Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 18 (16.5.1890)
- Date
- 1890-05-16
- Page
- Seite 258 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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258 hantelt darin unterdrückt werden und statt der Ort- und Personenbezeichnungen N. N. darin auftreten, hat man sic übersehen zu dürfen gemeint. Aber es sind eben auch historische Aktenstücke, Briefe, die nicht als Muster, sondern bei wichtigen geschichtlichen Veranlassungen geschrieben wurde», darin ausgenommen und so vor dem Untergänge an einem Orte geborgen, wo Niemand sic suchen würde. Speziell die Geschichte der Juden in Italien, die politische nicht minder als die Kulturgeschichte, wird noch ans diesen Quellen ungeahnte Bereicherung erfahren. Neben der Litteratur der Response», in der man langst bereits eine aufschlußreiche Fundgrube jüdischer Geschichte erkannt hat. eröffnet sich in der harmloseren, unscheinbaren Gattung der Episteln ein Acker, der noch reiche geschichtliche Ernte verspricht. Tie kleine Gemeinde Eori, die durch dieses handschriftliche Denkmal wohl znm ersten Male in das Licht der Geschichte tritt, erscheint uns darin zugleich kulturgeschichtlich vortheilhaft beleuchtet. So klein und weltverloren war eben in Italien keine jüdische Gemeinde, als das; nicht ein Schimmer, ich möchte sagen, hebräisch-humanistischer Bildung sie umglänzen würde. So schadhaft auch an manchen Stellen der Brief aus Eori überliefert scheint, so zeigt er doch, wie selbst in Winkelgemeinden die Tradition eines blühenden hebräischen Ausdrucks sich erhalten hat und die Kunst des Briefstils von Jahrhundert sich auf Jahrhundert vererbte. Der Rabbiner Galliko hat den Brief nicht abgefaßt; es hat also auch neben ihm Jemand gegeben, einen Gemcindesekretür oder einen Privaten, der in allen Künsten eines anspielungsreichen Hebräisch erfahren war.ff Feuilleton. Nur eine Magd. Von I. L ö w e n b e r g. „Ich wollte —- ich wollte Sie fragen, ob Sie mich nicht als Laufbursche gebrauchen könnten." „Nein!" „O weh!" Ich war gerade aus meinem Komptoir getreten und blickte bei den» scharfen Ostwind, den Kopf an die Schultern gezogen, vor mich hi». Ter kurze Klageruf, nur halblaut hingehaucht, ließ mich »ach dem Sprecher umsehen. Ein etwa zwölfjähriger Knabe stand an der Hausthür. Er hatte die Hand an die Stirn gelegt, als sinne er nach: Was nun beginnen? Die großen dunklen Augen schienen dadurch noch tiefer in den bleichen Höhlen zu liegen, der fest zusammengepreßte Mund unterdrückte offenbar ein Schluchzen. Und doch war der Knabe so gut und warm gekleidet, daß er schwerlich augenblickliche Roth litt. Ich trat die wenigen Schritte wieder zurück. „Du wolltest als Laufbursche bei mir eintreten?" Er gab keine Antwort. „Wer hat Dich hergesandt?" „Unsere Nachbarin, die alte Hendel." „Und weshalb zu mir?" „Ich weiß es nicht. Ich bin schon eine ganze Woche am Suchen, da hat sie gesagt, ich sollte einmal bei Ihnen anfragcn." Er hielt einen Augenblick imte und fuhr daun in einem stolzen, selbstbewußten Ton fi rt: l) Die hebräische Quelle, aus der diese Angaben geichöpft sind, enthält mein Aufsatz über dieses Thema inTlie JewisliQuarterly Vol. II., 305—310. „O, ich hält' es zwar