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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-09 · Heft 17 (9.5.1890) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 17 (9.5.1890)
Date
1890-05-09
Page
Seite 244 (sequence 8)
Language
German
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244 Einen unheilbaren Schlag versetzte dem Adelswescn da» Emporkommen der Herodäer. Der „idumäischc Sklave" war der König. Diejenige», die sich der Abkunft von den hasmonäischen Priestcrtönigen riihmten, waren Söhne des gehaßten Fremdlings-') Dieser ließ, um den Stolz des eingeborenen Adels zu brechen, die genealogischen Tabellen, welche das Synhedrion behütete, vernichten-), und fortan waren nur noch unsichere Privatüberlieferuugen und unbeglaubigte Privaturkundeu die Grundlagen des Adelsstolzes. Das Haus .Hillels"» leitete sich weiblicherseits von Schcfatja, einem Sohne Davids, her, — doch die Patriarchcnwiirde dankte cs der wissenschaftlichen Bedeutung der langen Reihe seiner Häupter. Der „Resch Galnta" in Babylonien wollte im Mannesstamme ein Sproß Davids sein. Rabbi Ehija nannte Schimei, den Bruder Davids; Rabbi Elicser den Asarja im zehnten Gliede Esra feinen Ahnen. Doch wenn sich auch hier und da die Werthschütznng adliger Abstammung bis weit ins Mittelalter erhielt, wenn sie auch die Karrikatur erdichteter Genealogien hervorrief, so war sie in Wahrheit — und zeigte eS vielleicht eben dadurch — nicht mehr lebendig. Das mobile Kapital hatte Niedriggcborcne mit einer solchen Macht des Besitzes ausgestattet, daß sic Zutritt in die höchsten Kreise und Aufnahme in die edelsten Familicn erhielten. Geld tilgte auch die Flecken der Geburt.'» Die Bernichtung des Volksthums, die Arifständc gegen Rom hatten die Edelsten auf die Sklavenmarkte geworfen; hatten, wie Rabbi Pinchas ben Jairh sagt, die Genossen und Edlen mit Schmach bedeckt. Im Elende, in dem Allen gleichen Drucke wurde Hoch und Niedrig gleich — erhob allein der innere Werth, die persönliche Tüchtigkeit. Der bei den Herrschenden in Airsehen stehende Jude niedrigster Herkunft mutzte nothgedrungcn den Pornchmsten, welche bei den Nichtjriden nicht beachtet wurden, vorangestellt werden. Damals errang die seit Esra um den Vorrang kämpfende Geistesbildung den endgültigen Sieg. „Ein gelehrter Bastard ist mehr werth als ein unwissender Hoherpriester", so lautet ein Kernspruch der siegreichen Ritter des Geistes. „Das Höchste aus Erden ist der Gelehrte, denn er schenkt deneir, die er belehrt, das Leben des Geistes." „Darum verkaufe man Alles, um es sich möglich 511 machen, daß mau die Tochter eines Gelehrten (Talmid (Ehachamj als Gattin heimführc!" Tie Stufenleiter dieser neuen (nichtcrblichen: Wissen ist kein Erbtheil» Aristokratie des Geistes und des Wissens ist: Gelehrte, angesehene und einflußreiche Männer("vnri '^3“73>, Gemeindevorsteher (nvD3S ’tl’X“)) , Verwalter von Wohlthäligkcitsanstatten 'X323) und Kinderlehrer"). Unmäßig wurde der Haß und Widerwillen gegen den „Amhaarez", den bäurisch Unwissenden, de» unmenschlich Rohen, den thicrisch Wilden. Nachdem diese Ausschreitung gemildert und nbgcthan worden war, hatte sich die Weltanschauung befestigt, welche noch heute im Judenthume herrscht, und damit war der erbliche Adel in Israel beseitigt. Von einem Menschenpaarc läßt Gott die Menschen hcrstammen, damit Niemand das »liecht habe, seine Vorfahren zu Ungunsten Anderer zu erheben, um den neidischen