Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-16 · Heft 18 (16.5.1890) · p. Seite 257

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 18 (16.5.1890)
Date
1890-05-16
Page
Seite 257 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227844--47055-3268554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

257 Die jüdischen Zeitgenossen Don Josephs wußten es besser, was cs mit dieser Gründung auf sich habe; die kleine Gemeinde in Cori hat uns über seine wahren Absichten die schätzbarste Aufklärung hinterlassen. Sultan Soliman ist nicht von selber auf das abenteuerliche Geschenk für seinen Liebling verfallen. Offenbar muß es ihm Don Joseph nahegelegt haben, daß er auf den Besitz dieser verfallenen Trümmer Gewicht lege. Im Kreise seiner Rabbiner, der Talmudisten und Kabbalisten in seinein Diwan, muß er die alten Traditionen veriiommen haben, die an den Aufbau der Trümmer am Tiberiassee die Hoffnung der Aufrichtung Palästinas anknüpften. Wir verstehen jetzt mit einem Schlage den Widerstand der arabischen Bevölkerung gegen diese scheinbar so gleichgiltige Erbauung, die fanatisirendcn Reden des alten Scherif, der, auf ein altes Orakel gestützt, seinen Gläubigen vorpredigte, der Islam müsse zusannnenbrechen wenn Liberias erbaut werden würde, die Gewaltmaßregeln, die der Pascha von Damaskus anwenden mußte, um die Leute zur Arbeit zu zwingen, die erst nach der Hinrichtung zweier Rädelsführer zur Mithilfe an dem Werke sich bereit finden ließen. Die Araber hatten zu oft von den Juden gehört, was Liberias für sie bedeute, als daß sie sich willig zu seiner Aufrichtung hätten hergeben mögen. Es war also in seinen Ursprüngen ein religiöser Gedanke, der Don Joseph dazu bewog, sich Liberias von Soliman zu erbitten und diese Schenkung durch allerlei Kautelen sicher zu stellen. Aber das, lvas für die Anderen eine schwärmerische Hoffnung begründete, ward für den weltkundigen Diplomaten ein praktischer Plan. Mögen die Buchstabengläubigen über das Ereignis; wie über ein Vorzeichen des Messias immerhin schwärmerisch jubilirt haben, Don Joseph wollte nur eine vorwiegend nützliche, rettende That dadurch begründen und im heiligen Lande an einem von der Tradition geweihten und bevorzugten Schlüsselpunkte eine Kolonie anlegen, welche die jüdischen Flüchtlinge der Diaspora mit Begeisterung aufsuchen würden. Besonders mag er bei seinem Entschlüsse die unglücklichen Glaubensgenossen von Italien im Auge gehabt haben, auf dessen Boden er ja die Unduldsamkeit und ihre Schrecken in seiner eigenen Person hatte kennen lernen. Hatte er doch an dem Schicksale der Marannen von Ancona den lebhaftesten Antheil genommen und vergeblich freilich seinen ganzen Einfluß dafür eingesetzt, daß der Handel dem Hafen von Pesaro ausschließlich sich zuwende, um Paul IV. und das durch Autodafe's versündigte Ancona zu strafen I Er war von seinem Aufenthalte im Lande her mit den Juden Italiens in reger Verbindung, alle ihre Leiden drangen an sein Ohr, die Geschichte ihrer Bedrückungen war ihm durch zahlreiche Berichte in allen ihren leidenreichen Einzelheiten gegenwärtig. dafür gesorgt, daß die Botschaft von der Aufrichtung der neuen Stadt am Tiberiassee nach Italien gelange. In den Hafenplätzcn von Venedig und Ancona waren Schiffe bereit und Geldmittel angewiesen, um die Auswanderer nach der nezicn Hcimath zu bringen. Jüdische Handwerker, denen der Erwerb auf Italienischem Boden abgcschnitten worden war, sollten herbeieilen und die Kolonisation von Liberias und seiner Umgebung fördern helfen. Besonders hatte er es auf die Schöpfung einer jüdischen Industrie abgesehen; Seidenspinnereien und Tuchfabriken nach dem Muster der venezianischen j sollten im heiligen Lande durch den Gewerbefleiß jüdischer Kolonisten j sich erheben. Maulbeerbäume wurden angepflanzt, um die Nahrung j für den Seidenwurm herbcizuschaffeu, und Wolle, wie Josef Hacohen ■) j uns überliefert hat, aus Spanien importirt, um die Tuchfabrikation zu eröffnen. 