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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-09 · Heft 17 (9.5.1890) · p. Seite 246

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 17 (9.5.1890)
Date
1890-05-09
Page
Seite 246 (sequence 10)
Language
German
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246 Wie »eit Ahrale cS ut der Kunst gebracht hat, davon erzählt mehr als geiuig das Zeitnngsblatt, das vor mir jetzt entfaltet ist. v\cl;t heißt er lange nicht mehr das schwarze Ahrale, sondern der riihmlichst bekannte Maler Artur Liebgott. Seine Bilder werden prämiirt. Jetzt lebt er in Glanz und Reichthum, und das Städtchen D, rechnet es sich zur Ehre an, das; einst dort seine Wiege gestanden hat. Gotteswunder, und das Alles durch dieses Riffele, das bis zum heutigen Tage in meiuem Gebetbuche anfbewahrt ist! D, wie viel Knaben mag es noch heute in der jüdischen Gasse geben, die ebenfalls solche Röselcch malen. — Giebt es denn aber heute auch solche verrückte Grasen? . . . * Anstand nnd Hösiichkeit bet den Hebräern. Bon Rabb. Dr. Feßler in Halle. Gleich einem Strome, der in schattigem Waldcsgrün entspringt, mächtiger nnd immer mächtiger wird, je mehr er sich von der Quelle, gleichsam seiner Wiege, entfernt, weil er ja in seinem Laufe manches Bächlein aufnimint; wie er oft zu einer großen Wasserstraße wird, aus der der Kaufmann die Erzeugnisse fremder Länder in seine Heimath schafft oder der Forscher die geistigen Schätze fremder Völker für seine Landsleute holt — also brach einst der Strom der Kultur aus tiefem Dunkel eines unbekannten Zeitpunktes hervor und wurde weiter und breiter, je größer die Zeitstrccken, die Perioden waren, durch die er sich hinzog, je tiefer er sich hineindrängte, wenn wir so sagen dürfen, in das Gebiet der Menschheit. Wer wollte es aber versuchen, bei einem jeden einzelnen Wassertropfen eines Stromes sestzustellen, woher dieser gekommen, wann er seinen Anfang genommen und wann er zu dem bedeutungsvollen Aggregat des Stromes geworden, zum Segen und Nutzen der Menschheit? Ebenso wenig kann auch das, was wir den Strom der Kultur nennen, gewissermaßen analysirt und in seine Urstosse geschieden werden. Auch hier können wir nicht mit Bestimmtheit Nachweisen, an welchem Qrte und zu welcher Zeit der Kulturstrom seinen Lauf begonnen. Nichtsdestoweniger gewährt es einen hohen geistigen Genuß, den Weg zurück zu verfolgen, welchen die Kultur im Verlaufe ihrer Entwickelung eingeschlagen, und den Einwirkungen nachzuspüren, welche sie auf die Gestaltung der Verhältnisse, auf die Entschlüsse und Handlungen der Menschen ausgeübt hat, um dadurch festzustellen, ob sie der Menschheit zum Segen und Vortheil oder zum Schaden und Nachtheil gereichte. Da aber nach Fichte unter Kultur nicht allein die Vermenschlichung der Völker in ihren äußeren Einrichtungen und Gebräuchen nnd der darauf Bezug habenden Gesinnung, also — die Veredelung des gesellschaftlichen Zustandes zu verstehen ist, sondern auch der Betrieb der Wissenschaften und der schönen Künste, so kann es heute gewiß nicht unsere Aufgabe sein, hier Alles anzuführen, was unter den Begriff der Kultur fällt, denn das hieße eine Kulturgeschichte der Menschheit schreiben wollen, was wir zu unserem Bedauern nothgedrungen besseren Kräften überlassen müssen. Vielmehr wollen wir nur sozusagen einen Tropfen aus dem Strome der Kultur herausgreifen, indem ich mir gestatte, Einiges über „Anstand und Höflichkeit bei den alten Hebräern" mitzutheilen. Gar mancher blondgelockte, germanische Jüngling, der sich zu bekreuzen pflegt, wenn sein blaues Auge „Einen aus dem Stamme Israel" erblickt, ist von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Anstand nnd Höflichkeit Begriffe sind, die dem Hebräerthum ganz fremd. Glaubt er ja, daß, um auf Anstand und