Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 16 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227842--47028-3268525- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 kommen suchen mußte und sich in verschiedene Besitzungen zerstreute. Es fehlt noch an ausführlicheren Nachrichten, doch sollen dieselben demnächst eintreffen. Eine Person aus Paris, die die Auswanderer vor ihrer Trennung nach den verschiedenen Besitzungen gesehen, hat konstatirt, wie groß das Elend ist. in welchem sie sich befinden, welche Leiden sie zu ertragen haben, und wie groß die Sterblichkeit unter der: Kindern der Auswanderer ist. Es ist möglich, daß sich inzwischen ihre Lage verbessert hat, doch haben wir hierüber nur unbestimmte Angaben. Es ist ersichtlich, daß der Auswanderer, welcher nach Argentinien geht, ohne die Landessprache 31t kennen, ohne physisch kräftig zu sein, ohne ein Handwerk oder die Landwirthschaft genau zu kennen, schwerlich Erfolg haben wird; er setzt sich den schwersten Prüfungen und Leiden aus, die ihm gefährlich werden können. Arbeit wird zwar dort theuer bezahlt, aber nur bei sachkundigen und kräftigen Leuten, die mit der Sprache vertraut sind. Alle Lebensmittel sind furchtbar theuer, ltub wer dort nicht große Einnahmen hat, ist dem größten Elend ausgesetzt. Die Grundbesitzer, welche Kolonisten engagiren, haben nicht immer die erforderlichen Mittel, um ihre Bedürfnisse bis zur nächsten Ernte zu decken, oder um ihnen die Einrichtung, das Handwerkszeug, das zum Ackerbau nöthige Vieh zu beschaffen. Sogar das Brot ist theuer, und oftmals liefern es die Grundbesitzer in so geringer Menge, daß die armen Kolonisten buchstäblich vor Hunger sterben. Man sieht, daß eine Auswanderung nach jenen Regionen großes Risiko mit sich zöge. Diejenigen Leute, welche gesonnen wären, nach Süd-Amerika überzusiedeln, müßten warten, bis man genauer über die Lage der israelitischen Auswanderer, die im Juli dorthin abgegangen sind, unterrichtet ist. U Non Nah und Fern. * Der Borsitzende des Deutsch-israelitischen Gemeindebnndes, Geheimer Sanitätsrath Dr. Kristeller, begeht atu 20. Mai das Fest seines 70. Geburtstages. — Das gleiche Fest feiert am 17. Mai der Rabbiner der Adaß-Jisroel-Gemeinde, Dr. Israel Hildesheimer. — Aus der Sitzung des Aeltesten-Kollegiums der Berliner Kaufmannschaft wird berichtet, daß aus Anlaß des Ablebens des Kommerzienraths Friedländer von dessen Sohne ein Betrag von tausend Mark an die milden Stiftungen der Korporation überwiesen worden ist. — Der Bereiu „ Freu n d e d er T a u b st it m m en " (Jedidr ihnim) hält am 28. Mai seine Generalversammlung ab. — Gegen den Reichstagsabgeordneten für Gießen, Kaufmann Pickenbach, ist, wie uns zuverlässig gemeldet wird, von Amtswegen die Untersuchung wegen Wuchers eingeleitet worden. Bon dem Reichstagsmandat dieser Zierde der antisemitischen Partei dürfte es hiernach bald heißen: „Wie gewonnen, so zerronnen!" — Ein grober antisemitischer Unfug wird ans Ratibor gemeldet. In die dortige Synagoge wurden in letzter Zeit 311 wiederholten Malen Kartoffel- und Kohlenstücke geworfen, ohne daß es möglich war, des Thäters habhaft zu werden. Jüngst gelang es denn Wächter Horn, in der Person eines Dienstmädchens aus einem der Synagoge gegenüberliegenden Hause die Uebelthäteriu zu entdecken, die nunmehr ihrer Bestrafüng wegen groben Unfugs entgegensieht. — In Breslau findet am 27. und 28. Mai die diesjährige Versammlung des„Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen" statt. Verbunden hiermit ist die Generalversammlung der Unterstützungskasse des genannten Vereins. — Ter Synagogen - Gemeinde- Verband des Regierungsbezirks Oppeln hat sich als Mitglied dem Deutsch - israelitischen Gemeindebunde angeschlossen. — In Nürnberg spendete die Wittwe des Heimgegangenen Abgeordneten Frau kenbu rger zur Erinnerung an ihren Mann zw anzigtausend Mark für eine Stiftung, welche zur Errichtung eines Heims für alte Leute ohne Unterschied der Konfession verwendet werden soll. Der emeritirte Lehrer Herr AdolfTeblö feierte am 18. April unter vielseitiger Theilnahme seinen siebzigsten Geburtstag. Teblöe hat sich besonders als Begründer uub langjähriger Vorsitzender des Lehrer-Unterstützilngsvereins „Achawa" bedeutende Verdienste um die Wohlfahrt des jüdischen Lehrerstandes in Deutschland erworben. -- Bei der Wahl eines Vertreters der Volksschullehrer in den Schulvorstand der Stadt Via anheim gaben von 82 wahlberechtigten Lehrern, die nahezu in voller Anzahl ihr Recht ansübten, 46 ihre Stimmen für den seitherigen Vertreter, unseren Glaubensgenossen Herrn HauptlehrerL.Kern! ab, der somit für weitere drei Jahre gewählt ist. — In Oesterreich hat das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft die Allerhöchste Bestätigung erhalten und wurde am 15. d. M. in der „Wiener Zeitung" amtlich publicirt. — Das älteste Mitglied der Schey'schen Familie, Anton Schey sen., ist am! 17. April im 72. