Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 18 (16.5.1890)
- Date
- 1890-05-16
- Page
- Seite 259 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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259 ja unerhört, daß eine Christin für jüdische Kinder sorgen muß, aber sie thut's so gern und so gut! Wenn sie nur zugäbe, daß ich Alarm schlüge und ihr Hilfe verschaffte, ich selber kann ja nicht viel thun. Sie sehen ja", und damit wies sie auf die ärmliche Einrichtung ihres Zimmers hin, das zugleich Wohn- und Schlafgemach war. „Ja, lieber Herr," fuhr sie dann in eifriger Rede fort, „früher haben wir auch besser gewohnt, 500 Mark Miethe haben wir gegeben; aber jetzt, die Zeiten sind schlecht, mehr als 800 Mark dürfen wir für eine Wohnung nicht anwenden." Dreihundert Mark! Die arme Alte, sie hatte mindestens um zwei Drittel den Preis zu hoch angegeben. Sie wollte mir noch viel von ihrem ehemaligen Wohlstand erzählen; ich unterbrach sic jedoch und fragte: „Könnte ich nun die Line wohl sprechen?" „Gewiß, kommen Sie nur!" Sie führte mich durch mehrere schmale Gänge, klopfte an eine niedrige Thür und rief, sie zugleich öffnend: „Hier, Line, ist ein guter fremder Herr, der Sie sprechen will." Ich trat ein und war bei dem ersten Blick angenehm überrascht. Ein kleines, sehr kleines, aber freundlich reines Zimmer umfing inich. Trotz des matten Dämmerlichts sah ich sofort, wie kraftvoll hier die Dürftigkeit ihren gewöhnlichen, widerlichen Bundesgenossen, den Schmutz, von sich zurückgewiesen. In einem kleinen Kochofen prasselte ein lustiges Feuer. Neben demselben spielte auf einem Stuhl ein kleines vierjähriges Mädchen mit einer Art Puppe, und dahinter saß auf einem Koffer, dicht an dem einzigen Fenster des Raumes, eine Frau mit Nähen beschäftigt. Sie stand aus, konnte sich mir aber nicht ganz nähern, denn der Ofen, der Stuhl und der Tisch, in eine Reihe gestellt, bildeten eine Art Barrikade. „Darf ich fragen, was der Herr hier will?" Es lag etwas so Abweisendes, Stolzes in dem Ton, daß ich mir fast wie ein Eindringling vorkam und verlegen nach einer Entjchuldigung suchte. „Der Knabe, wie heißt er doch? Der Rüben, war heute Morgen bei mir und fragte um eine Stelle als —" „Ach, entschuldigen Sie, guter Herr, er hat mir davon erzählt. Setzen Sie sich doch. Ja, wenn Sie so freundlich wären, ihn anzunehmen, Sie können sich auf ihn verlassen, er ist ein braver Junge." „Und ist es wahr, was er mir von seiner Geschäftsübertragung an den Bruder erzählt? „Gewiß. Sie glauben kaum, wie lieb die Kinder einander haben." „Wie viele sind ihrer?" „Vier." „Und in diesem kleinen Zimmer! Am Ende ist es gar Ihr einziges?" „Es ist unser einziges, Wohnstube und Kammer, Küche und Keller zugleich. Hier in diesem Koffer liegen unsere Betten." Die Thür ging aus, ein kleines Mädchen trat ein, eine Diite in der Hand tragend. Bei dem Anblick des fremden Mannes hielt es sie schnell hinter sich. „Darfst sic getrost zeigen, Hanna. Sie hat für einige Pfennige Aepfel geholt, es ist ja heute Freitag Abend, da muß es doch etwas Besonderes geben." Ich sah sie verdutzt an. „Das ist unsere Aelteste," lenkte sic ab, „die muß mir schon tüchtig in der Wirthschaft Helsen. Und dies hier, das ist unsere Jüngste, unsere Golde, die muß mit mir spielen und singen und lachen." Und sie küßte das kleine, holde Geschöpf, das vor ihr auf der Erde saß, jo innig, so glücklich, wie nur eine Mutter küssen