburtstag. Umfassende Vorbereitungen find von den zahlreichen Freunden und Schülern des Jubilars getroffen worden, um diesen Ehrentag würdig zu feiern. Herr Rabbiner Dr. H. vertritt eine j der unserigen gerade entgegengesetzte religiöse Richtung. Dies soll uns j jedoch keineswegs abhalten, seine große Gelehrsamkeit, seine seltenen! Charaktereigenschaften, seinen bekannten Humanitätssinn und seine Verj dienste um die leidenden Inden an allen Orten und in allen Ländern! freudig anzuerkennen und dem Jubilar zu wünschen, daß es ihm noch! sehr lange beschieden sein möge, in voller Rüstigkeit und Geistesfrische j im Dienste der Humanität und Wissenschaft zu wirken! j * Berlin, 12. Mai. Zur Stichwahl im 32. Berliner Kommunalj Wahlbezirk, bei der Antisemit Dr. Bachler siegte, verlautet von einer amtlichen Wahlbeeinslussung im antisemitischen Sinne. Es bestätigte sich, daß Oberpostdirektor Schiffmann vor der Stichwahl vom antisemitischen Stadtverordneten Pretzel ausgesucht wurde, der zwar nicht von Herrn Schiffmann selbst, aber von dessen Vertreter empfangen ward. Was Herr Pretzel wünschte, war nach der Freis. Ztg. in einem Schreiben niedergelegt, welches ungefähr folgenden Wortlaut hatte: „Bei der am 15. April stattgehabten Wahl eines Stadtverordneten des 23. Kommunal-Wahlbezirks haben sehr wenige Postbeamte ihr Wahlrecht ansgeübt, so daß es dadurch vereitelt wurde, dem königstreuen Kandidaten der Bürgerpartei, dem rühmlichst bekannten Herrn Dr. Bachler, zum Siege zu verhelfen. Ich ersuche deshalb Ew. Hochwohlgeboren ergebenst, geneigtest veranlassen wollen, daß die in der Wählerliste verzeichneten Postbeamten der Postämter Nr. 37 und 54 (nach unserer Erkundigung handelt es sich auch noch um die Postämter 28 und 58) angewiesen werden, bei der Stichwahl am 6. Mai ihr Wahlrecht aus^ zuüben und für den Herrn Dr. Bachler zu stimmen. Eventuell bin ich i i Ji