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene, ein Neffe des > vor einigen Jahren verstorbenen Baron Philipp Schey v. Koromla.! hinterläßt ein auf mehrere Millionen Gulden geschütztes Vermögen. Er i war trotz seines großen Vermögens immer sehr bescheiden. Der Ver-! blichene gehörte den meisten Wiener Wohlthätigkeitsvereinen als Mit' j glied an und wandte jeder öffentlichen Sammlung für Wohlthätigkeits [ zwecke bedeutende Summen zu, liebte es aber nie, bei solchen Gelegeilj heiteu seinen Namen publizirt zu sehen, weshalb er zumeist alle diese! Spenden mit A. S. chiffrirte. Das Leichenbegängniß fand Sonntag am 20. um halb 10 Uhr Vormittags statt. Der Feier wohnten Regie rungsrath Pros. Schnitzler, der gesammte Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, zahlreiche Vertreter der Finanzwelt und persönliche Freunde der Familie bei. Auf dem Central-Friedhofe hielt Prediger Dr. Gübemann einen Nachruf. Anton Schey sen. hat an sl. 300,000 zu wohlthätigen Zwecken testamentarisch gespendet. In Lemberg kam es am 7.April zu Ausschreitungen gegen die Juden. Die Synagoge uub das rituelle Badehaus wurden förmlich bombardirt, sämmtliche Fenster zertrümmert, und mir durch das Einschreiten der Polizei sind ernstere Unruhen verhindert worden. — Zum Prediger der Gemeinde Äraf'ait ist der Stiftsrabbiner Dr. Landau in Hannover gewählt worden. Derselbe wird auch den Religions-Unterricht an der Mittelschulen ertheilen. — Von einer Sederfeier im „London Hospital" berichtet mau: Seit mehr als 40 Jahren ist es Sitte ge worden, daß die jüdischen Patienten das Pesach mit allen seinen Eere monien gemeinschaftlich abhalten. Die Behörden thun Alles, was in ihrer Macht steht, um die Festlichkeit zu erleichtern. Mazot liefert die „United Syimgoguo" Spezereien Herr Leopold v. Rothschild und Fische Herr F. D. Mocatta. An den ersten beiden Abenden versammelten sich alle Patienten, die nicht bettlägerig waren, in der „Rothschild Station", wo der übliche Seder durch Herrn Jakob Samuel gegeben wurde. Es waren gerade eine größere Anzahl jüngerer Leute unter den Patienten, und diese verliehen der Versammlung den Charakter eines Familienfestes. — In Gibraltar starb Montag, den 31. März, der Oberrabbiner Samuel Lasry im hohen Alter von 95 Jahren. Der Verstorbene war in Tetuan geboren uub kam vor ungefähr 5--> j Jahren dorthin. Längere Zeit hat er das Rabbinat unentgeltlich ver! waltet. Er stand bei den Christen ebenso wie bei den Juden iu hohem i Ansehen. Die Beerdigung fand am Nachmittag seines Sterbetages! statt, und als Zeichen der Hochachtung waren während der Begräbnis;'! ceremonie die meisten Läden geschlossen. — Seit einem Jahr ungefähr! giebt es in Sofia zwei Werkstätten, in denen arme jüdische! Mädchen unterrichtet werden. Der Verein Bienveillance hat die Schneiderwerkstatt errichtet, in der 20 Lehrmädchen beschäftigt sind. In der anderen Werkstatt wird das Weben gelehrt, und dankt dieselbe ihr Entstehen dem Verein Ahavat Chesed; dieselbe zählt 14 Lehrmädchen. Die erledigte Rabbinatsste l le iu Odessa dürfte nach dem jüngst verstorbenen I. Gurland wahrscheinlich der durch seine eifrige Thätigkeit für israelitische Vereine und Wohlthätigkeitsinstitute wohlbekannte M. H. Margulies erlangen, nachdem der hervorragende Petersburger Orientalist Dr. A. Harkavy solche ablehnte. — Die von den vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen New-Uorts veranstaltete Purim -Festlichkeit ergab 15,000 Dollars Einnahme. - Laut Mittheilung der „Bombay Regieruugsgazette^ hat der Gouverneur von Indien Herrn Joseph Ezekiel, Oberlehrer der David Sassoon- Wohlthätigkeitsanstalt uub Mitglied der Bombay - Universität, zum Friedensrichter ernannt. Herr Ezekiel ist der zweite der Beni Israel, der eine so ehrenvolle Auszeichnung erhaltet! hat, während Herr Samuel Essajee, Prüfungskonnnissür des Departements für öffentliche Arbeiten, der erste Friedensrichter aus der Beni I s r a e l g e m e i n d e ist. - In Johnnnesberg (Südafrika) erscheint seit einigen Wochen eine Zeitutig iu jüdisch-deutscher Sprache, betitelt „Der Afrikaner Israelit". Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwiü in Berlin.