Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 16 (2.5.1890)
- Date
- 1890-05-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Nr. IG. Gerlin, 2. Mai 1890. Dev GemeLndebote. Weibage zur „Aksgemeinen Zeitung öes Zuöenthums". Sie Nachliargrmidstückc -er berliner Synagoge. B. I» der jüngsten Repräsentantensitzung der Berliner jüdischen Gemcmde kam unter Anderem eine Angelegenheit zur Besprechung, ivelche wohl geeignet ist, weitere Kreise zu interessiren. Die jüdische «Gemeinde hat vor einiger Zeit,- theils zur Erweiterung des Krankenliauscs, theils zur Gewinnung einer zweiten Einfahrt in den Synagogenljof die Grundstücke Oranienburgerstraße 29 und 31 in ihren Besitz gebracht. Neben diesen Gründen sielen Wohl auch noch Erivägungen architektonischen Charakters sowie der Wunsch, Störungen des Gottesdienstes durch unliebsame Nachbarn vermieden zu sehen, ins Gewicht. Die Frage nun, wie, nachdem den oben genannten! baulichen Bedürfnissen entsprochen worden, der Rest der Grundstücke j;u verwenden sei, hat einen lebhaften Meinungsaustausch der j Repräsentanten hcrvorgerufen.; Zwei Prinzipien traten hier zu Tage, welche, beide vollauf be-! rechtigt, sich doch schroff gegenüber stehen. Bon der einen Seite wurde! die Nothwendigteit eines möglichst ökonomischen Vorgehens lebhaft! betont und das Interesse der Steuerzahler in den Vordergrund ge-! stellt. Demgemäß wurde die Anlegung von Wohnungen und! Läden für nothwendig erachtet, um aus dem Miethsertrage eine Einl nähme für den Gemeindeseckel zu erzielen. Die gegentheiligc Meinung; geht dahin, daß die Grundstücke mehr im ideellen als iin materiellen! Interesse der Geineinde zn verwenden seien. Wenn wir auch dem erstgenannten ökonomischen Gesichtspunkte volle Gerechtigkeit widerj fahren lasse», so können wir doch nicht umhin, dem andern Vorschlag,! welcher für Herstellung von Räumlichkeiten eintritt, die in erster Linie gemeindlichen und sonstigen jüdisch-gemeinnützigen Zwecken dienen sollen, aus vollein Herzen zuzustimmcn. Zunächst ivill uns scheinen, daß die Einrichtung von Lüden unmittelbar am Eingang eines Gotteshauses in jedem Falle vermieden werden muß. Es würde kaum angängig sein, die sänrmtlichen Lädeninhaber zu verpflichten, daß sic stets während des Gottesdienstes die Läden geschlossen halten möchten; andernfalls aber wird die Erregung von Aergerniß unausbleiblich sein. Auch für die Wohnungen, namentlich für solche, deren Feilster etwa nach dem Synagogenhof hinaus gehen würden, dürften leicht ühiiliche Schwierigkeiten entstehen. Schon ein Klavier, ivelches in einer solchen Wohnung während des Gottesdienstes gespielt ivürde, könnte Störungen verursachen. Anderseits sind der Zwecke so zahlreiche, für deren Erfüllung hier die geeignete Gelegenheit sich bietet. Zunächst, ist es eine unbestrittene Thatsache, das; die augenblicklich der jüdischen Gemeinde zu Gebote stehenden Büreaurüume für deii Umfang der Verwaltung schon längst iiicht mehr ansreichen. Hier ist zu allererst dringend Abhilfe geboten. Sodann dürfte es ivohl angebracht sein — und dieser Wunsch soll sich auch auf den Neubau in der Lindenstraße beziehen — daß, wie früher in der Heidereutergassc, so neben jeder Synagoge eine Amtswohnung für einen der Rabbinen und Cantoren sich befände; eine Maßnahme, ivelche nach mancher Richtung vortheil-! hast wirken würde. Endlich aber haben wir in Berlin eine Anzahl von jüdischen Institutionen, ivelche für ihre Wirksamkeit theils theurc, theils iingenügendc Miethsränine zu erwerben gezwungen sind. So befindet sich die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums in der dritten Etage eines Hvfraumes, ebenso die Alliance Israelite, und bis vor kurzer Zeit der