Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-05-02 · Heft 16 (2.5.1890) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 16 (2.5.1890)
Date
1890-05-02
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227842--47027-3268524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

3 L\ejitd)cs. Möge daher dieser Appell an beit wähl überaus häufig an gerufenen, aber doch jederzeit bethätigten Wvhlthätigkeitssinn unserer i^lanbensgenossen nicht fruchtlos Verhallen. c. Düsseldorf, 27. April. Ein glänzendes Bild vollbrachter Leistungen mietet der soeben erschienene Bericht über die Wirksamkeit des hierorts seit 10 Jahren bestehenden Vereins zur Verbreitung und Förderung der Handwerke unter den Juden. Von kleinen Anfängen ausgehend, ursprünglich auf den Synagvgenbezirk Düsseldorf beschränkt, hat der Verein eine stetig wachsende Thätigkeit entfaltet und immer weitere Kreise für seine Interessen gewonnen. Nicht minder ist co ihm in erfreulicher Weise getungell, seine Bestrebungen dem Vernändniß derjenigen Kreise näher zu bringen, deren Wohl er zu fördern ^'stimmt ist, und das Vertrauen zu dem Gelingen derselben zu erwerben, lie Gesuche um Aufnahme haben eine stets zunehmende Steigerung erfahren, und mit den wachsenden Einnahmen konnten denselben auch mehr und mehr entsprochen werden. Im Großen und Ganzen haben sich die Wünsche erfüllt, welche zur Gründung des Vereins geführt haben; derselbe blickt bereits auf eine stattliche Reihe von Jünglingen, welche reut von ihnen gewühlten und erlernten Handwerk mit Liebe ergeben, als tüchtige, zuverlässige und solide Arbeiter sich bewahrt haben und sich ium dem Ehrgeiz erfüllt zeigen, sich in ihrem Gewerbe immer mehr nusmvilden und zu vervollkommnen. Zwei derselben haben sich bereits aus eigener Kraft als Meister niedergelassen und einen sehr erfreulichen ivrfiVü] zu verzeichnen. Anderen Meistern (1 Buchbinder. 1 Schlosser, l Schuster, 1 Klempner) hat der Verein durch Beschaffung von Maschinen and theurerem Werkzeug die Mittel gewährt, ihre gewerbliche Thätigkeit erfolgreicher zu gestalten und erhöhten Anforderungen genügen zu können. Sie Resultate der bisherigen Thätigkeit stellen es außer Zweifel, daß Häufig nur die fehlende Gelegenheit und Bekanntschaft, nicht selten auch ne Roth so manchen Knaben dem Handwerk entzogen und dem kleinen Handel zugeführt hat, daß es häufig nur der Anregung und Belehrung der Eltern bedurfte, um sie zu veranlassen, für ihre Kinder ein deren Zähigkeiten. Anlagen, Kenntnissen und Mitteln mehr entsprechendes Handwerk zu wählen und den letzteren eine geachtete, soziale Stellung uub freundlichere Zukunft zu sichern und daß solchergestalt ein Verein wie der besprochene einem wahren Bedürfniß entspricht und ein weites Feld segensreicher Thätigkeit findet. Nicht weniger als 100 Lehrlinge und es gewesen, welche im jüngsten Geschäftsjahre der Obhut des Vereins unterstellt waren, und zwar: Sattler und Polsterer 2, Klempner und Installateure 13, Schuster 11, Schneider 14, Buchdrucker 5, Polsterer, Tapezierer und Dekorateure 5, Buchbindern, Graveur 1. Zuschneiderl, Posamentierer 1, Schreiner 4, Schlosser 9, Bäcker 5, Dekorationsmaler, Glaserund Anstreicher9, Uhrmachers Mechaniker4, Bergfach 1, Juwelier und Goldarbeiter 1, Stukateur 1, Friseur und Haarflechter 1, Drechsler 1, 'Maschinenbauer 1, Gärtner 2, Photograph 1. Als besonders erfreulich beben wir aus dem Bericht den Umstand hervor, daß die verschiedenen Institutionen und Vereine in Deutschland für Pflege des Handwerkes unter den Inden sich mehr und mehr zu vereinigen und eine Art von Kartell anzustreben scheinen. So finden wir unter den Beitragenden;itm Düsseldorfer Verein auch den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund mit 540 Nt., die Berliner Jndnstriegesellschaft mit 100 M., die Hertzsche Stiftung in Braunschweig mit 350 M. und den Hannoverschen Handwerksverein mit 100 M. Ein solches Handinhandgehen der gleichartigen Vereine wird am ehesten zur Lösung dieses wichtigen Theiles unserer sozialen Lage beitragen. 22 Münster i. W., 27. April. Seit einiger Zeit geht eine Notiz durch die Presse, wonach die hiesige Synagogen-Gemeinde beabsichtigen sollte, den Sabbath ans den Sonntag zu verlegen. Dieser Gedanke ntöchte in dem einen oder andern Gemeinde Mitgliede als Privatwunsch wohl anfgetaucht sein, daß aber die Gemeinde oder gar die Gemeindevertretung damit sich befassen könnte, davon ist hier durchaus nichts bekannt. 