Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 18 (16.5.1890)
- Date
- 1890-05-16
- Page
- Seite 260 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227844--47058-3268557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
260 Mein Weg führte mich in der nächsten Zeit noch manches Mal in das alte Hans im Getrndcnhvf; einmal in der bestimmten Absicht, der Line verdiente Vorwürfe zu machen. Einer meiner Freunde, dessen Ehe kinderlos geblieben war, wollte die kleine Golde zn sich nehmen; sic hatte cs ihm aber rundweg abgeschlagen, und er war sehr entrüstet über den Stolz dieser Person. „Es ist thöricht von Ihnen gewesen, so zu handeln/' sagte ich ihr, als ich sie allein traf, „Sie versündigen sich an dem Kinde." „Es wäre eine Sünde gewesen, Hütte ich's dem fremden Herrn mitgcgebcn. Wissen Sie, wie er zu mir kam? Lassen Sie mich das Kind einmal sehen, sagte er, wenn cs mir gefällt — wirklich ein schönes, niedliches Kind. Artig und folgsam ist sic doch auch, und auch gesund; weint sic leicht? Nein? Nun, dann will ich sie sofort mitnchme». Sic können sic gleich nach meiner Wohnung bringen; ihr Zeug lassen Sie nur hier. Ich machte ihm Vorstellungen, er solle sich die Sache erst reiflicher überlegen, ein Kind mache viel Last, ändere den ganzen Hausstand und außerdem, das Kind gehöre nicht mir, ich müsse doch auch zuvor den Vater fragen. Er aber wollte von alledem nichts hören. Entweder bringen Sie mir das Kind sogleich, oder gar nicht. — Durfte ich dem Manne das Kind anvcrtraucn? Warum ist seine Frau nicht gekommen? „Wenn mir das Kind gefällt" — und „entweder gleich oder gar nicht!" Als ob cs gälte, ein Geschäft abznschließen, als ob es eine Waare ivürc, die man für Geld verkaufen könne. Und wenn ihm das Kind nun nach einigen Tagen mißfallen; hatte? Wenn cs seine Ruhe gestört, gelärmt und geweint hätte, lvic! Kinder thnn? Wenn cs gar krank gcivorden wäre, krank, o, ich mag l gar nicht weiter denken!" „Gestehen Sic nur, Line, die Golde ist Ihnen besonders lieb." „Das ist sie, mehr als lieb, aber das war cs nicht, bei Gott, das war cs nicht!" In Erinnerung verloren senkte sie den Kopf und schloß die Angen. Nach einer Weile sagte sie: „Sie sind ein guter Mensch, der Rüben sagt'» mir jeden Tag. Sie sollen nicht schlecht von mir denken, aber j auch nicht besser als ich bin," und dann begann sie z» erzählen, halb-! laut, fast tonlos wie im Selbstgespräch: „Das Hänschen der Barachs stand neben dem nnsern in einem kleinen schlesischen Torfe, nicht weit von Breslau. Sic waren die einzigen Juden im Orte, aber es lag gar nichts Beleidigendes, eher eine gewisse Achtung darin, wenn die Bauer» von dem alten Rüben Barach sprachen und ihn „nnsern Juden" nannten. Mein Vater war Tischler, und wir hielten gute A'achbarschaft, auch dann noch, als des Paters Verdienst ins Wirthshaus wunderte, und wir immer ärmer und die Barachs immer reicher wurden. Wir hatten manches j Gute von ihnen, und als meine Mutter ihnen ain Sabbath und an! Festtagen alle die kleinen Dienste verrichtete, tvclchc die Inden selber! nicht thnn dürfen, da lebten wir nur von dem Hause. Tan» zogen j die Barachs fort nach Breslau. „Tic Kinder wachsen heran lind j müssen etwas lernen," sagten sie. Uns fehlte viel, fast Alles, als sie! fort waren. Einige Jahre darauf kam Frau Barach wieder nach! unser»! Torf, sie hatte auf dem Friedhofe der benachbarten jüdischen! Gemeinde das Grab/ ihrer Eltern besucht. Sie traf mich auf der > Straße. „Kind, wie siehst Tu aus," ries sie, „und wie groß Du j geworden bist! Wie gehts Deiner Mutter?"