1) D. Kaufmann in Revue des etudes juives XVI, 61—72. 2) Emek Habaca p. 129; Wiener p. 305. Voll Warme griffen die italienischen Gemeinden, die nicht unmittelbar unter dem Joche der Papstherrschaft schmachteten, diese Botschaft im Interesse ihrer unglücklicheren Brüder aus dem Kirchenstaate auf. Sic waren entschlossen, auch aus ihren eigenen Mitteln die Auswanderung zu fördern. Tic Bewegung ergriff immer weitere Kreise, aus den italienischen Häfen hatten zahlreiche jüdische Familien nach dem gelobten Lande sich cingcschifft. In diesem Stadium war auch die Botschaft zu den Unglücklichen von Cori gedrungen, die nicht säumten, dem Rufe, den ihr Ohr so unerwartet vernommen hatte, rasch zu folgen. Die Gemeinde versammelte sich in der Synagoge, wo unter dem Vorsitze ihres Rabbiners und Führers R. Maleachi Galliko aus Neppi der einstimmige Beschluß gefaßt wurde, nach Liberias nuszuwandern. Bier Familienoberhäupter von den Angesehensten der Gemeinde wurden dazu erwählt, die Führung der Auswanderer zu übernehmen. Zwei von ihnen, Michael b. Aron und Josef b. Menachein sollten bis Venedig voranreisen und die öffentliche Wohlthätigkeit ihrer Glaubcnsbrüder wachrufen, um die nöthigen Reisemittel der armen Gemeinde ,;u beschaffen. Zu diesem Zwecke wurde ihnen eine mit dem Gemeindesiegcl versehene Abschrift dieses Beschlusses und ein amtliches Sannnclbuch mitgcgeben, in das die cinflicßendcn Gaben verzeichnet werden sollten. Eine genaue Statistik der Gemeinde Cori nebst einer Verherrlichung von Liberias und seiner Bedeutung waren dem Buche beigegeben. Um aber diesen ihren Sendboten die Wege zu ebnen und eine noch größere Vertrauenswürdigkeit zu sichern, bestimmte die Gemeinde auch ihren Rabbiner Galliko dazu, den Beiden sich anzuschlicßeu. Wir können die Sendlingc auch noch eine Weile auf ihrem dornenvollen Wege begleiten. Mit Briefen mehrerer italienischer Gemeinden, besonders aus dem Römischen, waren die drei Männer nach Ancona gekommen. Geschwächt, wie diese Gemeinde war, hart durch die Armuth und Noth iu ihrer eigenen Mitte in Anspruch genommen, säumte sic dennoch nicht, den Fremdlingen zu Hilfe zu kommen, zumal die beiden Männer, die mit dem Rabbiner gekommen waren, mehreren Gemeindcmitgliedern von Ancona als ehrbare und zuverlässige Personen von früher her bekannt waren. So entschloß sich denn Ancona, außer der Unterstützung der Gemeinde und Einzelner an dem Hilfswerkc, auch noch eine» Empfehlungsbrief an weitere Gemeinden den Sammelnden mitzugeben. Vielleicht gelingt cs auf Grund neuer handschriftlicher Funde,! das Schicksal von A'cutibccias und den Erfolg seiner Kolonie zu erfahren, die in de»; Bilde Ton Joseph Naßi's einen wichtigen Zug Dein Erforscher der jüdischen Geschichte reißt der Faden oft gerade da ab, wo er ihn am liebsten weiter spinnen möchte. Das Material, das ich gefunden habe, reicht eben nur so weit, um meine Darstellung zu bcgriinden. Sic darüber hinaus führen zu wollen, wäre Dichtung und Phantasie, nicht Historie. Und so mögen denn jetzt die zwei Briefe hier Erwähnung finden, in deren hebräischen; Wortlaute ich den Stoff dieser Arbeit gefunden habe. Merkwürdig, ivie die jüdische Geschichte selber, ist eben auch die Beschaffenheit ihrer Quellen. In einem Briefsteller, der in die Elcgantien des hebräischen Briefstils einzuführen bestinnnt ist, den die italienischen Juden allezeit mit besonderer Vorliebe pflegten, einer Handschrift des 10. Jahrhunderts in meinem Besitze, habe ich unter Nr. 167—108 die beiden Briefe der Gemeinde Cori und Ancona gefunden. Es ist eine reiche Litteraturgattung, die der hebräischen Musterbriefsammlungen. In jeder größeren hebräischen Hcmdschriftcnsammlung kann man ihnen begegnen. Aber man hat ihnen noch nicht die genügende Aufmerksanikeit zugcwcndet. Die jüdische Geschichte hat noch reiche Frucht davon zu erwarten. Weil gewöhnlich! Darum hatte er auch vor Allen;! bildet

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.