8 Dresden, 27. April. Die hiesige israelitische Religionsgemeinde beging heute unter Betheiligung hervorragender christlicher 'Mitbürger, Vertreter der Staats- und städtischen Behörden, die Feier des 7)0jährigen Bestehens ihrer Synagoge, der derzeit ältesten unseres Königreichs. Der in allen Theiten überfüllte, stilvolle Sempersche Bau war auf das Geschmackvollste geschmückt und erstrahlte im Lichterglanz. Ter sehr gediegene und prächtige neue Vorhang des Allerheiligsten, die Kanzel- und Altardeckel waren durch freiwillige Spenden gestiftet. Der durch Damen und Herren verstärkte Syuagogenchor trug ein von dem rühmlich bekannten Rechtsanwalt Emil Lehmann gedichtetes Weihelied vor. Die Festrede wurde vom Rabbiner Tr. I. Winter gehalten. Die ganze Feier machte einen tiefen Eindruck. Dresden, 27. April. Das Landgericht verhandelte gestern die Klage von Karl Emil F r a n z os gegen den Schriftsteller Julius G ro s s e. Grosse hatte Franzos beschuldigt, daß dieser seine Beiträge abgelehnt, weil Franzos als Fremdling für Werke von deutsch-nationaler Tendenz kein Interesse habe" und durch Grosses ungünstige Schilderung eines jüdischen Journalisten verstimmt worden sei; außerdem habe Franzos „Konkurrenzneid" empfunden. Franzos ttnterließ den Strafantrag unter der Bedingung, daß Grosse sich dem Schiedsgericht des Schriftstellerverbaudes unterwerfe. Grosse hatte zugesagt, doch nach Ablauf der Strafantragsfrist die schiedsgerichtliche Austragung unterlassen. Nachdem Grosse in einem neuen Artikel die Beschuldigungen gegen Franzos wiederholt, klagte Franzos beim Schöffengericht, das indes; Grosse freisprach und Franzos die Kosten auferlegte. Die Strafkammer hob heute auf Franzos' Berufung das schöffengerichtliche Uriheil atlf, erkannte Groffe's Artikel als beleidigend, erklärte jedoch, Grosse keine Strafe aufzuerlegen, weil der vorausgegangene Artikel Franzos' scharf gewesen sei und legte beiden Parteien die halben Kosten auf. Franzos meldete die Berufung beim Obergericht au. Oesterreich - Ungarn. Wien, 26. April. In verschiedenen kleinen Städten Mährens und Schlesiens haben wieder Exzesse gegen die Juden stattgefunden. Die meisten Blätter finden die Androhung des Standrechtes für günstig, sie fassen' die betreffende Kundgebung als Warnung auf uub hoffen, daß die thatsächliche Verhängung des Standrechtes nicht nothwendig sein werde. Die alte „Presse" macht für die letzten blutigen Ausschreitungen neben den Anarchisten die Antisemiten verantwortlich und bemerkt: uöthigeufalls werde das Standrecht gleichwie für die Ercedenten der That auch für die Excedenteit in Work und Schrift eintreten. Budapest, 20. April. Folgenden Fall erzählt „Magyar Allam": Ein Schneidergeselle ans Mähren, Namens Heinrich Pohl, war in Wien zum Judenthum übergetreten und hatte den „Taufnamen" Jakob erhalten. Später wollte er in Steinamanger heirathen und ging zum Rabbiner, um die Verkündigung vornehmen zu lassen. Der Rabbiner hatte jedoch Bedenken, ob denn Pohl auch wirklich ein Jude sei, da die ungarischen Gesetze einen solchen llebertritt nicht gestatten. Er wandte sich deshalb an den Kultusminister, und dieser hat entschieden, daß Pohl als Jude zu betrachten ist. Ä'ld-Amerika. □ Buenos-Ayres. lieber die Auswanderung von Israeliten nach Südamerika theilt der soeben ausgegebene Jahresbericht der Alliance Israclite Universelle die folgende warnende Erzählung mit: Zu Anfang Juli 1889 schiffte sich ein Zug israelitischer Auswanderer, die aus Rußland kamen und ungefähr 800 Personen zählten, in Bremen ein, um sich nach der argentinischen Republik zu begeben. Die Auswanderer hatten mit den Auswanderungs-Agenten Kontrakte unterschrieben, die ihnen gegen eine augenblickliche Zahlung von 400 Fres. die unentgeltliche Ueberfahrt mit Verpflegung von der Einfchiffnng ab bis Bueuos-Ayres sicherte, sowie Boden, Ackerbau-Werkzeuge, Rindvieh, deren Werth sie später durch jährliche Abzahlung amvrtisiren würden. Die meisten Auswanderer waren in der'Lage diese 400 Fres. zu zahlen. Diejenigen, welche nicht die Mittel besaßen diese Summe einzuzahlen, waren nichtsdestoweniger den anderen bis nach dem Hasen gefolgt, doch hätten sie sich nicht ein schiffen können, wenn man ihnen nicht ztl Hülfe gekommen wären. Die nöthigen Gelder wurden zusammen gebracht, und der ganze Zug konnte sich gegen den 10. Juli in Bewegung setzen. Nach den Nachrichten, welche diese Auswanderer nach Europa sandten, hätten dieselben bei ihrer Ankunft in Bueuos-Ayres weder die Länder noch die Subsidien erhalten, welche ihnen kontraktlich zugesichert waren. Sie mußten erfahren, daß diese Kontrakte absolut werthtos seien und nicht ansgeführt werden könnten. Ein großer Theil des Geldes, welches sie bei Unterschrift der Kontrakte, eingezahlt hatten, ist ihnen zwar znrückerstattet worden, Dank den Bemühungen von verschiedenen Verwaltungen in Bneuos-Ayres, aber dieses Geld wurde bald ausgegeben, und jetzt scheint ihre Lage eine sehr bedanernswerthe. Sie schlossen alsdann einen Kontrakt mit einem dortigen Grundbesitzer, auf dessen Gütern sie arbeiten sollten, doch befanden sie sich in so ungünstigen Verhältnissen, daß zum mindesten die eine Hälfte ein anderes Unter-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.