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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-16 · Heft 18 (16.5.1890) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 18 (16.5.1890)
Date
1890-05-16
Page
Seite 256 (sequence 8)
Language
German
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- 256 lebten von ihrer Hände Werk, in tiefstem Frieden, ja in Freundschaft mit ihrer christlichen Umgebung, in ihrer freien Religionsübung unbehindert, mit allen Institutionen eines jüdischen Gemeindewesens ansgestattet. Sie hatten selbst einen Rabbiner, Maleachi Galliko, der zugleich ihr Arzt und Lehrer war. Rabbiner, Prediger, Lehrer und sogar Gemeindesekretür waren in den italienischen Gemeinden damals eben nicht selten in einer Person vereinigt, st Aber am! 13. Mai 1555 war in Paul IV. Earaffa ein Papst zur Regierung j gekommen, der für die Inden im Kirchenstaate und weit umher in j christlichen Landen ein Erdbeben heraufsührte. Wie Erdstöße, die! alle Häuser zum Bersten bringen, hatten seine Bullen die jüdischen | Gemeinden seines Reiches erschüttert. Tie Härte der Gesetze wurde j nur von der Grausamkeit der Vollstrecker übertroffen; die geistlichen Kommissäre, die im Lande umherzogen, verbreiteten Schrecken und! Entsetzen; sie konfiszirten die Güter der Inden, verhängten Todes-! urtheile und schickten die Verschonten ans die Galeeren. Das gute i Einvernehmen der Bevölkerung wurde auf einmal zerstört, der Verkehr 1 zwischen Ehristen und Juden auf das Strengste verboten. Die jüdischen Bewohner sahen sich ans einmal brodlos, mn den Ertverb gebracht. Umsonst war der milde Pius kV. auf den Haman Paul IV.! gefolgt; die Wunden, die seine eiserne Hand geschlagen hatte, konnten; in den wenigen Jahren seines menschlicheren Nachfolgers nicht heilen.! Was hätte aber auch der kurze Stillstand frommen können, da nur! zu bald die Schreckensherrschaft Caraffa's in Pius V. einen Fort-! setzer fand, der es auf den Untergang seiner jüdischen Unterthanen i abgesehen haben mußte. Steinerne Mauern erhoben sich in allen j Orten, wo Juden wohnten, um ihre Quartiere wie Pestherde abi znschließen; das Ghetto war zur Epidemie getvorden. Ter Handel ward den Juden aus der Hand genommen; sie sollten sehen, ob sie von alten Kleidern leben können oder — gar nicht leben. Tie Bullen Pauls IV. wurden von Neuem ins Leben gerufen und »och verschärft. Tie Ehristen fürchteten, einem Inden einen Vortheil zukominen zu lassen oder freundlich zu begegnen. Um dem unerträglichen Truck zu entrinnen, warfen Viele den Glauben von sich; ganze Familien fielen zum Ehristenthume ab. In dem allgemeinen Abfalle war das Ausharren bei dem Glauben noch schwerer geworden; warum konnten die Treubleibenden nicht dasselbe wie die klebrigen thun? Tie Glaubenstreue galt als Trotz, das Dulden als Widersetzlichkeit. Wo das Recht in einem Lande verfällt, da müssen bald auch die Sitten verwildern; der Haß des Gesetzgebers entfesselt die Schrankenlosigkeit des Pöbels. Was kann das Leben eines Juden werth sein, wenn das Oberhaupt der Kirche seine Verfolgung wie ein gottgefälliges Werk betreibt Was sollte ans dem armen Häuflein von Eori werden, wenn eine Stütze nach der anderen zusammenbrach, der Erwerb immer schmäler, die Erpressung immer größer wurde. Jetzt sollte ihnen auch noch der letzte Trost, wenn sie ihn überhaupt noch gehabt hatten, geraubt tverden, der Glaube, daß ihr Leben wenigstens von den Behörden geschützt sei. Ein achtbares Mitglied der Gemeinde, Namens Abraham b. Bezalel, war in Geschäften, die er im Gebiete von Rour hatte, auf die Reise gegangen und unterwegs in einem Hause, in das er einkehrte, ermordet worden. Als die Gemeinde von Eori den Unglücklichen zu suchen auszog, fand sie nur seine Gebeine. Der Wirth der den Mord begangen hatte, ward von der Kurie, der er zur Verurtheilung eingeliefert worden war, wieder freigelassen. Die Juden im Kirchenstaate waren also vogelfrei erklärt; der Mörder eines Juden ging straflos