Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 17 (9.5.1890)
- Date
- 1890-05-09
- Page
- Seite 245 (sequence 9)
- Language
- German
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245 „Nachschaffeil!" wiederholte der Graf, „das ist das rechte Wort, mein Junge! Aber sage mir, wie hast Du es beispielsweise gewußt, dort bei jener halb geöffneten Knospe in solchen feinen Abstllfuilgen Schatten zu geben, um die einzelnen sich erschließenden Blättchen zu inarkiren?" Das schwarze Ahrale sah den Grafen, während er zu ihm sprach, ganz verwundert an, ohne nur ein einziges Wort zu verstehen; endlich erwiederte er: „Ich verstehe Sie nicht, was sageil Sie Schatten? Ich habe keinen Schatten. Wieso kann man Schatten geben? Ich verstehe Die nicht!" „Das sehe ich, das; Du mich nicht verstehst, aber siehst Du, das da nennt man in der Malerei Schatten, lind dadurch werden in dem Bilde, das ja nur auf einem flachen Papier oder auf einer flachen Leinwand gemalt lvird, Senkungen und Hebungen erzeugt, so das; das Auge sich in einem tiefen Raum zu verliereil glaribt. Verstehst Dil mich schon jetzt?" „Ich weis; von Allem gar nichts," betheuerte Ahrale, „ich weis; nur, das; ich hier eine Rose gemalt,, und da mußte ich es so machen!" „Mußte," betonte der Graf zu seinem Begleiter, „das ist das rechte Genie, es schafft oft unbewußt wie die Natur selbst; auch sic plant und raisonnirt nicht, auch sie weis; nicht warum, sondern sie »uif;. Wenn zu so viel natürlicher Begabung erst Kunst und Bewlißtscin, gleichsam Zucht und Wahl hinzukolnmen werden — was würde der erst leisten können! Wir haben hier vor uns einen rohen Brillanten, der nur noch den Schliff braucht." Und zu Ahrale gewendet fügte er hinzu: „Was meinst Tu dazu, mein Junge, wenn man Dich malen lernen lassen sollte? Wie Du jetzt mit Tinte zeichnest, ist noch nicht das Rechte. Man würde Dich lehren, wie die Farben zu niischcn, um beispielweise den Sonnenuntergang zu malen, den blauen Hinnnel, die Bäume, wie sie in vollen Blüthcn stehen oder wie sie;u verwelcken anfangen. Du könntest dann auch ganze Landschaften, wie Du Dich ausdrückst, auf dem Papiere nachschaffen, bewaldete Berge, rieselnde Bäche, Felder voll goldener Saaten, die im Winde leise sich bewegen, und darüber im tiefblauen Himmel die anfsteigende Mvrgenröthe. Möchtest Du gerne das Alles lernen?" Die Augen des schwarzen Ahrale füllten sich, während der Graf io zu ihm sprach, mit einem wunderbaren Glanz. „Ei! Ei! Möchte ich das Alles lernen!" rief er mit rührender Bewunderung. „Dann," fuhr der Graf iveitcr fort, „würdest Du es auch verliehen, Szenen aus dem Leben mit Farben zu malen, oder aus der beschichte, sagen wir aus Deiner Bibel, zum Beispiel wie Jakob ieinell Sohn beweint, oder wie Joseph sich seinen Brüdern zu erkcnuen giebt, und dergleichen noch mehr." „Ei, ei! wäre das schön!" rief das schwarze Ahrale begeistert ans, indem er vor Vergnügen sich die Hände aneinander rieb. „Nun freilich wäre das schön!" stimmte der Graf lächelnd zu, .doch mit Dir bin ich bereits fertig." Und zum Schneiderlein gewendet nihr er fort: „Hast Du leicht Dein Auskommen von DeinerSchneiderci?" „Auskommen," wiederholte das Schneiderlein traurig. „Wir arbeiten uns Tag und Nacht die Hände wund, wir gönnen uns nicht einen Augenblick