gar nicht nöthig gehabt, so herumzusuchen, ich hatte einen ganz guten Posten bei Evers, dem Milchmann; zwei Mark fünfzig Pfennig Hab' ich die Woche verdient. Nun sind aber > die Kohlen so theuer geworden, und unsre Line hat all' ihre guten! Sachen versetzt —" I Er stockte und sah mich mit einem fragenden Blick an, ob sein! Gespräch mich auch nicht langweile.! „Erzähle nur weiter, mein Junge, aber komm, tritt ins Haus." j „Nun?" | „Als unsre Line nicht mehr allein fertig werden konnte, da sagte! Meier, das ist mein Bruder, zu mir: Du, Rüben, Du könntest mir! gut Deinen Posten abtreten, den kann ich auch versorgen, und Tu bist groß und stark, Tu kannst Dir leicht einen andern suchen. Ta Hab' ich ihn ihm überlassen, und nun lause ich schon acht Tage umher und verdiene nichts mehr."! „Und Deine Eltern? Tein Vater, Deine Mutter?"! „Die Mutter ist tobt, und der Vater ist in Amerika. Wenn er; reich geworden, holt er uns."! „Und bei wem lebt Ihr jetzt?" „Sagt' ich's nicht schon? Bei unsrer Line." „Wer ist das?" „Das, — das ist unsre Line." , „Eine Verwandte?" „Verwandt ist sic wohl nicht, sic ist ja eine Ehristin." „Gehst Du noch zur Schule?" „Gewiß, aber jeden Nachmittag von zwei an bin ich frei." „Ich kann Dich vielleicht gebrauchen, wahrscheinlich sogar. Tu; brauchst Dich nicht weiter lim eine Stelle zu bemühen, hörst Du?! Wo wohnt ihr?" „Bei der Scharstraße, durch den Klempnergang im Gertrudenhof, zweites Haus rechts, vierte Etage." „Ich werde Dir bald Bescheid schicken. Ans Wiedersehen, mein Junge!" . * *! *; Noch am selben Nachmittag führte mich mein Weg in die Nähe der Scharstraße. Ich schritt in dieselbe hinein, ging in den Klempnergang und gelangte von da durch einen dunklen überwölbten Thorweg auf beit Gertrudenhof. Draußen war noch lichter Tag, aber hier herrschte eine dumpfe, bange Dämmerung. Zweites Haus rechts. Kaum war der sogenannte Hof breit genug, daß ich in bequemem i Abstand die hohen, düstergrauen Wände hinaufblicken tonnte. Fenster j reihte sich an Fenster, als ob sie das fehlende Licht ersetzen könnten, i und doch stand Alles so starr und kalt da, so ärmlich und verfallen, i und wiederum so finster und trotzig, daß es mich fast wie Bangen! und Scham überkam, so gut gekleidet zu sein. Dennoch schritt ich! getrost die Sahltreppc hinauf. Nichts regte sich in dem alten dunklen j Hanse. Auf dem Flur des vierten Stockwerks blieb ich stehen. Ver-! schiedenc Thüren und Gänge mündeten auf denselben, aber ich wagte j nicht, weiter zu gehen, so dunkel war es. Ich stieß mit dem Stock! inehrere Mal auf den Boden, und die nächste Thür öffnete sich. Eine alte, wohlbeleibte, freundlich blickende Jüdin trat mir entgegen. „Der Herr wünschen?" „Ich wollte, — wohnt hier nicht eine gewisse Line?" „Der Herr kommen zu helfen? Der Herr verdienen wahrhaftig eine» Gotteslohn. Tic arme Magd mit den vier Kindern! Kommen Sic," sagte sie in leiserm Ton, als befürchte sie, gehört zu werden, j und trat dabei in die Stube zurück, „sie darf's nicht wissen, daß man ihr helfen will, denn sonst ist Alles umsonst. Gut ist sie, herzensgut, aber auch furchtbar stolz, wie alle die Christen. Wenn ich den Kindern einen Bissen zustecken will, muß ich es schon heimlich thun. Es ist