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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-09 · Heft 17 (9.5.1890) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 17 (9.5.1890)
Date
1890-05-09
Page
Seite 240 (sequence 4)
Language
German
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240 Gabirol ul? Philosoph.*» Voll. Dr. M. Gübemann, Rabbiner in Wien. Wien, 28. April 1890. | Die folgenden Zeilen bezivecken, dem Leserkreise dieses Blattes! die Bekanntschaft mit einem Buche zu vermitteln, das derselben! zunächst wegen des Mannes, ben es behandelt, aber auch seiner selbst! und seines Verfassers wegen in hohem Grade würdig ist. Salomon ibu Gabirol ist zwar für denjenigen, welcher nicht ganz unb gar! ein „peregrinns in Israel" ist, kein unbekannter Name. Aber man! kennt ihn doch gewöhnlich nur als liturgischen Dichter, dessen Poesien,! mehrfach auch in's Deutsche übertragen, heute noch einen Bestandtheil 1 des Gottesdiensten, zumal des sesardischell, bildell. Indessen ist Gabirol auch ein großer Tellker und Philosoph gewesen, und als solcher ist! er selbst dem mit der jüdischen Litteratnrgeschichte Vertrauten erst in! öen letzten Jahrzehnten bekannt gewordell. Gin eigellthümliches Schicksal nänllich ist die Veranlassung gewesen, daß der Philosoph j Gabirol seiner jüdischen Nationalität in der Meinung der Welt! verlustig gillg und bald für einen Muhamedaner, bald für einen! Christen gehalten ivnrde. Im Mittelalter waren die Juden oft durch Lebensgefahr ge-! zwangen, von der List der Verkleidung Gebrauch zu machen. Männer! veruulnnnten sich als Mönche, Frauen legten Nonnenkleider an, um z Leben und Vermögen vor ihren Verfolgern zu schützen. In den zahlreichen Moralschriften wird allerdings die Anwendung dieser List untersagt, aber die Noth läßt uns die Vermummung, welche den! Juden oft die einzige Möglichkeit der Rettung gewährte, milde bej urtheilen, und daß sie zuweilen denjenigen erst recht bekannt machten,! den man dadurch der Bekanntschaft gänzlich entzogen glauben sollte, j zeigt in eigenthümlicher Weise das Schicksal Gabirols. j Nicht etwa, daß dieser jemals, soviel wir wissen, sich einer Maske! bedient hätte! Aber sein Name gerieth, ohne sein Znthun in eine . Maske, er wird so entstellt, daß er seinen Eigeuthümer unkenntlich j machte. Dies kam so. Die christliche Welt des Mittelalters, des Arabisches! unkundig, machte sich die Namen arabischer Gelehrten,! deren Bücher sie aus zumeist von Juden angefertigten Uebersetzungeu kennen lernte, mundgerecht. So ist aus Ilm Roschd Averroös geworden, so entstand Aviceuna aus Ibu Sina und was dergleichen Namensänderungen mehr sind. Auch der Name Aveneebrol, oder in etwas veränderten Fassungen Avieembron, Avieebrou, kommt bei den Scholastikern vielfach vor und zwar als der Name eines sehr geschätzten arabischen Philosophen. Seine Bedeutung wurde selbst; von neueren Geschichtsschreibern der Philosophie anerkannt, ja es umrde zu verstehen gegeben, daß, während die jüdischen Philosophen des Mittelalters eigentlich nichts geleistet hatten, der Muhamedaner 1 Aveneebrol, oder wie er sonst laut voranstehender Angabe genannt wurde, der einzige respektable Philosoph des Mittelalters gewesen sei. Diese Anerkennung wäre demselben vielleicht nicht zu Theil geworden, wenn er nicht durch seinen entstellten Namen in arabischer Veri tleidung erschienen wäre. Denn eine solche haben wir vor uns, und! erst Salomon Munk in Paris war es Vorbehalten, diese Ver-! tleidung zu beseitigen und den in der christlichen Philosophie desL Nüttelalters so viel genannten Avieebrou, Avieembrou, oder Aveneebrol! als den Inden Ilm Gabirol zu entlarven, oder besser — da er ja i an seiner Maske unschuldig ist — zu rekognoseireu.; Wie die wichtige Entdeckung erfolgte, mag mit wenigen Worten j angegeben sein. Das philosophische Werk Avieebron's lag der Gelehrtenj *) Die Philosophie des Salomon ibu Gabirol dargestellt und er-! läutert von Dr. I. Gnttmann, Landrabbiner in Hildesheim (Güttingen, Bandenhoeck und Ruprechts Verlag, 1889, 6 und 272 S.) Welt des Mittelalters in lateinischer Uebersetzuug unter dem Titel „Fons vitae“ (Lebensquelle) vor. Weder die Urschrift noch eine andere Uebersetzung war bekannt. Da entdeckte im Jahre 1846 der genannte Munk in der kaiserlichen Bibliothek zu Paris ein handschriftliches Wer! des R. Schemtob ibn Falaquera, welches sich als einen hebräischen Auszug aus dem arabischen Werke „Lebensquelle" des Salomon ibu Gabirol bezeichnte. Tie Gleichheit des Titels veranlaßte Munk, den Auszug Falaquera's mit den von den christlichen Scholastikern mitgetheilten Auszügen aus der „Fons vitae" zu vergleichen, und daüberraschende Resultat dieser Vergleichung war die Feststellung der Identität Avieebron's und Gabircchs. Seit dieser Entdeckung ist dem System Gabirol's von jüdischen und christlichen Gelehrten eingehende Aufmerksamkeit zugeweudei worden. Diese verdient es schon wegen des lUnstandes, daß es in keiner Weise den jüdischen Ursprung verrnth. Indessen hat es an einer erschöpfenden und mnsassenden Darstellung des Systems bisher gefehlt. Munt's Darstellung leidet durch den Umstand, daß sie um den Auszug Falaquera's und nicht das Buch selbst zu Grunde gelegi hat. Hinsichtlich der Duellenforschung hat er die Abhängigkeit von Plotin nicht genügend erkannt. Es ist daher das Buch Gnttmann'- eine ebenso erwünschte wie verdienstliche, auf gründlichen Duellen stndieu und der Berücksichtigung aller bisherigen Forschungen be ruhende Leistung, die, gleich seinem Buche über Saadja, eine wirklich.' Lücke in der jüdischen Litteratur der Gegenwart ansfüllt. Nun ern vermag auch derjenige, welchem der Zutritt zu den Duellen versag! ist, Gabirol als Deuker und Philosophen näher kennen zu lernen und den Aufbau seines Systems zu überschauen. Wir wollen versuchen an der Hand der Guttmann'schen Darstellung das Wesentliche in Kürze znsannnenznfasseu. Gabirol ist kein Driginalphilosoph. Einen solchen im strengen Sinne des Wortes hat wohl überhaupt weder die arabische noch di> jüdische Philosophie des Mittelalters anfzuweisen. Araber und Inden sind die Erben der griechischen Gedankenwelt, innerhalb deren sie mit mehr oder minder großer Freiheit sich bewegen und im Einzelnen Manches tiefer zu ergründen und reicher auszngestalten sich bemühen, ohne jedoch die Schranken derselben überwinden zu können. Tennow entbehrt die Philosophie Gabirols nicht eines gewissen Zuges von Originalität, auf welcheu auch ihre singuläre Stellnug in der Philo sophie des Mittelalters zuriickznsühren ist. Eine in sich gekehrte und ans sich selbst gestellte, Natur, ist Gabirol im Denken und im Leben fern von der großen Heerstraße seine eigenen Wege gegangen. Die arabischen und die jüdischen Deuker des Mittelalters stehen int Wesen! lichen auf denn Standpunkte der aristotelischen Philosophie, deren Grundgedanken freilich bei ihnen durch die Auffassung der Kommentatoren beeinflußt, eine gewisse nenplatonische Färbung angeuounnen haben. Gabirol dagegen ist kein Aristoteliker, er steht vielmehr gmn und gar auf bem Boden der neuplatonischen Philosophie, die m strenger und folgerichtiger als irgend ein Anderer entwickelt und in einigen Punkten selbstständig fortgebildet hat. Ties mag wohl mul) Han eb er g zu dem sonst etwas schiefen Nrtheil veranlaßt haben, daß das Judeuthum Gabirol seinen einzigen Philosophen neunen dürfe, bis Spinoza kam. Das eigentliche Gruudthema der Gabirol scheu Philosophie bilde! die Lehre, daß alles geschaffene Sein, auch das der geistigen oder intelligiblen Substanzen, aus Materie und Form zusammengesetzt sei. Tie Anregung zu dieser Lehre hat Gabirol ohne Zweifel aus de! Philosophie des Plotin empfangen. Tie Darstellung Gabirols aber zeichnet sich durch die konsequente Durchbildung und die Tiefe dee spekulativen Begründung, welche diese Lehre bei ihm gefunden Hai. so sehr vor der des Plotin aus, daß es nicht so ganz ungerechtfertig! erschein! durchwc wird. 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