zll athmcn und haben kaum das trockene Stückchen Brod zur Sättigung!" „Wäre Dir zum Beispiel mit einem Zuschuß von dreihundert > Bilden jährlich geholfen?" „Dreihundert Gulden!" schrie das Schneiderlein, das nie so viel Eeld zusainmen sich gedacht hat, „dreihundert Gulden — der hochgnädige Herr fragen erst!" „Diese könntest Du jährlich bei mir bekommen!" „Was, dreihundert Gulden!" rief das Schneiderlein außer sich, „hochgnädigcr Herr scherzen wohl!" „Durchaus nicht — doch diese bekommst Tu nicht umsonst — Du weißt, ich schenke nicht gern!" „Was? Soll ich dafür vielleicht dem allergnüdigsten Herrn Röcke nähen — ja, ich verstehe auch Röcke zu nähen!" „Nein, Deine Röcke brauche ich nicht, aber etwas Anderes giebst Du mir dafür!" „llnd was denn? Möge der hochgiiädige Herr befehlen!" „Dein Jüngel überläßt Du mir dafür!" „Aha!" dachte sich das Schneiderlein, „da toinmt am Ende doch der verrückte Graf heraus." „Mein Jüngel —" stotterte der Arme verlegen. „Wer giebt ein Kind von sich weg, und möge es noch so ungcrathen sein?" „Aber Du Narr — er bleibt ja weiter Dein, nur will ich ans ihm etwas Rechtes machen, was Dir Ehre und Wohlstand bringen soll..." „Und was iverdcn der hochgnädige Herr aus ihm machen?" forschte das Schneiderlein. „So sage mir vorerst," begann der Graf, „hoffst Tu, das; ans ihm ein Rabbiner wird?" „Leider nein. Er ist ja immer so hineinverthaii in seine Malerei, das; er nicht einmal hört, was der Melamed zu ihm spricht." „Also ein Rabbiner nicht — hoffst Du, das; ans ihm ein Schneider wird?" „Das noch weniger. Der versteht ja nicht cinmal, wie man einen Faden in das Nadelloch hineinbringt." „Also auch das nicht — und was denn?" „Ach, wenn wir es wüßten!" „Aber ich weiß es ja und deshalb verlange ich von Dir, das; Du mir Dein Jüngel überläßt!" „Mein Jüngel," räusperte sich das Schneiderlein, „hochgnädiger Herr, ich bin Jude!" „Und was folgt daraus?" „Daß auch mein Jüngel das bleibe» »illß, was seine Eltern waren!" „Aber Tu Narr, wer will denn, daß Tein Jüngel nicht Jude bleiben soll? Du sollst ihm sogar selber in Krakau, wo er das Malen lernen wird, das Kosthaus aussuchen, damit er nur Koscheres esse und streng zur Religion angehalten werde. Jst's Dir jetzt schon recht?" „Leben soll der hvchgnüdige Herr hundert Jahr und noch mehr!" „Und jedes Jahr," lachte der Graf, seine Brieftasche hcrvorziehend, „bezahle ich Dir sofort mit drei? Gulden. Hier dreihundert Gulden. Jedes Jahr bekommst Du von mir eine solche Snmiuc, doch Du wirst es hoffentlich nicht lange brauchen, denn Dein Jüngel lvird nach einigen Jahren in der Lage sein, sich mit seiner Familie in Glanz und Reichthnm zil erhalten . . ." „Und das Alles von der Malerei — GottcSwunder!" staunte das Schneiderlein. * * * Was der Graf ihm versprochen, erfüllte sich Punkt für Punkt. Nach den Feiertagen reiste das schwarze Ahrale, von seinem Vater und den Grafen begleitet, nach Krakau ab. Die Sache des Grafen war es, ihn in der Malerschule unterzubriugcn, und die seines Vaters, ein jüdisches Kosthaus für ihn auszusuchen. Jährlich erhielt das Schneiderlein vom Grafen den Zuschuß von dreihundert Gulden, freilich nur einige Jahre, denn nach dieser Zeit war es Ahrale gegönnt, von dem Erlös seiner Arbeiten seinen Eltern einen Wohlstand zu verschaffen.