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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-09 · Heft 17 (9.5.1890) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 17 (9.5.1890)
Date
1890-05-09
Page
Seite 247 (sequence 11)
Language
German
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247 meine Kleider", so haben wir es hier keineswegs etwa mit der Gefallsacht oder der Prachtliebe zu thun, sondern mit dem Bestreben, die Würde des Menschen überall und unter allen Umständen zu wahren j und den Anstand nirgends und niemals zu verletzen.? Noch mehr läßt sich dieses Bestreben aus dem Umstande nach-! weisen, daß es den Gelehrten und Weisen in Israel ihren Stand j nicht zu entehren durch das Anlegen defekter Kleider. Es wurde den : Weisen als Kardinalfehler angerechnet, in unreinlichen Gewändern | oder mangelhafter Fußbekleidung zu erscheinen. Ja, während bei den! Griechen vorzugsweise Gelehrte und Weise geflissentlich mangelhafte j Kleidung trugen und sogar noch in unserer Zeit mancher Gelehrte! es als einen gewissen Borzug oder als Borrecht des Gelehrtenstaudes betrachtet, „nicht viel auf Kleidung zu halten", war im Judenthuine! eine sorgfältige Kleidung ein Hauptmerkmal, an welchen: man den i Gelehrten erkennen konnte. Nach dem Gesagten könnte es aber sehr leicht zu der irrigen Annahme führen, daß die Hebräer nur rücksichtlich ihrer Kleidung; den Anstand zu wahren bemüht waren, daß sie dagegcir auf jedem 1 anderen Gebiete des privaten oder gesellschaftlichen Lebens keine Regeln des Anstandes beobachteten. Dem ist aber nicht so. Vergegenwärtigen lvir uns — um nur Einiges anzuführe» —: den biblischen Ausspruch: „Bor einem greisen Haupte sollst du dich , erheben und das Ansehen des Alten in Ehren halten"; ziehen wir ferner in Betracht, daß der iin siebenten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebende Jesaja klagt: „Wehe, das; sie sich klug dünken,! wenn vor ihnen Verständige"; erinnern wir uns auch der herrlich i schönen Schilderung, in der der Verfasser des Buches Hiob seinen j Helden über sein Mißgeschick klagen läßt nnt den Worten: „O, daß j es mir gelingen wollte, das zu sein, was ich ehedem gewesen, in den j Tagen, da Gott mich noch behütet hat, da die Strahlen seiner! Gnade mich noch umgaben und ich selbst in tiefster Dunkelheit noch , ivaudeln durfte in seiner Huld! Denn damals — wenn ich hinging \ zur Stätte der Berathung, auf freiem, öffentlichem Platze meinen Sitz i eiunahm — die jungen Leute, die mich sahen, sie zogen sich vor mir zurück und die Alten erhoben sich von ihren Sitzen und blieben stehen > vor mir. Ja, selbst Fürsten hielten in ihrer Rede inne, wenn sie mich; gewahrten und legten sich Schweigen auf, so oft sie meiner ansichtig wurden" — so werden wir es gewiß keinen Augenblick bezweifeln, daß die Hebräer strenge Regeln des Anstandes hatten. Ich kann es mir nicht versagen, alich noch eine klassische Stelle aus den „Sprüchen der Väter" hier anzuführen, um Ihnen durch dieselbe zu beweisen, daß' die vielgeschmähte Zeit des Talnnid, was! den Anstand betrifft, selbst unsere Zeit, der eine größere Bescheidenheit j anzuempfehlen wäre, weit hinter sich zurückläßt.! Diese Stelle lautet: „Der Gebildete oder Wohlerzogene spricht j nicht in Gegenwart deffen, der ihm an Wissen oder Erfahrung überlegen ist; er fällt einem Andern nie ins Wort; er antwortet nicht voreilig; er wirft keine ungereimten Fragen auf, antwortet stets, indem er bei der Sache bleibt, und zwar die zuerst an ihn gerichtete Frage zuerst, die letzte aber zuletzt; er gesteht gerne ein, wenn er etwas nicht verstanden hat, und ist zu allen Zeiten bereit, der Wahrheit die Ehre zu geben." Die auch in unserem jetzigen gesellschaftlichen Leben herrschende Gepflogenheit, auf höherstehende Personen Rücksicht zu! nehmen, nämlich sie uns zur Rechten gehen zu lassen — sie war schon bei den alten Hebräern bekannt, und nicht wenig