Deutsch-Israelitische Gemcinebund; VersainmliuigeN für Besprechung jüdischer Angelegenheiten, sowie Generalversammlungen jüdischer Vereine müssen vielfach in Privatwohninigen oder in Restaurants stattfinden — cs fehlt also an einem Gebäude, welches den Mittelpunkt des jüdisch-sozialen Lebens in der Residenz bilden kann. Auch der Mangel einer Gemeinde-Bibliothek und eines für Studie,zwecke geeigneten Gemeindearchivs geben einen Fingerzeig, wie die Nachbargrundstücke der Synagoge würdige Verwendung finden können. U Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 27. April. In der beutfdjen Presse herrscht wieder lebhafte Entenjagd. Schade nur, daß wir Juden den Stofs dazu hergeben müssen. Eine solche fette Ente watschelte in diesen Tagen burd) die trüben Gewässer der jndenfeindlichen Zeitungspresse, wo es hieß: „Wahrscheinlich wird demnächst in London eine internationale Konferenz von Vertretern des Judenthums ftattfiubeu, nm den Ursachen der jüngsten Wuthausbrüche gegen die Juden auf dem Festlande auf den Grund zn kommen. Die Anregung, welche einer Meldung der „Köln. Ztg." zufolge von der Berliner Synagoge ausgegangen sein soll, ist in London mit großem Beifall ausgenommen worden." Wir brauchen unfern Lesern natürlich nicht erst die Versicherung zu geben, daß die ganze Nachricht vom Anfang bis zum Ende total erfltnben ist. Die „Berliner Synagoge" hat andere linb schwerere Ausgaben, als derartigen Phantasiegebilden nachzujagen; diese und ähnliche Nachrichten aber können wirklich nur iit der „Synagoge des Teufels" entstehen. dp Berlin, 27. April. Am vorigen Sonntag fand in Hannover ein von etwa zweihundert Mitgliedern aus Deutschland besuchter Antisemiten tag statt, der in aller Stille vorbereitet war, und über den der „Köln. Ztg." von angeblich gut unterrichteter Seite Folgendes mitgetheilt wird: „Die Verhandlungen waren geheim. Wir wissen trotzdem, daß ein umfangreicher Feldzugsplan für die nächsten Reichstagswahlen ausgearbeitet worden ist. Die Herren haben eine größere Reihe von Wahlkreisen zur besonderen Bearbeitung in den nächsten fünf Jahren ansgewählt, darunter Stade, Kaiserslautern, Hagen, Bielefeld. Minden-Lübbecke, Lörrach, Bingen, während dem Tr. Böckel und seinen Genossen ganz Oberhessen als ihr besonderes Agitationsgebiet überlassen ist. Auch in Elsaß-Lothringen, wo allerdings der AntisemitismnH in vielen Gegenden ein wohtvorbereitetes Feld finden würde, will man die Judenhetze einbürgern. Die Partei, der früher nur geringe Geldmittel zur Verfügung standen, scheint mit einem Male förmlich in Geld zu schwimmen. Wer die unbekannten Geldgeber sein mögen, bleibt vorläufig in Dunkel gehüllt. Wohl nur, um den vorhergegangenen geheimen Kongreß 31t maskiren und die Behörden zu täuschen, wurde am Abend eine öffentliche Versammlung im Konzerthause abgehalten, in welcher vier hervorragende Redner der Partei merkwürdig „zahme" Reden hielten. Daß der Feldzug sich in erster Linie gegen die Wahl kreise der Parteiführer von Bennigsen uitb Miguel richten soll, wäre zwar ein kindisches Unterfangen, würde aber vermuthen lassen, woher der Wind weht. Wenn man für einen solchen Versuch viele Tausende wegwerfen kann, dann müssen allerdings ungeheure Mittel zur Verfügung stehen." Der „B. B.-E." bemerkt hierzu: Solche Mittel stehen in der That zur Verfügung. Die Verhandlung gegen Herrn Pickenbach wegen Wuchers kann daran nichts ändern. Man ist darüber erstaunt gewesen. Mit vielem Unrecht. Es ist nur natürlich, wenn aus dieser Gesellschaft einmal Einer wegen derjenigen Strafthaten gefaßt wird, deren sie alle schuldig sind. Nur in der Art der Geschäftsführung unterscheiden sie sich von einander. Es wird sich in nicht zu ferner Frist