! „Die ist schon zwei Jahre todt."; „Und Tein Vater?" l „Der liegt iin Krankenhanse." l „Und Du?"! „Ich bin beim Niederhofbanern." j „Hättest Du keine Lust, zu mir zu kommen?" '„Zu Juden? Doch ja, wenn Ihr mich haben wollt?" „Wann kommst Tu aus der Schule?" „Nächsten Ostern, am weißen Sonntag werde ich konsirmirt." „Ich spreche noch mit Deinem Vormund, so lange inagst Du hier bleiben, aber dann laß ich Dich holen. Tu sollst cs gut bei mir haben, ich bin es Deiner armen Mutter schuldig." „Ist der Simon auch noch zu Hause?" „Gewiß. Denkst Tu noch an den? Dn wirst Dich wundern, was für ein großer schöner Junge er geworden und klug! Wäre cs nicht unser Einziger, er sollte stndiren." Nach Ostern kam ich zu Barachs. Sie mußten noch viel reicher geworden sein, sie bewohnten ein großes, schönes Hans. Ich hatte cs recht gut bei ihnen, aber ich fühlte inich doch nicht zufrieden. Nicht deshalb, weil die Töchter, die einst als Kinder mit mir gespielt hatten, so fremd und vornehm thaten, dafür war der Simon um so freundlicher und herziger; nein, ich kam mir so überflüssig in dem großen Hause vor. Es waren genug dienende Hände außer mir da, und >vas ich arbeitete, wäre auch leicht ohne mich geschehen. Das sollte sich aber nach einiger Zeit ändern. Es wurde ihnen noch ein kleines Mädchen geboren, und Frau Barach kränkelte von dein Tage ihrer Entbindung an. (Schluß folgt.) Litterarische Mittheilnngen. — EinHalbjahrhuudertinderisraelitischenReligiousgemeinde zu Dresden. Erlebtes und Erlesenes. 23cm (§11111 Lehmann. Mit den Portraits der Herren Dr. B. Beer, Dr. Z. Frankel und Dr. W. Landau. Dresden 1890. Das Schriftchen des rühmlichst bekannten Verfassers ist äußerst interessant und für die Geschichte der Dresdener Gemeinde sehr lehrreich. Dr. B. Beer, der darin geschildert wird, war ein eifriger Kenner und Förderer der jüdischen Literatur, dessen Bibliothek nach seinem am 1. Juli 1861 erfolgten Tode dem jüdisch-theologischen Seminar zufiel, lieber ihn schrieb Berthold Auerbach einmal: „Die Tugend, Freund zu sein, sich erfreuend am Leben der Anderen, wohnte Keinem mächtiger inne, als unserm Freunde Beer. — Es steht nicht leicht wieder einer auf Erden, dem das Jnnewerden jedes Guten, was den Sieg der Humanität bedeutet, so zum persönlichen Feste wurde, wie ihm, und der jedes Unschöne, Lieblose, Inhumane so als persönliche Kränkung empfand. Er hat das wahre Leben in Gott gelebt und seine Theilnahme war ein Segen für Jeden, der iürer unmittelbar theilhaftig werden konnte. — Zwei meiner besten Freunde treffe ich nun in Dresden nicht mehr; meine Freunde Rietschel und Beer, der eine ganz Ehrist, der andere ganz Jude, aber beide eingeborene Söhne des untheilbaren ewigen Gottes u. s. w." § Die jüdischen Feste und ihre Gebräuche. 1. Theil: Festcyclus. Kurz zusammengefaßt und für den Schulgebrauch bearbeitet von Max Ellgnther, Prediger in Neiße. (Neiße, bei I. Graveur. 67 S.) Durch den Gebrauch dieses übersichtlich nach Paragraphen geordneten Buches wird das zeitraubende und umständliche Diktat vermieden und die Gelegenheit zu mündlichen, näheren Erklärungen seitens des Lehrers gewonnen. Auch wird diesem Letzteren bei der allgemeinen Benutzung des Buches eine sichere Gewähr geboten, daß die Schüler sich auch wirklich mit dem Gegenstände ernstlich beschäftigen. Der thatsächliche Erfolg in Bezug auf das Erwerben von Kenntnissen seitens der Schüler ist vom Verfasser erprobt — und der Preis des Buches — 50 Pf. — ist ein so mäßiger, daß in dieser Beziehung nichts seiner allgemeinen Einführung eutgegensteht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin. j*