werden Sic sich wundern, meine Verehrten, wenn ich Ihnen mittheile, daß die Sitte — „anzuklopfen", ehe man in ein fremdes Haus tritt, schon im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung bei den Israeliten allgemein war. Der Anstand erforderte es auch, daß ein wohlerzogener Hebräer einen ihm Vorgesetzten Becher nicht mit einem Male leerte. Ter als Märtyrer bekannte Rabbi Akiba (135 unserer Zeitr.) hatte sogar eines Tages ein sehr drastisches Mittel in Anwendung gebracht, um seine Jünger von der Pflicht des Anstandes zu überzeugen. Er ließ nämlich, als sic Alle versammelt waren, einen noch zähen Braten auftischen. Die Klugen unter den Versammelten reichten denselben weiter, nachdem sie nach mehrfachen Versuchen sich überzeugt hatten, daß ohne einen gewissen Aufwand von Kraft demselben nicht beizukommen sei. Andere dagegen rissen mit bloßen Hände» einzelne Stücke los. Da rief ihnen Rabbi Akiba zu: „Es wundert mich, daß Ihr nicht den Versuch machet, dem Braten bcizukommen, indem Ihr Eure Füße zu Hilfe nehmet." Alsdann befahl er, einen Braten aufzutragen, der völlig gar war, und sagte zu den versammelten Jüngern: „Wisset, meine Lieben, ich wollte Euch nur auf Euren Anstand prüfen!" Als allgemeine Regel des Anstandes galt den alten Hebräern Folgendes: Sei kein Sonderling und suche nicht durch dein Wesen und Betragen dich auffällig zu machen. Wo man weint, dort zeige keine Heiterkeit, und wo man lacht, dort lass' das Weinen; lvv Alles steht, dort bleibe du allein nicht sitzen, und wo Alles fitzt, dort ivolle du nicht stehen! Ter Ausspruch unseres Altiueisters Göthe: „Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten", oder der noch schöner klingende: „Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an, denn ihnen ist am meisten dran gelegen, daß Alles wohl sich zieme, was geschieht!" findet auch auf die Hebräerinnen seine Anwendung! Das mutier taceat in eclesia oder wie die ursprüngliche Stelle im nerien Testament in Uebcrsetzung lautet: „Einem Weibe gestalte ich nicht, daß sie lehre", hat schon unsere Ahnfrau Sarah beobachtet, und das älteste Lied vom braven Weibe (Sprüche Sal. Kap. ->1) läßt uns errathen, daß das jüdische Weib neben anderen Vorzügen und Tugenden gewiß auch des Austairdes nicht entbehrt hat. Lasten Sie uns nun zur Höflichkeit übergehen, welche von Kant nur zu dem „Bei- und Außenwerk" der Tugend gezählt rvird, und für die es in jedem Stande rmd in jedem Lande eine besondere Form giebt. Die Fürsten haben ihr Ceremoniell, die Vornehmen ihre Etikette, die Studenten ihren Comment. „Tie Höflichkeit ist im Allgemeinen nur die feine Schale für den rauhen Kern, und wo man ehedem dem Andern hinter die Ohren schlrrg, dort sagt man jetzt zwar: „Erlauben Sie gütigst" — doch nicht selten denkt man zu der galanten Rede noch einen derben Faustschlag hinzu, der glücklicherweise nicht allzu sehr schmerzt I Was nun die Hebräer betrifft, so war auch bei ihnen wie bei allen Völkern der allgemeine Ausdruck der Höflichkeit — der Gruß. Die Art zu grüßen bestand darin, daß nian die rechte Hand auf die linke Brustseite legte und sich dabei ein wenig verneigte. Begegnete man Respektspersonen, denen man Ehrfurcht beweisen wollte, so neigte man sich tiefer oder warf sich gar zur Erde. Wollte mau eine Bitte oder einen Wunsch mit den, Gruß verbinden, so umfaßte man das Knie desjenigen, an den man die Bitte richtete. Die gebräuchlichsten Formeln des Grußes waren: „Friede mit dir", „Gott mit dir" oder auch „Gott sei dir gnädig". Wie bei uns, so sollte auch bei den Hebräern der Vorübergehende den grüßen, der an einen; Orte saß oder stand. Eine andere Art zu grüßen war — der Kuß. Vertraute Freunde beiderlei Geschlechtes küßten einander auf den Mund. Wollte ein Geringerer den Höheren küßen, so küßte er die Hand oder auch die Füße des Vornehmen oder auch den Saum seines

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