ans. In dieser aufs Höchste gestiegenen Roth erscholl in der kleinen Gemeinde der Campagna ein Erlösungsruf, der aller Verzweiflung ) R. Meir Katzenellenbogen's Response» Nr. 40. ein nahes Ende zu verheißen schien. Während sie von allen Schrecken der messianischen Zeit ohne einen Messias umdrängt waren, kam aus dem fernen Osten die Kunde von der unerhörten Auszeichnung, die ein Jude am Hofe Sultan Solimans gefunden hatte, und von der Liebe, mit der er seiner unglücklichen Brüder im Westen gedacht habe. Juan Migues, der Marrane, oder Ton Joseph Naßi, wie er als Jude sich nannte, hatte von seinem Herrn, dem gewaltigen Sultan Soliman, die Trümmer von Liberias und sieben Ortschaften in der Runde zum Geschenk erhalten. Drei Generationen von Sultanen, Soliman, sein Sohn Selim und dessen Sohn Murad, Unterzeichneten die Schenkungsurkunde'), der dadurch die höchste Sanktion und Tauer verliehen werden sollte. An die Pascha's von Damaskus und Safed erging die Aufforderung, Ton Joseph beim Aufbau von Tiberias alle mögliche Förderung durch Beistellruig von Maurern und Arbeitskräften angedeihen zu lassen. Don Joseph war dnrch seine diplomatische Bielgeschäftigkeit bei der hohen Pforte viel zn sehr in Anspruch genommen, als daß er selbst auf den Schauplatz von Tiberias hätte eilen und den Wiederaufbau der Stadt persönlich hätte leiten können. Er sandte seinen Bevollmächtigten Joseph Jbn Adret -) um den Bau zu leiten und zu Ende zu führen. Ihn Monat des Ehanukawnnders, im Kislew 5525, hatte Tiberias einem Phönix gleich sich aus seinen Trümmern erhoben. Aber was wollte Ton Joseph mit dieser Städtegründung? Wenn wir dem französischen Gesandten") jenerTage glauben wollten, so hättenwir darin den Beginn seines Planes, König der Juden zu werden, zu erblicken. Selbst GrützJ hat sich diesem Urtheil angeschlossen und bringt die Gründung von Neutiberias mit Josephs Absicht in Verbindung, einen jüdischen Staat aufzurichten. Aber nichts in Josephs Charakter und Lebenslaufe berechtigt uns, in ihm einen utopistischen Träumer und Schwärmer zu vermuthen. Von Anfang bis zu Ende erweist er sich zielbetvußt, nüchtern, verständig, diplomatisch berechnend, in allen Listen und Krümmen des Hoflebens und des Weltlaufes wohl erfahren, von praktischen Ambitionen beherrscht, nach weltlichen Erfolgen und Machtstellnngen lüstern. Man hat sich bisher darauf berufen, und auch Grütz hat es gethan, daß er schon bei seinem Aufenthalte in Venedig vom Senate eine Insel für die Juden verlangt habe, die ihm freilich verweigert worden sei. Aber nichts kann weniger für den angeblichen Staat, den Joseph geträumt habe, beweisen, als diese venetianische Unterhandlung. Man hat die Bitte Josephs völlig mißverstanden. Ich werde zeigen, daß um 1550 die Marranen aus Venedig verjagt wurden, Joseph selber ist, wie wir wissen, von demselben Schicksal ereilt worden und scheint die Ausweisnngsordre des Senates Zeit seines Lebens ausbewahrt zu haben/') In jener Zeit dürfte er mit dem Senate über die Zuweisung einer der Inseln in den Lagunen Venedigs zn einein Ghetto, das heißt zn einem Quartier für die Juden, in Unterhandlung getreten sein. Weit entfernt, hochfliegende Träumereien mit dieser seiner Forderung zu verbinden, war er von ebenso demüthigen, als praktischen Gesichtspunkten dabei geleitet. Machte er doch auch gar keine Miene, Konstantinopel zn verlassen und sein Neutiberias aufzusuchen, wie er es doch wohl hätte thun müssen, wenn ihn wirklich die geheime Absicht geleitet Hütte, von dieser Herrschaft aus seinen Siegeszug über die jüdische Welt anzutreten. 0 Joseph Haeohen, Emek Habaea ed. Lclleris p. 127 ff., Al. Wiener p. 104 f., Al. A. Levy, Don Joseph Rast p. 20 und 66. -) et'. I. Loeb Revue des etudes juivos IV, 67. :!) M. A. Levy a. a. O. '> IX., 424 n. 1. ch So verstehe ich die Worte Bonvizzo's bei Levy i>. 45: venne in proposito de] hando che ha da queslo excellentissimo slato. j

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