kann. „Wo sind die Knaben?" „Die sind schon zur Synagoge. Es ist zwar noch etwas zu früh,! aber ich gönne ihnen gern, daß sic vorher noch ein Biertelstündchen! spielen." Ich schwieg. Sic merkte, daß ich sic etwas fragen wollte, was nicht für das Ohr der Kinder bestimmt war, und sagte: 1 „Kinder, geht ein Weilchen auf den Flur!" Als die Kleinen hinausgegangen, zündete sic ein Licht au, und erst jetzt gewahrte ich, daß aus dem vergrämten Gesicht noch hell die; Spuren früherer Schönheit leuchteten.! „Ich weiß nicht, wie ich Sie nennen soll, aber „Line, Line — man hat mich nie anders genannt." „Also Line, verzeihen Sic mir die Frage: Sind die Kinder i Ihnen verwandt?" „Nicht im Geringsten," gab' sic unbefangen zurück. „Sie sind ja! Juden, und ich bin eine Christin, eine gute Christin." j „lind wer hat Ihnen diese schwere Pflicht auserlegt?"! „Es sind die Enkelkinder meiner früheren Herrschaft, die mir! viel Gutes gethan. Der Vater war fort, die Mutter stand allein: l sie starb, und ich blieb bei den Kindern, das ist Alles." „lind ist Niemand, der Ihnen hilft?"! „Niemand, und es soll auch Niemand, so lange es eben angeht." j „Wissen Sie auch, Line, daß Sie ein großes Unrecht begehen?"! Sie sah mich erschreckt an. „Um Gotteswillen, nehmen Sic mir i die Kinder nicht fort! Ich verstehe Sie," setzte sie dann nach einer! Weile ruhiger hinzu, „Sie wollen sagen, daß eine Christin kein jüdisches Kind erziehen kann. Aber seien Sic unbesorgt, ich habe lange genug bei Juden gewohnt, um alle ihre Gebräuche und Sitten zu kennen. Die Kinder essen nur Speisen, die ihnen erlaubt sind; die Knaben gehen „zur Synagoge, jeden Morgen und jeden Abend, und sagen ihrer Mutter den Kaddisch nach, wie sich's gehört." „Das war's nicht, was ich meinte, Line. Aber Sie begehen ein Unrecht, daß Sie nicht Sorge tragen, daß ihre Glaubensgenossen sich der armen Waisen annehmen, die jetzt vielleicht darben und entbehren müssen. Sie begehen ein Unrecht an sich selber, daß Sie den Kindern! Ihr Hab und Gut und vielleicht auch Ihre Gesundheit opfern." j „Was ich thuc, ist mein Glück. Den Kindern hat es bis jetzt j an nichts gefehlt; sic sind warm gekleidet unb essen satt. Ist es j nicht besser, daß sie arbeiten, als daß sie betteln gehen? Sic sollen j sich nichts schenken lassen, damit beginnt das ilnglück. Wenn ich j sehe, daß es gar nicht mehr geht, dann will ich betteln, ich, aber j nicht die Kinder." I Die Kleinen draußen wurden ungeduldig. Sic öffnete die Thür > und ließ sie herein. - „Schicken Sic mir morgen den Rüben," sagte ich, „nein, morgen j nicht, auch Sonntag nicht, schicken Sie ihn Montag um drei zu mir, ich hoffe, Sic bald wieder zu sehen." Ich legte ein Geldstück auf den Tisch, und als sie mich bittend ansah, sagte ich: „Seien Sic unbesorgt, es ist kein Geschenk, es ist nur Rubens Wochenlohn. Ich möchte mir den Jungen dadurch sichern." „Danke, danke, mein Herr!" Golde küßte mir die Hand. Als ich die Treppen hinabgestiegen und ans den Hof gekommen war, blickte ich mich noch einmal um. Wie so ganz anders sah das Haus aus! Wie traulich blickten diese alten Balken drein, wie ehrwürdig diese morschen, runzeligen Wände. Und wahrhaftig! Dort oben am Giebel glühte ein goldener Sonnenstrahl! Ein Klang, den ich erst heute vernommen, summte mir in den Ohren, und es war, als raunten ihn all' die Ecken und Winkel, die Thüren und Fenster des Hauses fröhlich wieder: Das — das ist unsere Line!