Wettstreit auf dem Boden der Familieuehre möglichst einzuschrünken.ch ‘) Sota 41a, Äidduschin 70b. ch Grätz Geschichte Bd. III S. 107. -2) Kethnbot 62 b. 4) Kidduschitt 7 I a. 6) Sota 49a. 6) Peßachim 49 b. 7) Synhedrion 38a. Wissen und Tüchtigkeit adeln, besonders wenn sic in den Dienst der Gesammtheit gestellt sind. Ter Talmid Chacham und der Schtadlan, der Gelehrte und der Vertreter der Gesammtheit, besonders der Fürsprecher an den Fürstenthronen, das sind Israels Edle und Adlige im Mittelalter. Waren ihre Kinder der Väter werth — eine Tochter aus solchem Hause als Gattin heimzuführen, galt als höchstes Glück —, strebten die Söhne ans der Väter Wegen ihnen gleich, so hörte man es gern, daß sie sich rühmten, vom Stamme ober Enkel und Angehörige (“033 p) Großer und Edler, oder auch „Heiliger", d. h. derer zu sein, die für die Gemeinde oder den Glauben Gut und Blut und Leben hingcgeben hatten. Solch Rühmen war ein steter Segen: noblesse oblige. Die aber selbst nichts waren und doch sich der edlen Abkunft rühmten, die hat beißender Spott dem Jichustag verglichen. Der erste Tag des Siwan nämlich ist Neumond, der dritte, vierte und fünfte sind die drei Tage der Vorbereitung für das Empfangen der Gotteslehre. Fragt man nun den zweiten Tag, weshalb sind auch an dir die Klagcgebetc verstummt, so antwortet er: „Gestern war Neumond, morgen beginnen die Tage der Vorbereitung, ich selbst, ich bin nichts als ein ganz gewöhnlicher Werkeltag, ich habe nur das Verdienst, daß ich dort stehe, wo ich stehe. „Von Edlen herstammen, ohne selbst edel zu sein, liefert ' ein Zerrbild. Dagegen ist es ein Herrliches, im Sinne verehrter i Vorfahren auf ihren Bahnen wandeln, an ihrem Vorbildc sich be-! geistern, von ihrem Beispiele sich leiten lassen. I Das ist ein Adel, der, wo er von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbt, das rfDK 133337, das Verdienst der Väter, de» Kindern erhält und mehrt. Das ist Israels Adel, wie er seit der Vernichtung des Volksthums bei uns gelehrt und verehrt wird, ein Adel des Geistes, des Herzens und des Wirkens, der in der tiefsten Eruiedrignng, in der Verachtung der Welt Israel das Hochgefühl der Selbstachtung und das Bewußtsein erhalten hat: „Ter Baum, der solche Früchte in solcher Menge reift, ist nicht morsch und tobt, sondern markig und lcbensfrisch!" O Feuilleton. ««<--*■ j Das Röfele. : V 011 91. S a in u c l y. | (Schluß.); „Gerade umgekehrt," wendete der Graf, der sich jetzt Mühe gab, i einen milden Ton anzuschlagcn, ein, indem er dem schwarzen Ahralc! begütigend die Wange strich, „jetzt wirst Tu es erst recht — aber j sage mir, wie kommst Du nur darauf, das zu malen?"! „Wie soll ich dazu kommen? fragte Ahrale zurück, durch die Zuj traulichkeit des Grafen mehr Muth fassend. „Ich sehe und male nach!" i „Schon recht, mein Junge! Aber wer hat diesen Sinn in Dir geweckt? Von wem hast Du das gelernt?" „Von wem soll ich denn lernen? Ich habe ja selber Augen!"! „Der hat selber Augen" — lächelte der Graf seinem Begleiter! zu, „als ob Augen allein genügen, so was malen zu können — aber j sag' mir," fuhr er dann zu Ahrale fort, „wer hat Dich dazu bc-! stimmt, diese Dinge zu malen?" „Weiß ich?" erwiedcrte Ahrale. „Aber ich habe immer eine große Freude daran, den Himmel zu sehen, die Bäume und Alles, was schön in der Welt ist, daß ich mir sage: Ei. das will ich auf Papier nachschaffen!"

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