Höflichkeit schließen zu lassen, vor Allem ein schön gescheiteltes Kopfhaar, ein gut gepflegter Schnurrbart, ein Gesicht mit einigen int Duell erhaltenen „Schmissen" nothwendig sei. Auch manche teutonische Hausfrau glaubt, nur in der stilgerechten altdeutschen Wohnstube könne man Anstand und Höflichkeit begegnen. Daß aber der ernst darciuschauende Hebräer mit seinem dunklen Vollbart oder die schwarzäugige Judüerin auch den Anstand kennen und die Höflichkeit — das will manchem unserer deutschen Brüder nicht einleuchten. Wir wollen daher die ältesten Urkunden und Schriftdenkmäler befragen, um aus ihrem Munde zu vernehmen, in welch hohem Grade Anstand und Höflichkeit bei den Hebräern heimisch gewesen;, und wie sehr sich jeder Einzelne ihrer befleißigte. Schon das erste Blatt der heiligen Schrift erzählt, daß die ersten Menschen sich mit der natürlichen Kleidung, mit dein sogenannte» Adamskostüm nicht begnügten, daß sie vielmehr das Bedürfniß nach einer künstlichen Kleidung hatten. Diese wurde zwar nicht aus Sainmt und Seide, sondern nur aus Thierhäuten verfertigt, was uns jedoch nicht abhaltcn kann, ans eine Aeußerung des Anstandsgefühles zu schließen. Nicht weniger überzeugend, daß das Anstandsgefühl bei de» allen Hebräern sich schon frühzeitig geltend gemacht, ist der Umstand, daß die heilige Schrift den zweiten Stammvater des Menschengeschlechtes, Noa, die Arche in einer Weise besetzen läßt, nach welcher seine Familie dem Geschlechte nach getrennt wohnen mußte. Und wer wollte in der für unseren Gegenstand so lehrreichen Erzählung von dem Weinrausche des Noa verkennen, daß der biblische Erzähler eine tiefe sittliche Entrüstung darüber zeigt, daß Noas jüngster Sohn den Anstand verletzte, wofür er n;ich von seinen; Vater verflucht wurde, während die beiden Söhne Sem und Japhet den Segen des Vaters erhielten, weil sie im Punkte des Anstandes feinfühliger waren als ihr Bruder? Auch was das Zeitalter der Könige betrifft, haben wir sichere Nachrichten darüber, daß an den Höfen der Könige von Juda und Israel mehr wie sonst an den Höfen orientalischer Fürsten, mehr auch wie an vielen Höfen abendländischer Könige im Mittelalter die Grenzen des Anstandes nnd der guten Sitte eingehalten wurden. Nicht geringes Aufsehen erregte es unter dem Volke, während David herrschte, daß ein annnonitischer König dem Hebräervolke gegenüber es an dem erforderlichen Anstande fehlen ließ. An diese» König schickte nämlich David eine Gesandtschaft, um ihn; zu seiner Thronbesteigung Glückwünsche überbringen zu lassen. Doch anstatl die Gesandtschaft in geziemender Weise aufzunehmen, wurde dieselbe beschimpft, indem der König von Ainmon den Befehl ertheiltc, die einzelnen Glieder der Gesandtschaft ihres Bartes und ihrer Kleide; zu berauben. Diese Außerachtlassung des Anstandes wurde von den Hebräern durch einen Krieg gerächt, in welchem die Heere des Ainmmoniterkönigs unterlagen. Aus der Zeit der Mischna und der Gemara haben wir manche Aussprüche von den Weisen in Israel, welche uns den Beweis liefern, daß es in der talmudischen Periode nicht innner die den Hebräern oder besser den Hebräerinnen zum Vorwurf genwchte Prachtliebc und die Neigung zum großen Aufwande gewesen, die sie veranlaßte, große Sorgfalt ihrer Kleidung zu widmen, daß vielmehr der Begriff der Wohlanständigkeit als ein Hauptmotiv dabei angesehen werden darf. Wenn z. B. gesagt wird: „Der Schmuck Gottes sind die Menschen, die Zierde der Menschen aber sind (neben ihren Tugenden) — ihre Kleider, oder, wie ein anderer Ausspruch lautet: „Gilt es dem Essen und Trinken, so wehre, gilt es aber deinen Kleidern, dann mehre", oder, wie ein dritter Ausspruch lautet: „In meiner Stadt ist es mein Nante (der mich vor Unehre bewahrt), in der Fremde sind es

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